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Politik-Künstler "Die Populistinnen" kritisieren die Bundeswehr

30.12.2015 | 02:04 Uhr
Das Peng-Kollektiv im Sommer 2015 vor dem Schauspielhaus, v.l.: Max Thalbach, Anna Weißenfels, Anna Weißenfels, Max Thalbach und Anna Weißenfels. Das sind die Namen, die sie bei Gesprächen mit der Presse annehmen.
Das Peng-Kollektiv im Sommer 2015 vor dem Schauspielhaus, v.l.: Max Thalbach, Anna Weißenfels, Anna Weißenfels, Max Thalbach und Anna Weißenfels. Das sind die Namen, die sie bei Gesprächen mit der Presse annehmen.Foto: Tilman Abegg
Das Peng-Kollektiv im Sommer 2015 vor dem Schauspielhaus, v.l.: Max Thalbach, Anna Weißenfels, Anna Weißenfels, Max Thalbach und Anna Weißenfels. Das sind die Namen, die sie bei Gesprächen mit der Presse annehmen.
Das Peng Kollektiv vor dem Schauspielhaus, v.l.: Max Thalbach, Anna Weißenfels, Anna Weißenfels, Max Thalbach und Anna Weißenfels. Das sind die Namen, die sie bei Gesprächen mit der Presse angeben.

Dortmund.  Das Berliner Peng-Kollektiv ist seit Anfang der Spielzeit am Schauspiel Dortmund aktiv und hat nun seine erste Aktion fertiggestellt: eine Internetseite, die sich gegen die Anwerbe-Internetseite der Bundeswehr richtet. Im Interview erklärt die Gruppe, warum sie das macht und was das mit Dortmund zu tun hat.

Hohe Erwartungen hatten die Kunst-Aktivisten des Peng-Kollektivs geschürt, als sie Anfang November mit einer Party im Schauspiel die "Agentur für Zivilgesellschaft Die Populisten" gegründet haben. Damit begann ihre zweijährige Kooperation mit dem Schauspiel Dortmund. Die erste Aktion ist nun fertig: Eine Internetseite, die deutliche Kritik an der Anwerbe-Kampagne der Bundeswehr übt.

Die Seite der Politik-Künstler trägt Fakten zur Bundeswehr zusammen, die auf deren offizieller Kampagnenseite nicht auftauchen oder vergleichsweise schwer zu finden sind. Zum Beispiel die Zahl der Freitode von Soldaten (mehr als 3500 seit 1957).

Außerdem stellt die Seite der Künstler der Bundeswehr-Werbesprache ("Verantwortung übernehmen. Weiterkommen.") ihre eigene Sicht auf den Dienst an der Waffe gegenüber: "Die Realität von Krieg und Tod ist für viele der reinste Horror. Du bist vielleicht hart im Nehmen, aber das Töten von Menschen und der Tod von Kamerad/innen sind Erfahrungen, die den stärksten Charakter brechen können."

Wir haben die Mitglieder des Kollektivs dazu befragt. Wie es beim Peng-Kollektiv gängige Praxis ist, haben sie mit dem Pseudonym Anna Weißenfels geantwortet. Die Antworten repräsentieren die Haltung der gesamten Gruppe.

Wir sind darauf aufmerksam geworden und haben zusammen mit dem Schauspiel gedacht, dass man als PR-Agentur der Zivilgesellschaft sowas nicht unkommentiert stehen lassen kann, und dass eine Gegen-PR-Aktion nötig ist. Es gibt genug inhaltliche Gründe, eine solche gegen PR-Aktion zu starten.

In der Bundeswehrkampagne "Mach was wirklich zählt" sind 10,6 Millionen Euro öffentlicher Gelder geflossen, um eine manipulative Werbekampagne zu starten, die sehr selektiv Informationen verbreitet, während sie andere gezielt verschweigt und unter anderem den Beruf "Soldat/in" total verharmlosend darstellt. In der Werbekampagne der Bundeswehr klingt alles so, als ginge es beim Dienen "nur" um Selbstoptimierung, Abenteuerlust und Leistungssport. Begriffe wie "Krieg", "Tod", "töten" und so weiter werden komplett ausgeblendet, obwohl sie wesentlicher Bestandteil des Berufs sind.

Ferner wird in der Kampagne die Arbeit in der Bundeswehr als Möglichkeit dargestellt, etwas Gutes und Wichtiges für die Gesellschaft zu tun. Wir denken, dass gerade angesichts der gegenwärtigen Gewaltspirale und der globalen politischen Lage diese Botschaft falsch ist.

Es gibt so viele andere Bereiche der Zivilgesellschaft, in denen man ohne Waffen und Gewalt dringend nötige und sinnvolle Arbeit leisten kann (und in denen man die 10,6 Millionen Euro hätte investieren können).

Gegeninformation und populistische Gegen-PR waren hier also nötig. Auf unserer Seite www.machwaszaehlt.de findet man genug inhaltliche Punkte, warum der einseitigen Werbekampagne laut widersprochen werden musste.

Warum denn nicht? Nach mehr als 2000 Jahren Patriarchat, in denen immer die männliche Form für alle Geschlechter benutzt wurde, ist es Zeit die Selbstverständlichkeit dieser Gewohnheit und die in ihr verborgenen Machtverhältnisse zu durchbrechen und zum Nachdenken anzuregen. Seit dem Namenwechsel wurden wir von vielen Seiten gefragt: Warum die weibliche Form? Hätten Sie die Frage auch gestellt, wenn das Projekt weiterhin "Die Populisten" heißen würde?

Außerdem weist die Verwirrung, die das Verwenden der weiblichen Form (beziehungsweise der Wechsel von männlicher zu weiblicher Form und das wechselnde Gendern auf unserer Webseite) teilweise hervorruft, performativ auf die Unzulänglichkeit von binären Geschlechtzuweisungen hin (bei denen immer jemand ausgeschlossen bleibt, was durch eine inklusive und offene Form des Genderns in der Sprache mit Zeichen wie "_" oder "*" vermieden wird).

[Anm.d.Red.: "Gendern" ist abgeleitet vom englischen Wort Gender = Geschlecht und meint hier das bewusste oder unbewusste Zuweisen aller Mitglieder einer Gruppe durch einen männlichen beziehungsweise weiblichen Begriff für diese Gruppe, so wie Bezeichnungen wie "die Bürger", "die Politiker" oder "Die Populisten" fälschlicherweise behauptet, dass alle Mitglieder Männer seien.]

Soweit wir wissen, ist Dortmund von der flächendeckenden Werbekampagne der Bundeswehr nicht verschont geblieben und die Steuergelder, die da hinein geflossen sind, kommen aus der ganzen BRD, also auch aus Dortmund. Dies scheint uns insofern ein relevantes Thema für Dortmund, wie für alle anderen in der BRD auch.

Die Idee, so wie die Recherche und die Texte, sind in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel entstanden, da Mitarbeiter*innen dort auch wichtig fanden, sich dazu öffentlich zu äußern. Wir bekommen sehr viele Untertützungs- und Dankes-Emails aus ganz Deutschland und ja: auch aus Dortmund und Umland. Keine_r hat sich bisher beschwert, dass das Thema sie als Dortmunder (oder Berliner, oder Hamburger) nicht angeht, weil es von bundesweiter Relevanz ist.

Nein, Sie liegen natürlich nicht falsch. Obwohl es mir nicht so klar ist, warum ein bundesweites Thema keine Relevanz für Dortmund haben soll. "Mach was zählt" ist außerdem eine reine Online-Aktion, als schnelle Reaktion auf die Bundeswehrkampagne gedacht. Und im Netz existieren ja bekanntlich keine Stadt-Grenzen.

Oder meinen Sie mit "Dortmunder-Relevanz" Themen, die ausschließlich nur "den Dortmunder Publikum" interessieren oder auf Dortmunder-Boden stattfinden? Wir denken, dass wichtige Themen immer zugleich global und lokal wichtig sind, ohne dass dies sich ausschließen muss. Nach unserem Empfinden interessieren sich Dortmunder für viele verschiedene Themen (so sehen wenigstens die bei der Gründungsparty ausgefüllte Formulare aus).

Diese war aber auch nur die erste, fast spontane Aktion der Agentur Die Populistinnen. Die Kooperation hat erst begonnen, in den zwei Jahren wird noch viel mehr passieren und natürlich auch in Dortmund! Der Arbeitsort "Dortmund" ist für unsere Kooperation und dem Austausch mit dem Schauspielhaus unverzichtbar und wurde und wird in Zukunft genutzt, um zusammen mit dem Schauspielhaus Aktionen auf verschiedenen Bühnen zu bringen (medialen Bühnen, Theater-Bühnen, im öffentlichen Raum...) und an der Schnittstelle zwischen Theater, Aktivismus und PR zu experimentieren, wir wollen aber auch offen für globale Themen bleiben.

Tilman Abegg

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Politik-Künstler "Die Populistinnen" kritisieren die Bundeswehr
Politik-Künstler "Die Populistinnen" kritisieren die Bundeswehr
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2015-12-30 02:04
Dortmund