Weinbau in Dortmund - erste Emscher-Trauben geerntet

Schüler der Weingarten Grundschule bei der Traubenernte am Phoenixsee in Dortmund.
Schüler der Weingarten Grundschule bei der Traubenernte am Phoenixsee in Dortmund.
Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Am Dortmunder Phoenixsee ist der Strukturwandel jetzt komplett: Erstmals wurde dort jetzt Wein geerntet. Bei der Lese halfen örtliche Grundschüler tüchtig mit. Die Idee zum Weinbau im Ruhrgebiet hatte die Emschergenossenschaft. Das Projekt greift aber auch historische Wurzeln auf.

Dortmund.. Die Trauben sind goldgelb, dick und schmecken, wie sie aussehen: süß. „Das wird ein guter Wein“, sagt Helmut Herter. Ein fruchtiger Weißer, der dann trocken ausgebaut werden kann. Der Mann kennt sich aus. Er stammt aus einer Pfälzer Winzerfamilie.

Ein guter Wein? Von den Hängen der Emscher am Rande des Dortmunder Phoenix Sees? Gestern ernteten Grundschüler die Trauben eimerweise vom sonnenbeschienenen Rebhang am Nordufer des Sees. Die Sorte, die hier an 96 Rebstöcken seit einem Jahr heranreift, heißt nicht Riesling oder Müller-Thurgau, sondern Phoenix - wie das Stahlwerk, das anstelle des Sees hier bis zum Ende des letzten Jahrtausends noch stand. Die Emschergenossenschaft schwört, die Namensgleichheit sei reiner Zufall. Man konnte ja nicht vorausahnen, dass ausgerechnet diese robuste Traube sich gut eignet für den kargen Boden in Dortmund-Hörde, als man beschloss, am Phoenix See den Beweis anzutreten: nicht nur Strukturwandel im Ruhrgebiet ist möglich, sondern - in Zeiten des Klimawandels - auch Weinanbau.

Auch andere Städte zeigen Interesse

Kein Zufall ist der Name der Schule der glücklich pflückenden Kinder aus der Nachbarschaft: Denn dass es in Dortmunds Süden eine Weingartenschule (mit dazugehöriger Straße) und einen Winzerweg gibt, beweist mal wieder, dass das Revier ein Leben vor Kohle und Stahl kennt. In Hörde, weiß Willi Garth vom Heimatverein, ging früh der Klerus unter die Winzer: Messwein. Schon 1342 wurde das urkundlich erwähnt.

Satelliten-Bilder So mischt sich alles wie ein eleganter Cuvée zusammen, wenn in Hörde die - rein biologische - Ernte eingefahren werden kann. Den ersten Tropfen wird es aber erst kommendes Jahr geben. Man rechnet mit 150 Flaschen. Helmut Herter, hauptberuflich Bauingenieur bei der Emschergenossenschaft, freut sich schon auf die Verköstigung. In diesem Jahr sei der Reifegrad der Emscher-Trauben jedenfalls besser als der der Pfälzer gewesen: „Der Phoenix See ist ein optimales Weinbaugebiet.“

Aber möglicherweise nicht nur der Phoenix See. Auch andere Emscher-Städte haben Interesse an Weinbergen signalisiert, berichtet Ilias Abawi von der Emschergenossenschaft. Nanu? Sind das die zarten Ursprünge eines neuen deutschen Weinanbaugebietes – wird nach Mosel, Nahe, Rhein und Ahr demnächst - vielleicht, irgendwann - die Emscher genannt?

Beim Deutschen Weininstitut in Mainz zeigt man sich auf NRZ-Nachfrage amüsiert. Freilich: „Ich habe schon dänischen Landwein probiert. Der schmeckte durchaus“, meint Sprecher Ernst Büscher. In Deutschland werde Landwein auch in Mecklenburg-Vorpommern, in Schleswig-Holstein, sogar auf Sylt angebaut. Eine Faustregel: Etwa 1500 Sonnenstunden benötigt Wein für einen respektablen Geschmack.

Hohe Hürden für neues Anbaugebaut

Lange galt die vor den Toren NRWs liegende Ahr als „Weinanbauäquator“. Der Klimawandel schiebt die Grenze weiter nach Norden. Allein in den letzten 20 Jahren stieg die Durchschnittstemperatur im Rheingau um ein Grad Celsius – das ist viel, wie Büscher betont. Neben den 13 deutschen Qualitätsanbaugebieten wie der Mosel gibt es mittlerweile 26 Landweingebiete – und davon einzelne auch im Norden der Republik.

Die Hürden für ein weiteres Landweingebiet liegen hoch. Beim Ausweisen von Neuanpflanzungsflächen gibt es EU-weit starke Beschränkungen. Zudem gilt es Qualitätsvorgaben zu erfüllen wie das Mindestmostgewicht von 50 Grad Öchsle. Ausgeschlossen ist ein neues Landweingebiet nicht, entscheiden müsste das Bundesagrarministerium, „und dann musste das Gebiet auch in die deutsche Weinverordnung aufgenommen werden“, erklärt Fachmann Büscher.

Qualitätswein wird in NRW nur auf dem Mini-Areal am Drachenfels angebaut, das weingeographisch zum Mittelrhein zählt. Auf 15 Hektar erzeugen drei Winzer vorwiegend Riesling. Dabei dürfte es bleiben. Die Hürden für den Qualitätsanbau sind immens. Dass sich die Emscher mit ihrem Wein bei Mosel, Rhein und Nahe einreiht, gilt einstweilen als unwahrscheinlich. Schade eigentlich.