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Obdachloser Kunst-Professor haust im eiskalten Auto

14.01.2013 | 20:00 Uhr
Obdachloser Kunst-Professor haust im eiskalten Auto
Siegfried K. (72) lebt auch bei eisigen Temperaturen im Auto. Jetzt denkt er über einen Ausweg nach.

Dortmund.  Ein Mann lebt in seinem Auto, bei Temperaturen unter 0 Grad schläft er auf dem Fahrersitz. Siegfried K. hat seit drei Wochen sein Quartier in der westlichen Innenstadt aufgeschlagen. Doch dem (Lebens)Künstler, der früher einmal Professor war, kommen Zweifel. Er träumt von einer eigenen Wohnung.

Welche Farbe der alte Opel hat, lässt sich unter dem Zentimeter dicken Schnee nur erahnen. Um den Wagen herum liegen Tüten voller Flaschen und Müll, ein Bäumchen ohne Blätter steht vor einem Scheinwerfer, an einem Baum hängt ein Hut, Marke Australischer Abenteurer. Im Wagen selbst sieht es nicht anders aus, er ist voll mit Sachen, die niemand mehr haben möchte.

Der bärtige Mann hinterm Steuer hat eine Dose Gummibärchen auf dem Schoß, Tabakreste liegen daneben. Für Siegfried K. ist das Fahrzeug längst kein Mittel zur Fortbewegung mehr – er lebt hier, schläft bei eisiger Kälte eingepfercht zwischen seinen Habseligkeiten. „Ich habe gerade nach etwas Essbarem gesucht“, erklärt er, blickt auf die Tüten und Zeitungen auf dem Beifahrersitz. Das Fenster auf der Fahrerseite hat er nach unten gedreht, aus dem Auto weht ein Duft, der an Hundefutter erinnert.

Ausstellung mit Wohlstandsmüll

Im September hatten wir bereits über den Mann berichtet , der sich selbst als Künstler – „Das kann ich mittlerweile von mir sagen“ – und Wissenschaftler bezeichnet. Damals war der heute 72-Jährige noch mit einem weißen Van unterwegs, sammelte „Wohlstandsmüll, das ist meine Ausstellung“, wie er selbst sagte. Und K. betonte, dass er keine Hilfe wolle.

Doch das hat sich jetzt anscheinend geändert. „Ich will hier weg“, sagt er über sein Quartier in der westlichen Innenstadt, wo er seit drei Wochen lebt. Es sei einfach zu kalt, nachts habe er minus 4 Grad gemessen. „Ich heize mit Kerzen“, sagt K. und zeigt auf das Armaturenbrett. Ein kleines Teelicht brennt noch, bald ist kein Wachs mehr da. Und auch der Sprit, ohne den die Heizung nicht funktioniert, gehe ihm aus.

Einfach wegfahren funktioniere auch nicht mehr – eine Ironie für einen Mann, der in einem Auto lebt. „Zwei Reifen haben sie mir zerstochen.“ Wer das war? „Neider“, meint der 72-Jährige. Oder Leute, die mit seinem Lebensstil nichts anfangen können. „Ich stamme halt vom fahrenden Volk ab“, sinniert K., Zirkusleute, Artisten seien unter seinen Vorfahren gewesen. Doch die Kälte fordert ihren Tribut. Nachts spüre er seine Füße nicht mehr, es zieht im Auto. Wie er schläft in all dem, was einmal zu seiner Ausstellung gehört hat, lässt sich nur erahnen. Bequem kann das nicht sein.

Die Gesellschaft funktioniert nicht mehr

K. findet, dass die Gesellschaft nicht mehr funktioniere. „Ich sehe, was falsch läuft. Keiner hilft mehr, keiner hat noch Zeit.“ Ein Mann habe ihm zum Beispiel Reibeplätzchen versprochen. Sein Geld habe er genommen, zurück kam der vermeintliche Helfer nie. Aber man müsse auch „mal die eigene Hose vollgesch... haben“, sagt der Künstler. Nur so könne man Missstände – Siegfried K. selbst spricht immer nur von „das“ – hautnah nachempfinden.

Doch das Leben auf der Straße nimmt ihn nicht nur körperlich mit. „Ich fühle mich manchmal wie 16. Aber wenn ich mich in einem Spiegel sehe, sehe ich ein altes Wurzelmännchen“, sagt der Mann mit dem langen Vollbart, Ironie flackert auf. Dennoch hat er einen Traum, ein Ziel. „Ich will wieder eine Wohnung mit Garten, ein Steinhaus vielleicht.“

Große Angst vor Dieben

Ja, das sei möglich. Denn „wenn ich mir etwas wirklich vornehme, dann schaffe ich das auch“. Ein (möglicher) erster Schritt: Er bat uns, mit dem Gesundheitsamt Kontakt aufzunehmen. Dort ist er bekannt, heute wird es einen Besuch geben. Denn einfach aussteigen, die Fahrertür öffnen und gehen, traut sich der Künstler nicht. „Ich kann hier nicht weg.“ Zu groß sei die Angst vor Leuten, die ihn bestehlen wollen.

Von Wolfgang Maas



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