Rekord-Hochwasser im Jahrestakt
12.05.2009 | 18:33 Uhr 2009-05-12T18:33:00+0200
Nicht einmal zehn Monate nach dem so genannten „Jahrtausend-Hochwasser” hat es am Abend des 1. Mai im Dortmunder Süden ein „Jahrhundert-Hochwasser” gegeben. Sehr lokal, sehr kurz, aber sehr heftig.
Mindestens 50 Keller liefen voll. Wie vor zehn Monaten wurde der Zaun am Zoo von den Sturzfluten der Schondelle umgedrückt.
„Das kann man keinem mehr erklären”, gibt sich der Leiter der Stadtentwässerung, Dr. Christian Falk, verständnisvoll für Bürger, die sauer reagieren, wenn der Kanal mal wieder überläuft. Und, als wenn es inszeniert wäre, kommt der Bürger in der Kleingartenanlage Wichlinghofen sofort angerannt. Dort wird heute ein neues Regenrückhaltebecken offiziell in Betrieb genommen.
»Eine Sch...planung ist das hier!«
„Wer ist hier verantwortlich?” will Rolf Schlehenkamp wissen. Falk gibt sich als zuständig zu erkennen und erlebt eine Welle von Schmähungen. „Eine Sch...-Planung” sei das Regenrückhaltebecken. Ein Zulauf aus Wichlinghofen sei vermutlich übersehen worden, behauptet Schlehenkamp.
Dass es die Wassermassen am 1. Mai nicht verkraftet hat, überlief und einen Garten - die Parzelle des Sechstage-Stehers Schmadtke - unter Wasser gesetzt hat, ist Falk bekannt. Vor der Eröffnung ist der Zulauf des Beckens vom Wasserdruck demoliert und ganz fix erneuert worden.
Dennoch bleibt Falk sachlich. „Das Becken hat als Puffer für den Olpkebach voll funktioniert”, behauptet der Interims-Hochwasserbeauftragte. „Kanäle sind für zweijährige Hochwasser-Ereignisse dimensioniert. Was Dortmund in den letzten Jahren erlebe, sei nicht normal - und auch nicht beherrschbar, stellt Falk unmissverständlich klar. Die Stadt habe schnell reagiert und im letzten Jahr 30 Mio. statt 20 Mio. Euro in den Hochwasserschutz gesteckt. Auch an der Olpketalstraße, Höhe Augustinum, wird ein Schutzbecken gebaut. „Die Anlagen mildern das Ereignis aber nur.” Falk: „Ich bin kein Klimaforscher, aber die veränderten Verhältnisse sind für Wasserwirtschaftler deutlich erkennbar.”
Auch die Emschergenossenschaft beobachtet die „dramatische Häufung der Ereignisse” nicht tatenlos. „Wir überplanen die Risikostudie zum Regenrückhaltebecken Marten noch einmal”, berichtet Gewässermanager Ekkehard Pfeiffer. „Um sie der neuen Situation anzupassen.” Danach werde das im Juli in den Emscherfluten untergegangene Pumpwerk „leistungsfähiger” dastehen als heute. „Dortmund hat Pech im Moment”, merkt Pfeiffer an.
Die Emschergenossenschaft will die Emscher-Städte „neu pushen, möglichst viel versiegelte Flächen aufzubrechen, um möglichst viel Regenwasser zurückzuhalten”. Schulen, Industrie- und Gewerbeflächen müssten entsiegelt werden, damit mehr vor Ort versickern kann, fordert die Emschergenossenschaft. Auch die Stadt wolle Asphalt und Beton aufbrechen, versichert Falk.
02:09
Liebes Doktorchen, zu Ihrem BlaBla:
Die Stadt Dortmund *ist* zusammen mit den anderen Emscher-Anrainern die Emschergenossenschaft.
Die EG hat niemals behauptet, dass die Emscherrückbau-Verzögerung der Hochwasser-Problematik geschuldet ist. Sie hat selbst früh - vor der Katastrophe - darauf hingewiesen, dass Düsseldorf einen großen Teil der fälligen Zuschüsse für den planmäßigen Weiterbau eingefroren hat. Der einzige Kritikpunkt ist, dass die Anrainerstädte seinerzeit beim Hochwasser-Aktionsplan 2005 die Zuflüsse der Emscher trotz Aufforderung aus Arnsberg aus eben diesem Plan explizit ausgeschlossen hatten. Das war ein Fehler, wie man heute weiß.
Das Gutachten wurde an einen anerkannten Spezialisten für Hochwasserschäden vergeben, der nachweislich - z.B. im Rahmen der Aufarbeitung des Oder-Hochwassers - kein Verwaltungsfreund ist. Die Ergebnisse sind allesamt nachvollziehbar und sorgen natürlich dafür, dass Stadt und EG aufgeschreckt wurden. Und das ist, wenn ich die Aussagen von Falk und Pfeiffer richtig deute, im Falle der immensen Bodenversiegelung in den letzten 30 Jahren dringend notwendig und anscheinend erkannt.
Das ist also kein Aktionismus, wie Sie es wieder mal schnellplappern, sondern ein Umdenk-Prozess, der jetzt beginnen muss, aber - vor allem bei unseren Städteplanern - noch Jahre dauern wird.
Die Sturzflut des letzten Sommers war weder vorhersehbar noch konnte sie allein mit technischen/baulichen Möglichkeiten des Emschersystems verhindert werden - es sei denn, Sie erklären hunderttausenden Emscher-Anwohnern, warum man mit ihren Gebühren 50 Meter hohe Deiche und Pumpwerke mit Leistungen für eine Nordsee-Springflut baut.
Die Verantwortung allein auf die EG zu schieben heißt leichtfertig zu vergessen, dass man hier auf einem Schwamm lebt, der durch den sterbenden Bergbau stellenweise unter Meeresniveau zusammengefallen ist.
Anders ausgedrückt: Wenn Sie ins Auto steigen, schnallen Sie sich ja auch selbst an, anstatt darauf zu warten, dass das Jemand vom Amt tut.
PS, Herr Nill: Ein *Regen*rückhaltebecken dient nicht zum Schutz vor Wassermassen bei solchen Starkregen-Fluten wie kürzlich und letztes Jahr. Es ist zum kontrollierten Zwischenspeichern von Regenmengen, die z.B. über mehrere Tage das Emschersystem überlasten könnten, gedacht. Für Starkregen-Ereignisse in kürzester Zeit gibt es wie z.B. hier in Marten direkt neben dem RRB am Pumpwerk spezielle *Hochwasser*rückhaltebecken, die größer sind und schneller geflutet werden können. Aber auch hier sind den Wunsch-Dimensionen nach solchen Katastrophen räumliche und wirtschaftliche Grenzen gesetzt.
19:00
War nicht nach dem Jahrtausend-Hochwasser von 2008 angeblich beim Hochwasserschutz alles in Ordnung, wie auch teure - von der verantwortlichen Emschergenossenschaft und der Stadt Dortmund in Auftrag gegebene - Gutachten bestätigten?
Warum dann die Begründung der Emschergenossenschaft Mehrkosten und Zeitverzögerungen beim Emscher-Umbau seien einem verbesserten Hochwasserschutz geschuldet?
Nun auch Hochwaserschutz-Aktionismus bei der Stadt Dortmund, die neue, leistungsfähigere Kanäle verlegt, Regenrückhaltebecken anlegt und erweitert, Flächenentsiegelt und für zusätzliche Versickerungsflächen sorgt. War aber doch alles in Ordnung - oder?
Mensch muß den Verantwortlichen zu Gute halten, dass nun etwas getan wird. Aber erst nach den Schäden. Die BürgerInnen werden offenbar für blöd gehalten, der Eindruck entsteht - oder?