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Pfefferspray kommt in Verruf

24.06.2010 | 18:23 Uhr
Pfefferspray kommt in Verruf
Foto:ddp

Dortmund. Rund 50 aufgebrachte Türken skandieren lauthals „Mörder, Mörder“. In der Nacht zu gestern vor der Polizeiwache in Dortmund-Mengede ist die Stimmung aggressiv. „Die haben ihn umgebracht“, ist sich Adam (26) sicher. Er hat den Protest organisiert. Mit „die“ meint Adam Polizisten, die einen 32-jährigen türkischstämmigen Deutschen einen Tag zuvor nur mit Pfefferspray bändigen konnten. Wenige Stunden später starb der Mann im Krankenhaus. Nüchtern liest sich das Ergebnis der Obduktion: „Hinweise auf einen übermäßigen Einsatz körperlicher Gewalt bei der Festnahme fanden sich bei der Obduktion nicht“, so Oberstaatsanwältin Dr. Ina Holznagel.

Die Obduktion konnte die Todesursache nicht genau klären. Der Mann sei, so die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, „einem Multiorganversagen infolge eines schweren Kreislaufschocks erlegen“.

NNach dem Tod eines jungen Familienvaters demonstrierte eine Gruppe von Jugendlichen vor der Polizeistation in Mengede. WR Bild: Ralf Rottmann

Am Mittwoch gegen 2.30 Uhr hatten Anwohner im Ortsteil Oestrich Polizei und Rettungsdienst alarmiert (WR berichtete). Auf der Straße randalierte der 32-Jährige, grölte und raubte Anwohnern - nur wenige Meter von seinem Zuhause entfernt - den Schlaf. Als eine Rettungswagenbesatzung am Ort des Geschehens eintraf, stürmte der Mann laut Zeugen auf den Wagen zu, riss die Tür auf, „machte auf die Besatzung einen verwirrten Eindruck“, sagte Dr. Ina Holznagel. Das Wort „Wahnvorstellung“ sei gefallen.

Mit Pfefferspray gestoppt

Wenig später traf die Polizei ein. Nur mit Pfefferspray konnte sie den Mann zunächst stoppen. „Die vor Ort befindlichen Rettungssanitäter konnten bestätigen, dass der Verstorbene nach dem Pfeffersprayeinsatz durch die Beamten noch einmal aufgesprungen und mehrere Meter davon gelaufen ist“, berichtet die Oberstaatsanwältin. Erst danach sei es den Polizisten und Sanitätern gelungen, ihn erneut festzuhalten, zu fixieren, zu beruhigen und zum Rettungswagen zu bringen. Hier habe er - bereits auf der Rettungstrage liegend - plötzlich das Bewusstsein verloren.

Als Auslöser für den Tod des Mannes kommen verschiedene Umstände in Frage. So komme eine Vergiftung durch Betäubungsmittel, die der Mann zu sich genommen hatte, genauso in Betracht wie eine Infektion der oberen Atemwege, die sich bei der Obduktion nachweisen ließ. Außerdem könnte es zu dem Atemstillstand nach „massiver, auch psychisch ausgelöster Agitation gekommen sein. Zur weiteren Klärung werden in den folgenden Wochen toxikologische, feingewebliche und neuropathologische Untersuchungen durchgeführt“, so Dr. Ina Holznagel.

„Mörder, Mörder“

Doch davon ließen sich die Demonstranten nicht beeindrucken. Rund 40 meist türkische Jugendliche zogen am Donnerstag gegen 15 Uhr erneut vor die Wache, skandierten lauthals „Mörder, Mörder“, beleidigten die Polizeibeamten. Die Polizei setzte auf Deeskalation, war mit einem Großaufgebot auf alle Eventualitäten vorbereitet.

In der Vergangenheit war es immer wieder zu Zwischenfällen mit Pfefferspray gekommen, bei denen Menschen ums Leben kamen. Menschen unter Drogeneinfluss - wie in Dortmund - geraten außer Kontrolle, Polizisten greifen zum Pfefferspray, um sie zu bändigen. Und wenig später sind die Täter im Koma oder sterben. So gibt es Untersuchungen in den USA vom California Pacific Medical Center in San Francisco. Darin wird der Verdacht geäußert, dass Menschen, die unter Psychopharmaka oder Drogen stehen, nach Pfeffersprayeinsatz sterben könnten. Offenbar kann der künstliche Ersatzstoff im Spray - Capsaicin, das für Chili genommen wird - mit geringeren Dosen Kokain in Einzelfällen zu einer tödlichen Verbindung werden.

Ungefährlicher als Tränengas

Capsaicin ist einige hundert Mal schärfer als der schärfste Cayennepfeffer. Der Stoff reizt Augen und Schleimhäute. Er ist nach Untersuchungen - generell betrachtet - ungefährlicher als Tränengas. Das Pfefferspray gehört seit einigen Jahren zur Grundausstattung der Polizei, wurde zunächst in den USA eingesetzt. Mit ihm können Polizisten Randalierer in Schach halten, ohne zu Knüppel oder Pistole zu greifen. Bei den letzten Todesfällen in Deutschland hatten die Opfer vorher Drogen oder starke Beruhigungsmittel genommen.

Andreas Winkelsträter

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2010-06-24 18:23
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