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Prostituierte am Straßenstrich Dortmund fürchten um Job und Arbeitsplatz

19.04.2011 | 06:00 Uhr
Prostituierte am 24.03.11 bei der Demo für den Erhalt des Straßenstrichs in der Nordstadt von Dortmund. Foto: Katrin FiggeFoto: Katrin Figge

Dortmund.   Der Alltag für die Frauen auf dem Straßenstrich an der Ravensberger Straße ist alles andere als lustig. Jetzt, wo die Schließung droht, haben alle — Deutsche und Bulgarinnen — einfach nur Angst um ihren Arbeitsplatz.

Olja Krechar hat alle Hände voll zu tun. Gerade hat der Regen eingesetzt, und im Kober-Container auf der Ravensberger Straße stürmen die Prostituierten die Theke: Instant-Kaffee, Kakao und Fünf-Minuten-Terrinen stehen griffbereit neben bunten Kondomen, Gleitmittel, Aids-Broschüren und Tempo-Taschentüchern.

Die schnelle Hühnersuppe ist der Renner bei den Frauen, die sich konsequent in zwei Gruppen teilen: Deutsche und Bulgarinnen. Olja aus Mazedonien ist Sozialwissenschafts-Studentin, arbeitet als Honorarkraft bei Kober, der Beratungsstelle für Prostituierte und spricht Deutsch, Englisch und drei Balkan-Sprachen .

Olja berät die Roma-Frauen im Sinne von Kober. Erklärt, wann die Ärzte Sprechstunde haben, hilft bei Behördengängen und kennt die persönlichen Geschichten, die sich alle ähneln: Mit 14 oder 15 Jahren von der Eltern verheiratet, mit 16 das erste Kind, mit 17 die Trennung vom Mann.

Huren-Marsch in Dortmund

Keine Schule, keine Arbeit, kein Geld – und geächtet. „Sie gelten zu Hause als unrein“, erklärt Olja. „Sie sind Muslime, aber nicht streng gläubig.“ Gemeinsam mit ihrem neuen Partnern betteln sie das Geld für die Fahrkarte zusammen und reisen in den goldenen Westen — nach Dortmund.

Weil der durchgehende Bus aus Plowdiw hier hält...

Weil der durchgehende Bus aus Plowdiw hier hält, und weil die Freundin, die schon hier ist, die Stadt in höchsten Tönen lobt. Hier lockt das schnelle Geld, von dem ein Großteil wöchentlich nach Hause geschickt wird. Denn die Sippe muss unterhalten werden. Und natürlich das Kind, das man bei den Eltern zurückgelassen hat.

Doch über Geld spricht man nicht. Nicht im Container. Und schon gar nicht mit den Deutschen. Denn die sind sauer. „Seitdem die ihre Dienste für fünf Euro anbieten, ist das Geschäft im Eimer“, sagt Kim wütend. „Ich bin seit sieben Stunden hier und habe 30 Euro in der Tasche.“ Auch die Kundschaft habe sich zum Nachteil verändert.

Zur Zeit wird die Ravensberger Straße als größter Straßenstrich Deutschlands gehandelt. Wenn nicht sogar Europas. Ein Superlativ, der nicht alle Frauen glücklich macht. Konkurrenz belebt in diesem Gewerbe nicht unbedingt das Geschäft, sondern lässt die Preise purzeln.

Vernichtung von mehreren hundert Arbeitsplätzen

Das einzige, was alle Frauen verbindet, ist Ratlosigkeit und die Angst vor dem Ungewissen. „Es ist die Vernichtung von mehreren hundert Arbeitsplätzen“, sagt eine Jenny. „Wenn ein Kaufhaus schließt, gehen die Leute auf die Barrikaden. Aber uns lässt man im Regen stehen.“ Dabei ist die Nachfrage ungebrochen - draußen fährt die Kundschaft im Sekundentakt vorbei. Mit Kennzeichen aus Essen, Soest, dem Sauerland, Emsland... Ein Betrieb wie zur Rushhour auf der B 1.

Jede hier auf der Straße macht sich Gedanken über die Schließung. Wohin? ist die Frage. „Vielleicht in eine andere Stadt“, sagt Dany, eine dralle Brünette und „politische Vorreiterin“ bei der Huren-Demo vor dem Rathaus. „Bochum, Hagen oder Essen. Bordelle und Clubs kommen nicht in Frage. Da wird man zu Praktiken gezwungen, die ich ablehne und die meiner Gesundheit schaden könnten.“ Allgemeines Nicken. Und überhaupt: „Warum soll die Nordstadt so plötzlich zum Superviertel hochgepusht werden?“ fragt Dany. „In unserer Straße passiert jedenfalls nichts Kriminelles.“

Ein Platz, an dem die Frauen ohne Angst arbeiten können

Eine junge blasse Frau kommt an den Tisch. Schwindel, niedriger Blutdruck. „Sie ist vergangene Woche schon einmal umgekippt“, sagt Olja. Sabine Reeh, seit acht Jahren als Sozialarbeiterin bei Kober tätig, schreibt eine Telefon-Nummer auf einen Zettel und reicht ihn der Bulgarin. „Nach Doc Müller fragen“, sagt sie. Und Olja übersetzt. „Ein Verbund aus ehrenamtlichen Ärzten hält hier regelmäßig Sprechstunde“, erklärt Reeh, die für den Erhalt des Straßenstrichs plädiert. „Hier ist ein Platz, an dem die Frauen ohne Angst arbeiten können.“

Ansonsten wären sie ungeschützt und eventuellen Übergriffen ausgesetzt. „Wir versuchen, die Frauen zu stärken, ihnen Selbstbewusstsein und Professionalität zu vermitteln. In der Illegalität würden sie bei Übergriffen aus Angst auf eine Anzeige verzichten. Und die Polizei hätte keine Chance, an die Täter oder Hintermänner zu kommen.“

Eine kleine Bulgarin unterbricht das Gespräch. Sie will Kondome kaufen. Aber bitte nur „aus Oljas Händen“. Weil Olja ihr Glück bringt. Glück? Vielleicht klappt‘s doch noch mit dem Erhalt der Arbeitsplätze...

Susanne Beckmann



Kommentare
19.04.2011
21:15
Angst vor dem Ungewissen
von theorethisch | #25

Nur eine konsequente und dauerhafte Rückfühung in die Heimatländer und eine Vergämung des Betätigungsfeldes und der Bedingungen können den weiteren Zustrom bremsen.
Den Betroffenen wird dann irgenwann die Lust vergehen , sich hier hin zu begeben.

19.04.2011
21:06
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19.04.2011
21:06
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19.04.2011
21:01
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19.04.2011
21:00
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19.04.2011
20:57
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19.04.2011
19:43
Prostituierte am Straßenstrich Dortmund fürchten um Job und Arbeitsplatz
von Europaideen | #19

Meiner Meinung nach sollte die Polizei die richtigen aufgreifen, verhören und dem Richter vorführen: die Zuhälter. Ich kann nicht beurteilen, wie schwer das ist,denn vor Gericht zählen nur Fakten , an die man wohl nicht so leicht kommt.
Die Huren sollte man in Ruhe lassen. Obwohl sie bestimmt so einiges an Geld einnehmen, ist ihr Beruf durch viele Faktoren bestimmt schwer genug .
Andere Berufe für Huren aus Südosteuropa? Ohne Sprachkenntnisse völlig unmöglich.
PS: den OB von Dortmund kann man auch verstehen, weil er die in den nächsten Jahren auf DO u.Umständen zukommenden Sozialgeld-Kosten vermeiden will. Er muss wohl so handeln.

19.04.2011
19:38
Angst vor dem Ungewissen
von feierabend | #18

Jo, und alleinstehende Frauen werden sehr gerne von älteren und unseriösen Herrschaften nach ihrem Sexualleben befragt, und wehe sie haben eins. Und bei Kirche dürfen sich Ehepaare nicht scheinden lassen, Leitungskräfte verlieren dann ihren Arbeitsplatz, sie dürfen nicht unehelich zusammenleben und niemanden von anderer Religion heiraten. Und hier wird lustig herumgewirtschaftet und auch noch gearbeitet. Na, dann bin ich wohl ein leichtes Mädchen... meine im Gegensatz zu vertrockneten Rosinen, die Moralapostel sind und Moralvorstellungen entwickeln, dass diese Damen im Artikel rot werden müssten.

19.04.2011
19:32
Angst vor dem Ungewissen
von butcher99 | #17

@#16 von Matsumura, leider allzuwahr

19.04.2011
19:11
Angst vor dem Ungewissen
von Matsumura | #16

Also meine Trauer bezüglich Arbeitsplatzverluste selbständiger Dienstleisterinnen hält sich gelinde gesagt in Grenzen. Arbeitsgelegenheiten wird es in dieser Branche auch nach der Schließung in Dortmund noch reichlich geben. Ganz im Sinne der freien Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage regulieren sich dabei von selbst. Standorte wird es auch zukünftig weiter genug geben.

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