Tierischer Pfleger zum Kuscheln

Gern gesehene Gäste im Seniorenhaus Vinzenz: Ergotherapeutin Nicole Keuthen mit Mikka. Foto: Klaus Pollkläsener
Gern gesehene Gäste im Seniorenhaus Vinzenz: Ergotherapeutin Nicole Keuthen mit Mikka. Foto: Klaus Pollkläsener
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Dorstfeld.. Der neue Pfleger ist groß, pechschwarz und zur Begrüßung wedelt er fröhlich mit dem Schwanz. Mikka, der Pudelmischling, begleitet Ergotherapeutin Nicole Keuthen im Dorstfelder Seniorenhaus Vinzenz neuerdings zu ihren Patienten. Eine „tierische Therapie“ für die Bewohner, deren schwere Krankheit sie dauerhaft ans Bett fesselt und ihnen verbietet, an den Gruppentreffen oder -veranstaltungen des Hauses teilzunehmen.

„Wir kommen vor allem zu den bettlägerigen Patienten, die sonst nicht mehr rauskommen“, sagt Nicole Keuthen, wegen fortgeschrittener Demenz oder Schlaganfällen. Mikka hilft dann als „Brückenbauer“ zwischen Therapeutin und Patienten, er kann selbst schwer erkrankte Bewohner „aus der Reserve locken“. Der große sanfte Hund wirkt beruhigend, kuschelt sich ohne Scheu aufs Bett und lässt sich bereitwillig streicheln. Er ist Entspannungshilfe und weckt bei manchen sogar Erinnerungen an bessere Tage. Wer früher selbst einen Hund hatte, dem hilft Mikkas Nähe oft besonders, glaubt Keuthen.

Die Therapeutin nutzt das für kleinere Übungen mit ihren Patienten: „Viele können durch ihre Krankheit gar nicht mehr richtig zugreifen. Wenn sie Mikka aber streicheln oder ein Leckerli geben, klappt das auf einmal wieder besser.“ Oft unbewusst drehen sich die Bewohner dann, um näher bei Mikka zu sein – Bewegungen, die sie ohne den Hund unbedingt vermeiden würden.

Die Erfolge der Tiertherapie im Seniorenhaus Vinzenz sind schwer messbar, aber leicht sichtbar: Zum Beispiel an der Bewohnerin, die sich schon sehr in ihre eigene Welt zurückgezogen hatte, selbst an guten Tagen auf Fragen nur mürrisch mit „Ja“ oder „Nein“ antwortete. „Wenn Mikka bei ihr ist, dann blüht sie richtig auf, erzählt von früher. Der Hund wirkt da wie ein Türöffner in ihre eigene Welt.“

Eine Welt, die oft unter Schmerz, Krankheit und Vergessen verschüttet liegt, die aber manchmal zurückkehrt, wenn der große schwarze Hund die Tür dazu aufstupst.

Erfolge bei der Therapie mit Pferden und Delfinen sind in vielen Bereichen der Medizin längst bestätigt, in Deutschland steckt die spezielle Tiertherapie für Senioren offenbar noch in den Kinderschuhen: „Da hinken wir ziemlich hinterher, auch im internationalen Vergleich“, sagt Nicole Keuthen. Unserer Nachbarn seien da längst weiter: „In den Niederlanden oder der Schweiz sind solche Therapieformen weit verbreitet.“

Bislang erkennen auch die deutschen Krankenkassen diese Methode nicht an, Keuthens Einsatz gilt als normale Ergotherapie.

Trotzdem: Sie bringt Mikka zwei bis dreimal in der Woche mit („Alles andere wäre auch für das Tier zu anstrengend“), weil sie von den Erfolgen bei der Arbeit mit den Patienten überzeugt ist. Die Kosten für Mikka trägt sie selbst, ihre Ausbildung zum „Therapiebegleithundeteam“ bezahlte ihr das Seniorenhaus. Die absolute Grundvoraussetzung für eine erfolgreiches Gelingen, sind aber Charaktereigenschaften des Hundes: „Er darf absolut keine Aggressionen zeigen, selbst wenn ihm mal ein Rollstuhl über den Schwanz fährt oder ihm die Krücken zu nahe kommen“, sagt Keuthen.

Und ein Hund kommt eben selten allein: Neben Mikka trifft das auch noch auf Kira zu, die mit Frauchen Heike Bierhals regelmäßig im Seniorenhaus Vinzenz aufschlägt und kleinere Kunststücke für die Patienten vorführt.