Nur raus - nach 144 Stunden im Bunker
23.11.2007 | 20:56 Uhr 2007-11-23T20:56:52+0100Der Sonnenbunker wird in Dortmund kaum wahrgenommen. Doch als einziger zum Atombunker umgerüsteter Schutzraum ist das Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges bundesweit immer noch von großem Interesse. ...
... Gerade erst drehte der Südwestdeutsche Rundfunk (SWR) im Bunker. Der einzige Belegungsversuch in einem atomsicheren Bunker wurde 1964 nicht kritiklos hingenommen. Es gab Demonstrationen. Und erst aufgrund massiver Proteste durften Kinder nicht in den Betonklotz einziehen. So blieb es bei 144 Jugendlichen und Erwachsenen. Sie alle führten getreu Tagebuch. In vielen wird ein Slogan der "Bunkerballade" notiert worden sein: "Vieles ist auch vielen Wurst, gemeisam bleibt der große Durst...".
Der einstige WR-Reporter Thorsten Scharnhorst, der den Bunkertest mitmachte, hat ihn bis heute parat. "Und das schwere Schließens der Stahltürschleusen im Ohr."
Psychologin hoffte fast auf Bunkerkoller
All diese Befindlichkeiten notierte damals eine Psychologin des Bundeswehramtes. Sie beobachtete große Hilfsbereitschaft, ausgeprägten Kameradschaftsgeist, aber es wurde auch von neidischer Wachsamkeit und Gruppenkonkurrenz berichtet. Besonderes Augenmerk lag auf Personen, bei denen ein "Bunkerkoller" aus wissenschaftlicher Sicht beinahe erhofft wurde. Doch der blieb aus.
Hochsommerliche Temperaturen 30 Grad draußen - doch den Bunkertechnikern gelang es, das Barometer auf höchstens 23 Grad Celsius zu halten. Nur einmal sei im Schlafraum die Temperatur angestiegen: "Nach langer Suche wurde eine zum Trocknen aufgehängte Unterhose vor einem Lüftungsschacht als Ursache ausgemacht..." Auch ein Jubelchor zu Geburtstagen brachte einen kurzzeitigen Hitzeanstieg.
Mit großem Beifall, erinnert Scharnhorst, sei die Anordnung bedacht worden, die am vierten Bunkertag durch die Lautsprecher verkündet wurde: Von 13 bis 14 Uhr sollte "großes Schweigen" herrschen. Am 13. Juni 1964 informierte der Reporter über das erste Fazit des Versuchs: "...dass das Experiment gelungen ist." Was nichts über die Eignung des Bunkers aussage: "Nicht bei allen Konstruktionen stand die Zweckmäßigkeit Pate", formulierte er höflich. Wer schläft schon auf 60 cm breiten Pritschen?
Zum Ende der Studie waren 1000 m Kontrastpapier und 300 m EKG-Streifen verbraucht worden; Berge von Zigarettenkippen wurden täglich aus dem "Rauchersalon" entfernt. "Und die Ernährung aus Konserven war irrsinnig - schon weil die Müllmengen kaum zu bewältigen waren." Wie hätte das im Ernstfall mit 1500 Menschen über Wochen funktionieren sollen?
Doch 142 verbliebenen Menschen des Versuchs hinterfragten dies nicht: Alle warteten nur noch auf den großen Zapfenstreich. "Die Mädchen lackierten ihre Nägel, Trainingsanzüge tauschten sie gegen schicke Kleider, frisierten sich gegenseitig..."
Demo empfing die Testpersonen
Doch es galt auch noch Ratschlägen des Studienleiters zu lauschen: Vorsicht vor grellem Sonnenlicht, nicht sofort zu viel zu trinken... Und gewarnt wurde vor Demonstranten, u.a. der "Westddeutschen Frauen- und Friedensbewegung", die am Tag der "Freilassung" in der Zwickauer Straße aufmarschiert waren. Sechs Kripobeamte und 30 Polizisten standen bereit.
Die im Bunker anwesenden Journalisten erfuhren u.a. noch, dass z.B. die (durchgefallene) Einwegwäsche nicht für eventuelle Bunkerausstattungen getestet worden seien - sondern für Hilfskrankenhäuser. Studienleiter Prof. Josef Schunk: "Der Versuch war nie anders als ein Basisversuch geplant."
Scharnhorst damals: "Das Experiment in Dortmund brachte sicherlich wertvolle Erfahrungen, Rückschlüsse auf das Maß der Anforderungen, die in einem Krieg an die Menschen zu stellen sind. Der Test hat aber nicht bewiesen, dass in einem Bunker nach dem Modell Dortmund 1500 Menschen 30 Tage leben können. Der Beweis fehlt noch."
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