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Hartware Medienkunstverein

Probenbericht vom Radioorchester

18.08.2012 | 07:00 Uhr
Probenbericht vom Radioorchester

16 Neugierige sind auf Einladung des HMKV gekommen, um ein Stück des Komponisten John Cage einzuüben. Das Besondere: Die Musikinstrumente sind Radiogeräte.

Zehn Radios – kleine, moderne Geräte und dicke Ghettoblaster, die schon etwas verstaubt wirken – stehen im Konferenzraum des Hartware Medienkunstvereins (HMKV). Die Geräte sind die Instrumente für das Stück „Imaginary Landscape No. 4“, komponiert von John Cage. Erwartungsvolles Murmeln liegt in der Luft, 16 Neugierige sind auf Einladung des HMKV gekommen, um das Stück einzuüben. Niemand ahnt, dass allen schon eine halbe Stunde später die Köpfe rauchen werden.

Angegebene Noten sind bindend für die Musiker

Erstmal beginnt der Abend aber ganz entspannt. Dirigent Matthias Mainz ist ein netter Typ, bietet locker das Du in der Runde an und gibt eine theoretische Einführung. „Bei Cage geht es um die Überwindung des Egos mit spielerischen Mitteln“, erklärt er, und dass man beim Musizieren mit Radios auf die gerade ausgestrahlten Sendungen und die in diesem Moment empfänglichen Frequenzen angewiesen ist. Aber auch, dass diese eingeplanten Zufallsmomente keine Anarchie in der Musik bedeuten, sondern Freiheit und Überraschung. „Die Partitur ist geschrieben wie für ein richtiges Orchester. Die Notation ist bindend.“

49988568--300x402.jpg Damit teilt Matthias die Partituren aus und die sehen gewaltig nach einer ernst zu nehmenden Komposition aus. Bei einigen wandern die Brauen gen Haarschopf, bei anderen ziehen sie sich in Konzentration zusammen. Eigentlich hatte es ja in der Einladung geheißen, musikalische Vorkenntnisse seien nicht von Nöten... „Grundsätzlich heißt es: Keine Angst haben!“, versichert Matthias der Runde und beginnt ganz klein: „Die Notenwerte spielen erstmal keine Rolle. Sie zeigen an, wann der Ton beim Radio angedreht werden muss. ⅛-Noten – das sind die mit dem Schwänzchen – zeigen das Ende des Tons an.“

Soweit klar. Doch in Sachen Ton gibt es noch etwas zu klären: Die zehn Radios spielen in zehn verschiedenen Lautstärken. Also müssen die Instrumente erstmal gestimmt werden – oder so in der Art. Die Geräte werden ausgeteilt. Je ein Radio für zwei Spieler. Batterien einsetzen bei den Ghettoblastern – dick wie kleine Stumpenkerzen – die modernen können aus der Steckdose mit Energie versorgt werden. Dann Rauschen, Musikfetzen, Schlager-Gedudel. Lautstärke angleichen. Jetzt kann es los gehen.

Hecktisches Gefummel an den Radiogeräten

„Alle Augen auf mich“, kommandiert Matthias. Ohne Disziplin geht es einfach nicht, schließlich soll das Stück nach drei weiteren Proben sitzen. „Ich zeige den Vierviertel-Takt an“, verkündet Matthias und schwingt die Rechte im rechten Winkel durch die Luft. Auf den zweiten Schlag im zweiten Takt sollen die Radios auf Frequenz 98 angedreht werden. Los geht's! Matthias schwingt, hektisches Gefummel an den Geräten.

Als das letzte Radio verstummt, bricht großes Gelächter aus. Matthias fährt sich hektischen durch die braunen Locken. „Ihr müsst mitzählen, wenn ich den Takt anzeige. Das macht jeder Musiker“, verrät er. Noch einmal von vorn und noch einmal und noch einmal. „Das, was Cage ein Glissando nennt, machen wir jetzt. Von Frequenz 98 im vierten Takt runter bis auf 90 im zwölften“, ordert der Dirigent. „Nicht nach einer Frequenz suchen, sondern gleichmäßig runterdrehen.“

Schwarzes Schaf stört den perfekten Ablauf

Freiwillige für das Radiokonzert gesucht!

Alle Teilnehmer stellen ihre Regler ein: Ton an, aber unhörbar, Frequenz 98. Rauschen verändert sich zu leiser Musik, wieder Rauschen. Stille. Alle blicken erwartungsvoll nach vorne. „Perfekt“, lobt der Ensemblechef. „Irgendwo gab es ein schwarzes Schaf, das noch leise ,krchchchhhh’ gemacht hat, aber ansonsten perfekt.“ „Unser schwarzes Schaft“, kommt es verlegen aus einer Ecke. Gelächter lockert die vorangegangene Anspannung. Nochmal betont Matthias: „Keine Angst, ihr lernt gerade ein sehr schweres Instrument und ihr seid sehr gut bei der Sache.“

Trotzdem gibt es Hausaufgaben: „Jede Aktion muss geplant ablaufen – auch wenn wir es nicht perfekt hinbekommen. Deshalb schlage ich vor, dass ihr die Partitur mit nach Hause nehmt und euch damit beschäftigt.“ So entlässt der Dirigent seine Radio-Musiker in den Abend.

Maike Rellecke

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2012-08-18 07:00
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