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Rassismus und Gewalt im Fußball — zu komplex für einen Abend

22.11.2013 | 14:04 Uhr
Rassismus und Gewalt im Fußball — zu komplex für einen Abend
BVB-Fans positionieren sich gegen Nazis.Foto: imago

Dortmund.  Das evangelische Bildungswerk Dortmund lud am Donnerstagabend zu einer Diskussion zum Thema "Rassismus und Randale im Fußballstadion". Schnell wurde deutlich: Ein Abend reicht nicht, um über dieses komplexe Thema zu diskutieren — und das, obwohl sich die Teilnehmer eigentlich einig waren.

Hat Borussia Dortmund ein Nazi-Problem ? Dieser Frage wollte das evangelische Bildungswerk mit einer Podiumsdiskussion auf den Grund gehen. Die Antwort war jedoch schnell gefunden: ein klares Jein. Walter Kemper, Leiter des Staatsschutzes der Dortmunder Polizei erklärte, warum: Die Partei "Die Rechte" , die besonders im Fokus der Polizeiarbeit stehe, spiele im Stadion so gut wie keine Rolle. Die Polizei könne jedoch nur einschreiten, wenn rechtsextreme Straftaten begangen würden — und die gebe es auf der Südtribüne kaum bis gar nicht.

Dennoch gebe es in Teilen der Fanszene rechte Tendenzen, denen begegnet werden müsse. Hartmut-Anders-Hoepgen, Sonderbeauftragter der Stadt Dortmund für Vielfalt, Toleranz und Demokratie, stellte fest, dass im Stadion lediglich die Symptome von Rechtsradikalismus bekämpft werden könnten. Die Ursachen seien jedoch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

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Anders-Hoepgen lobte den BVB dafür, das Nazi-Problem erkannt und mit dem Runden Tisch gegen Rechts passende Maßnahmen ergriffen zu haben. Der BVB-Fanbeauftragte Sebastian Walleit wurde deutlicher und übte dabei auch leise Kritik an seinem Arbeitgeber: "Der BVB reagiert oft erst dann, wenn es um sein Image geht." So hätten die mittlerweile fünf Fanbeauftragten der Borussia "dicke Bretter bohren" müssen, um die Nazi-Problematik in den Köpfen der Verantwortlichen zu verankern — "Es wurde lange weggeschaut". Erst als im August 2012 ein Rechtsradikaler ein Solidaritätsbanner für den kurz zuvor verbotenen Nationalen Widerstand Dortmund auf der Südtribüne präsentierte, sei die Sensibilität im Verein gestiegen.

Kontroverse Diskussion um verbale und körperliche Gewalt

Kontroverser wurde die Diskussion, als es um verbale und körperliche Gewalt beim Fußball ging. "Fußballstadien sind für viele ein Ventil, um die Sau rauszulassen", erklärte der Mitarbeiter des Dortmunder Fan-Projekts Davud Mohammed. Die Fan-Vertreter Arne Steding und Malte Dürr waren sich einig, dass "derbe Sprache in den Bereich der Folklore" gehöre. Letztlich komme es auf die Grenze an, die jeder persönlich für sich ziehe. Rassistische Beleidigungen kämen für sie keinesfalls in Frage. "Tod und Hass dem S04" sei hingegen tolerierbar — eine Aussage, die bei anderen Diskussions-Teilnehmern Kopfschütteln verursachte. Dürr präzisierte: "Ich finde es deutlich schlimmer, wenn die Südtribüne in der 80. Minute mit ausgetreckten Armen 'Sieg' ruft — da kann ich nicht mitrufen."

INFO
Podiumsdiskussion über Rassismus und Gewalt

Neun Teilnehmer erörterten das Thema "Rassismus und Randale im Fußballstadion" bei einer Podiumsdiskussion des evangelischen Bildungswerks.

Die Diskussionsrunde bildete den Abschluss des Themenjahrs "Reformation und Toleranz" der evangelischen Kirche. Zur Einleitung hielt der Journalist und Experte für rechtsextreme Tendenzen in Fußballstadien Ronny Blaschke einen kurzen Vortrag über die verschiedenen Erscheinungsformen von Rechtsextremismus im Stadionumfeld.

Auf dem Podium saßen:

  • Alfred Buß (Präses der evangelischen Kirche von Westfalen)
  • Norbert Dickel (Stadionsprecher des BVB)
  • Arne Steding (Macher des Fanzines schwatzgelb.de)
  • Davud Mohammed (Fan-Projekt Dortmund)
  • Edzard Freyhoff (Polizeioberrat, Leiter der Polizeiinspektion I)
  • Walter Kemper (Leiter des Staatsschutzes der Dortmunder Polizei, Einsatzleiter "Kein Raum für Rechtsextreme")
  • Hartmut Anders-Hoepgen (Sonderbeauftragter der Stadt Dortmund für Vielfalt, Toleranz und Demokratie)
  • Sebastian Walleit (Fanbeauftrager des BVB)
  • Malte Dürr (BVB-Fan, SPD-Ratsvertreter in Herdecke und Kritiker von NRW-Innenminister Ralf Jäger)
  • Moderation: Gregor Schnittker

In Punkto körperliche Gewalt zeigte sich eher Ratlosigkeit. Moderator Gregor Schnittker fragte Walleit, was vor dem Derby schief gelaufen sei, so dass es zu den Benaglo-Würfen in der Schalker Arena kommen konnte. "Nichts", konterte der Fanbeauftragte und erklärte: "Mehr als vor diesem Spiel kann man nicht machen. Es gab Sicherheitsgespräche, Gespräche mit den Ultra-Gruppen und mit der Polizei." Am Ende reichten jedoch "drei bis fünf Leute", um diese Vorbereitungen zunichte zu machen. "Das Gewaltmonopol in den Ultra-Gruppen haben Leute mit  einer sozialdarwinistischen Einstellung." In den Gruppen fehle es an der nötigen Selbstreflexion , um dem zu begegnen. "Wir können mit den Leuten reden, aber wir können sie nicht heilen" so Walleit.

Der Fanbeauftragte gewährte Einblicke in die Spirale, die junge Fans zu Gewalttätern werden lassen könne. "Wer auf dem Weg zur Berufsschule jeden Tag von Schalkern verprügelt wird und Hausbesuche bekommt, radikalisert sich." Einige seien nach Dortmund gezogen, weil sie in ihrem vorigen Wohnumfeld dauerhaft drangsaliert worden seien. Letztlich seien bei solchen Fällen auch Stadionverbote keine Lösung. "Stadionverbote gehören bei Ultras fast zum guten Ton", so Walleit. Die Konsequenz: "Einige Fans gehen halbbekloppt ins Stadionverbot und kommen vollbekloppt zurück", weil sie während des Verbots von anderen radikalisiert worden seien. Malte Dürr sprach sich für mehr Differenzierung bei der Vergabe von Stadionverboten aus: "Es kann nicht sein, dass ein echte Gewalttäter und jemand, der einen Aufkleber klebt, gleich hart bestraft werden."

Kritik an Pfeffersprayeinsätzen der Polizei

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Im weiteren Verlauf wurde auch das Publikum miteinbezogen und äußerte zum Teil auch Kritik am Vorgehen der Polizei. Speziell der umstrittene Polizeieinsatz beim Champions-League-Spiel zwischen Schalke und Saloniki kam zur Sprache. Malte Dürr bemängelte die Fehlerkultur der Polizei. Steding, Mitinitiator der Fanaktion "Ich fühl mich sicher" sagte in Richtung der Polizei: "Bei 80 Verletzten durch einen Pfeffersprayeinsatz auf einer vollen Tribüne fühle ich mich nicht mehr sicher." Edzard Freyhoff gab zu, dass ein Problem von Pfeffersprayeinsätzen sei, dass Unbeteiligte getroffen würden. Darum dürfe in Dortmund nur nach Freigabe durch den Einsatzleiter zu diesem Mittel gegriffen werden. "Straftäter festzustellen ist mit Pfefferspray schwierig", so der Polizist.

Dürr übte Kritik an NRW-Innenminister Ralf Jäger, der Fans kriminalisiere. Staatsschützer Kemper pflichtete dem Fan indirekt bei: "Politiker werben grundsätzlich um Wählerstimmen. Es gibt Forderungen von Ministern, die rechtlich gar nicht umgesetzt werden können ."

Letztlich entpuppte sich das komplexe Thema der Veranstaltung als zu facettenreich, um in 90 Minuten abgehandelt zu werden. Darüber, dass Rassismus abzulehnen sei, waren sich alle Beteiligten einig. Doch bei Thema Gewalt gibt es offenbar gerade zwischen Polizei und Fans noch Klärungsbedarf.

Stefan Reinke

Kommentare
22.11.2013
17:43
Rassismus und Gewalt im Fußball — zu komplex für einen Abend
von aiaiaiaioooh | #3

Und wieder einmal sind die andere schuld und natürlich sind es die Schalker.
"Drei bis fünf Leute" werfen Pyrotechnik und die Fan-Vertreter Arne...
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2 Antworten
Objektiv bleiben!
von altererlerjunge1919 | #3-1

Lieber Kollege aiaiaiaioooh: Auch bei uns gibt es "Tod und Hass dem BVB!" Dass aber Fan- Vertreter diese Sprüche noch tolerierbar finden, das geht überhaupt nicht. Beim Spiel gegen den BVB war ich in der Nordkurve. Ich sah, wie mindestens 30 bis 40 Schwarze den BVB-Block umrundeten. Ich dachte zuerst, das wäre die Polizei. Die Folgen sind ja bekannt. Weidenfeller wurde attackiert, ebenso wurden Geschosse in Zuschauerblöcke abgefeuert, und bei der ganzen Aktion klatschte der ganze BVB-Block. Das muss man diskutieren. Ich hörte auch schon im Zug:"Ernst Kuzorra, wir pi.......en auf dein Grab." Selbstreflexion ist auf beiden Seiten angesagt. Übrigens, die Mehrheit in der Nordkurve, Fanclubs vom Bodensee bis zum Sauerland, sind friedlich und objektiv. Deinem letzten Satz stimme ich mit 1904% zu.

Rassismus und Gewalt im Fußball — zu komplex für einen Abend
von Leseviel | #3-2

@altererlerjunge1919

"...30-40 schwarze..."?

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2013-11-22 14:04
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