Rassismus und Gewalt im Fußball — zu komplex für einen Abend

BVB-Fans positionieren sich gegen Nazis.
BVB-Fans positionieren sich gegen Nazis.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Das evangelische Bildungswerk Dortmund lud am Donnerstagabend zu einer Diskussion zum Thema "Rassismus und Randale im Fußballstadion". Schnell wurde deutlich: Ein Abend reicht nicht, um über dieses komplexe Thema zu diskutieren — und das, obwohl sich die Teilnehmer eigentlich einig waren.

Dortmund.. Hat Borussia Dortmund ein Nazi-Problem? Dieser Frage wollte das evangelische Bildungswerk mit einer Podiumsdiskussion auf den Grund gehen. Die Antwort war jedoch schnell gefunden: ein klares Jein. Walter Kemper, Leiter des Staatsschutzes der Dortmunder Polizei erklärte, warum: Die Partei "Die Rechte", die besonders im Fokus der Polizeiarbeit stehe, spiele im Stadion so gut wie keine Rolle. Die Polizei könne jedoch nur einschreiten, wenn rechtsextreme Straftaten begangen würden — und die gebe es auf der Südtribüne kaum bis gar nicht.

Dennoch gebe es in Teilen der Fanszene rechte Tendenzen, denen begegnet werden müsse. Hartmut-Anders-Hoepgen, Sonderbeauftragter der Stadt Dortmund für Vielfalt, Toleranz und Demokratie, stellte fest, dass im Stadion lediglich die Symptome von Rechtsradikalismus bekämpft werden könnten. Die Ursachen seien jedoch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

Fußball-Fans Anders-Hoepgen lobte den BVB dafür, das Nazi-Problem erkannt und mit dem Runden Tisch gegen Rechts passende Maßnahmen ergriffen zu haben. Der BVB-Fanbeauftragte Sebastian Walleit wurde deutlicher und übte dabei auch leise Kritik an seinem Arbeitgeber: "Der BVB reagiert oft erst dann, wenn es um sein Image geht." So hätten die mittlerweile fünf Fanbeauftragten der Borussia "dicke Bretter bohren" müssen, um die Nazi-Problematik in den Köpfen der Verantwortlichen zu verankern — "Es wurde lange weggeschaut". Erst als im August 2012 ein Rechtsradikaler ein Solidaritätsbanner für den kurz zuvor verbotenen Nationalen Widerstand Dortmund auf der Südtribüne präsentierte, sei die Sensibilität im Verein gestiegen.

Kontroverse Diskussion um verbale und körperliche Gewalt

Kontroverser wurde die Diskussion, als es um verbale und körperliche Gewalt beim Fußball ging. "Fußballstadien sind für viele ein Ventil, um die Sau rauszulassen", erklärte der Mitarbeiter des Dortmunder Fan-Projekts Davud Mohammed. Die Fan-Vertreter Arne Steding und Malte Dürr waren sich einig, dass "derbe Sprache in den Bereich der Folklore" gehöre. Letztlich komme es auf die Grenze an, die jeder persönlich für sich ziehe. Rassistische Beleidigungen kämen für sie keinesfalls in Frage. "Tod und Hass dem S04" sei hingegen tolerierbar — eine Aussage, die bei anderen Diskussions-Teilnehmern Kopfschütteln verursachte. Dürr präzisierte: "Ich finde es deutlich schlimmer, wenn die Südtribüne in der 80. Minute mit ausgetreckten Armen 'Sieg' ruft — da kann ich nicht mitrufen."

In Punkto körperliche Gewalt zeigte sich eher Ratlosigkeit. Moderator Gregor Schnittker fragte Walleit, was vor dem Derby schief gelaufen sei, so dass es zu den Benaglo-Würfen in der Schalker Arena kommen konnte. "Nichts", konterte der Fanbeauftragte und erklärte: "Mehr als vor diesem Spiel kann man nicht machen. Es gab Sicherheitsgespräche, Gespräche mit den Ultra-Gruppen und mit der Polizei." Am Ende reichten jedoch "drei bis fünf Leute", um diese Vorbereitungen zunichte zu machen. "Das Gewaltmonopol in den Ultra-Gruppen haben Leute mit einer sozialdarwinistischen Einstellung." In den Gruppen fehle es an der nötigen Selbstreflexion, um dem zu begegnen. "Wir können mit den Leuten reden, aber wir können sie nicht heilen" so Walleit.

Der Fanbeauftragte gewährte Einblicke in die Spirale, die junge Fans zu Gewalttätern werden lassen könne. "Wer auf dem Weg zur Berufsschule jeden Tag von Schalkern verprügelt wird und Hausbesuche bekommt, radikalisert sich." Einige seien nach Dortmund gezogen, weil sie in ihrem vorigen Wohnumfeld dauerhaft drangsaliert worden seien. Letztlich seien bei solchen Fällen auch Stadionverbote keine Lösung. "Stadionverbote gehören bei Ultras fast zum guten Ton", so Walleit. Die Konsequenz: "Einige Fans gehen halbbekloppt ins Stadionverbot und kommen vollbekloppt zurück", weil sie während des Verbots von anderen radikalisiert worden seien. Malte Dürr sprach sich für mehr Differenzierung bei der Vergabe von Stadionverboten aus: "Es kann nicht sein, dass ein echte Gewalttäter und jemand, der einen Aufkleber klebt, gleich hart bestraft werden."

Kritik an Pfeffersprayeinsätzen der Polizei

Verbotene Geste Im weiteren Verlauf wurde auch das Publikum miteinbezogen und äußerte zum Teil auch Kritik am Vorgehen der Polizei. Speziell der umstrittene Polizeieinsatz beim Champions-League-Spiel zwischen Schalke und Saloniki kam zur Sprache. Malte Dürr bemängelte die Fehlerkultur der Polizei. Steding, Mitinitiator der Fanaktion "Ich fühl mich sicher" sagte in Richtung der Polizei: "Bei 80 Verletzten durch einen Pfeffersprayeinsatz auf einer vollen Tribüne fühle ich mich nicht mehr sicher." Edzard Freyhoff gab zu, dass ein Problem von Pfeffersprayeinsätzen sei, dass Unbeteiligte getroffen würden. Darum dürfe in Dortmund nur nach Freigabe durch den Einsatzleiter zu diesem Mittel gegriffen werden. "Straftäter festzustellen ist mit Pfefferspray schwierig", so der Polizist.

Dürr übte Kritik an NRW-Innenminister Ralf Jäger, der Fans kriminalisiere. Staatsschützer Kemper pflichtete dem Fan indirekt bei: "Politiker werben grundsätzlich um Wählerstimmen. Es gibt Forderungen von Ministern, die rechtlich gar nicht umgesetzt werden können."

Letztlich entpuppte sich das komplexe Thema der Veranstaltung als zu facettenreich, um in 90 Minuten abgehandelt zu werden. Darüber, dass Rassismus abzulehnen sei, waren sich alle Beteiligten einig. Doch bei Thema Gewalt gibt es offenbar gerade zwischen Polizei und Fans noch Klärungsbedarf.