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Psychokrieg mit Gänsehautfaktor

23.12.2012 | 18:00 Uhr
Psychokrieg mit Gänsehautfaktor
Martha und George tauschen Gehässigkeiten aus, während sich Honey im Bad frisch macht.Foto: Edi Szekely

Bis einer heult: Martha und George fetzen sich – so richtig fies und mit Schlägen unter die Gürtellinie. Das Schauspielhaus inszeniert die Mutter aller Rosenkriege: „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Am Freitagabend war Premiere.

Bis einer heult: Martha und George fetzen sich – so richtig fies und mit Schlägen unter die Gürtellinie. Dabei geht es um nichts und um alles: um schlichte Langeweile im gemachten Wohlstands-Nest und um unerfüllte Lebensträume. Um die Daumenschrauben noch etwas fester anzuziehen tragen die Eheleute ihren Psychokrieg vor Publikum aus: Sie haben das Pärchen Honey und Nick und die Besucher des Schauspiel-Studios zu einem nächtlichen Umtrunk geladen. Das Schauspielhaus inszeniert die Mutter aller Rosenkriege: „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Am Freitagabend war Premiere.

Wie beim gemischten Doppel in einem Profi-Tennisspiel ziehen Martha und George ihre jungen Gäste in ihr perfides Spiel hinein. Aus den jeweiligen Ehepartnern werden Gegenspieler, aus den Männern wütende Kontrahenten, aus den Frauen misstrauische Außenlinien-Verteidigerinnen. Keiner wird den Abend ohne Verletzung überstehen. Dem Publikum wird ein Blick in einen Sumpf gewährt, indem auch die Zuschauer im Laufe der dreistündigen Inszenierung den Boden unter den Füßen verlieren, schier besoffen werden vom trunkenen Trubel auf der Bühne.

Knäuel aus Armen und Beinen

Und trotzdem gibt es viel zu Lachen. Etwa wenn der Midlife-kriselnde George und der ehrgeizige Nick im Eifer des Gefechts verwechseln, welche Frau es ist, die den größeren Schrecken darstellt, wenn sie in einem Knäuel aus schlagenden Armen und wirbelnden Beinen im Kampf über die Bühne rollen oder wenn die Derbheiten, die sich die Gegenspieler an den Kopf werfen, ins Skurrile abgleiten.

Friederike Tiefenbacher und Axel Holst spielen Martha und George als hätten sie selbst sich im jahrelangen Clinch auf diesen dreckigen Abend vorbereitet, die Zungen wie Klingen geschärft, jedes Wort ein Projektil. Vor allem Friederike Tiefenbacher glänzt in ihrer Zwitterrolle als Miststück und verletztes Mädchen. Wenn sie herrschsüchtig mit schräpiger Stimme „GEORGE!“ durch den Raum brüllt, stellen sich einem als Zuschauer die Nackenhaare auf. Ihr ungebremster Fall ins Bodenlose berührt, am Ende fließen sogar Tränen.

Julia Schubert und Björn Gabriel bilden als Honey und Nick den perfekten Gegenpart. Unschuldig, in ihrer Liebe zueinander rein, sind auch sie nicht. Aber unbeholfen, tapsig und wehrlos im Spiel, in das sie die alten Veteranen des Ehekrieges ohne Rücksicht auf Verluste hineinziehen.

Passend zu dem intensiven Spiel ist das Publikum um die Bühne herum drapiert. Von drei Seiten umschließen die Zuschauerränge den Kriegsschauplatz. Man ist ganz dicht dran. Und auch die Schauspieler verlassen diesen Boxring aus Parkett und Sofaecke immer wieder, stürmen durch die Reihen der Sitzenden, schreien von hinterrücks, suchen Beistand.

Sogar wenn sich die Agierenden ins Séparée zurückziehen, um im Bad ihren Rausch auszukurieren oder den Ehegatten eifersüchtig zu machen, kann das Publikum die Schauspieler beobachten, denn die Hinterzimmer sind nur durch einen durchsichtigen Gazevorhang von der Hauptbühne abgetrennt. Für die Schauspieler muss diese Lösung allerdings eine Geduldsprobe sein, muss doch der ein’ oder andere eine Viertelstunde auf dem Klo hocken bleiben.

Für die Zuschauer allerdings sind die drei Stunden dieser Inszenierung schnell vorüber.

Von Maike Rellecke



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