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Rechte Zeugen sagen im NSU-Untersuchungsausschuss aus

04.03.2016 | 02:51 Uhr
Die Ausschuss-Mitglieder im Saal des NSU-Untersuchungsausschusses.
Die Ausschuss-Mitglieder im Saal des NSU-Untersuchungsausschusses.Foto: Federico Gambarini/Archiv

Dortmund/Düsseldorf.  Auf einen tiefen Blick in die rechtsradikale Szene Dortmunds hofft am Freitag der NSU-Untersuchungsausschuss in Düsseldorf. Zwei Zeugen sind für die 29. Sitzung geladen, die beide in der rechtsradikalen Szene der Stadt verankert waren und gemeinsame Drogengeschäfte tätigten. Ihr heutiges Verhältnis dürfte indes angespannt sein.

Mit Robin S. und Sebastian Seemann sitzen im CDU-Fraktionssaal zwei Zeugen im Ausschuss, die in ihrer Vergangenheit mehr als einen Schnittpunkt aufweisen. Beide waren rechtsradikal, bewegten sich im Umfeld der Dortmunder C-18-Gruppe. Beide waren hochkriminell, dealten unter anderem mit Drogen. Und beide waren befreundet - bis zu einem Gerichtsprozess im Jahr 2007.

Es ging um einen gescheiterten Raubüberfall, angeklagt war damals Robin S.. Er hatte einen Supermarkt in Dortmund-Brechten überfallen wollen, da er dringend Geld brauchte. Beute machte er keine, dafür schoss er einen Kunden nieder und wurde gefasst. Vor Gericht wollte sich der damals 22 Jahre alte Sch. zu der Tat eigentlich nicht äußern. Was sich in dem Moment änderte, als durch die Gerichtsakten offenbar wurde, dass sein Freund Sebastian Seemann V-Mann des Verfassungsschutzes war.

S. gab seine Zurückhaltung auf und erklärte vor Gericht, zu dem Überfall habe ihn Seemann angestiftet und ihm auch eine Waffe gegeben. Zuvor war offenbar ein Drogengeschäft in NRW geplatzt und mit der Beute sollte der Verlust ausgeglichen werden.

S. wurde zu acht Jahren Haft verurteilt, im Gefängnis machte er später durch einen Briefwechsel von sich reden. In der Haft bekommt er 2013 einen 26 Seiten langen Brief von Beate Zschäpe, der einzigen Überlebenden des NSU. Angeblich kennen sich S. und Zschäpe zum Zeitpunkt dieses Briefwechsels erst seit zwei Monaten.

Sebastian Seemann indes ist nicht nur durch die Verwicklung in den Raubüberfall eine der zentralen Figuren der Dortmunder Neonazifiguren in den Jahren um 2000 herum. So war Seemann unter anderem befreundet mit Michael Berger. Der erschoss am 14. Juni 2000 drei Polizisten und anschließend sich selbst.

Zwei Tage nach der Tat wurde Seemann vernommen, er hat noch im Januar 2000 in einem Wald an der Lippe mit Berger Schießübungen veranstaltet, unter anderem mit einer AK 47, einem russischen Sturmgewehr. Kennengelernt habe man sich im Dortmunder "Schützeneck", das war zu der Zeit die zentrale rechtsradikale Kneipe im Ruhrgebiet.

Michael Bergers Taten gelten bis heute nicht als politisch motiviert, auch sie werden noch Thema im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss werden.

Nach Bergers Selbstmord geht Seemann seinen Weg weiter. Er betreibt eine Kneipe in Lünen und wird 2004 Spitzel des Verfassungsschutzes. Seemann hat beste Kontakte in die belgische Neonaziszene, über die er offenkundig leicht an Waffen kommt. Er organisiert Konzerte der rechtsradikalen Band Oidoxie um den Sänger Marco Gottschalk, hier schließt sich der Kreis zu der der terroristischen Vereinigung Combat 18. Combat 18 (C18), übersetzt Kampfgruppe 18, die Ziffern stehen für den Platz der Buchstaben A und H im Alphabet, AH für Adolf Hitler. C18 ist der militante Arm des ursprünglich aus England stammenden rechtsradikalen Netzwerkes Blood & Honour (Blut & Ehre). Die Menschen, die in Ostdeutschland den NSU unterstützen sollten, kamen aus diesem Netzwerk.

In Dortmund gründet sich um die Band Oidoxie herum eine C-18-Zelle, in der Seemann eine tonangebende Figur ist. Anfang 2006 löst sie sich ohne ersichtlichen Grund plötzlich auf, obwohl die Strukturen natürlich weiter existieren. Wenige Monate später wird Mehmet Kubasik in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße durch den NSU erschossen. Der Kiosk, in dem der Familienvater hingerichtet wird, liegt nur wenige Meter entfernt von dem ehemaligen Rechten-Treff Schützeneck. Das Ordnungsamt hatte das Schützeneck im Jahr 2000 geschlossen, dem Wirt war Unzuverlässigkeit vorgeworfen worden.

Seemann ist in der Szene nach seinem Outing als V-Mann verbrannt, gegen ihn wird 2008 ein Prozess wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und Waffenbesitz eröffnet. Lang dauert er nicht: Durch ein schnelles Geständnis werden keine Einzelheiten bekannt, auch die Rolle des Verfassungsschutzes, die mit Seemann einen Mann mit zweistelliger Vorstrafenzahl als V-Mann rekrutiert, bleibt völlig im Dunkeln.

Seemann bekam im Zeugenschutzprogramm eine neue Identität und lebt heute unter anderem Namen an einem anderen Ort.

Da soll sie, so muss man das sehen, auch bleiben: Während Robin S. in Düsseldorf öffentlich aussagen soll, spricht Sebastian Seemann unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dass das so ist, so heißt es, geschah auf erheblichen Druck aus den entsprechenden Behörden.

Tobias Großekemper

Kommentare
04.03.2016
11:39
Rechte Zeugen sagen im NSU-Untersuchungsausschuss aus
von haralemm | #1

Mehr Hintergrund zu den beiden "Kameraden" in etwas ungewöhnlicher Form hier: http://weisse-woelfe-comic.de/lesen/#1

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Rechte Zeugen sagen im NSU-Untersuchungsausschuss aus
Rechte Zeugen sagen im NSU-Untersuchungsausschuss aus
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2016-03-04 02:51
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