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Kubas Barfuß-Mediziner als Vorbild

17.09.2012 | 18:31 Uhr
Kubas Barfuß-Mediziner als Vorbild
Dorothea Moesch in der Bürgerwohnung Westerfilde.Foto: Klaus Pollkläsener

Westerfilde.   In loser Reihenfolge stellen wir Menschen vor, die sich ehrenamtlich für andere Menschen einsetzen und ihnen helfen. Heute: Dorothea Moesch mit ihrem Projekt Bürgerwohnung in Westerfilde.

Sie sind voll ausgebildete Mediziner und doch arm. Die Barfuß-Mediziner aus Kuba sind Akademiker mit der Berufung, Kranke im Volk aufzusuchen und jenen Bedürftigen um jeden Preis zu helfen. Deshalb sind sie arm – aber erfüllt. Die Barfuß-Mediziner aus Kuba sind das große Vorbild von Dorothea Moesch aus Westerfilde.

Die 48-jährige gelernte Sekretärin und studierte Germanistin lebt seit sechs Jahren im Dortmunder Westen. Nach ihrem Abitur am Marie-Curie-Gymnasium in Recklinghausen studierte die gebürtig aus Oer-Erkenschwick stammende Moesch zunächst Katholische Theologie und dann Philosophie in Münster. Während ihrer Promotion zum Thema „Feministischer Erkenntnisstand am Beispiel von Science Fiction und Fantasy“ erlitt die Doktor-Anwärterin einen herben Rückschlag: Starke Rückenprobleme zwangen sie zum Abbruch der Arbeit. Folgende Operationen fesselten sie an den Rollstuhl. Ein Wiedereinstieg in die Arbeitswelt bleibt der bis heute hoffnungsvollen Sekretärin verwehrt.

Viel Unterstützung aus dem Ortsteil erfahren

„Ich bin nicht behindert und schon gar nicht schwächer – ich rolle eben und andere laufen“, präsentiert sich die Germanistin stark und engagiert. Dann eben ehrenamtlich. Nach ihrem Umzug nach Dortmund vor sechs Jahren bot Dorothea Moesch in der Privatwohnung, die sie mit ihrem Mann teilt, Sprachkurse für Migranten in ihrer Küche an – erst drei, dann sechs. Mit der Möglichkeit, die 77 Quadratmeter große Wohnung in Westerfilde (Wehrling 20) zu beziehen, nahm Moeschs Traum, Menschen neue Türen zu öffnen neue Gestalt an. Als Vorsitzende des Vereins „Bildung für Westerfilde“ hat sie im Frühjahr 2011 die Dortmund weit erste Bürgerwohnung gegründet.

Zu Beginn musste Moesch mit geringen finanziellen Mitteln um das Bestehen der Wohnung kämpfen. „Wir haben klein angefangen“, blickt Moesch auf die Zeit zurück, in der sie und ihr Mann am Wochenende Brot aßen, um Geld von der Hartz IV- Versorgung abzuzwacken, damit sie Toilettenpapier für die Wohnung kaufen konnten.

Doch dann erfuhr die ehemalige Buchhalterin viel Unterstützung. „Ich war erstaunt, wie viel die Bürger aus Westerfilde gespendet haben“ Drei Zimmer konnte Dorothea Moesch mit Spenden möblieren, vier deckenhohe Bücherregale sind gefüllt mit Literatur und sogar eine Küche gab es kostenlos. Heute lernen hier mit einem Angebot von fast 20 Modulen Schüler, Eltern und Großeltern aus zehn Nationen schreiben, sprechen und lesen bei einer studierten Germanistin und kochen bei einer ausgebildeten Köchin. Außerdem erhalten Schüler aller Altersklassen Nachhilfeunterricht in allen Naturwissenschaften bei Jürgen Moesch, Diplom-Physiker und Ehemann von Dorothea Moesch.

Was Moesch selber als seltsame Didaktik beschreibt, ist zugleich ihre Lebensphilosophie für neue Perspektiven: „Was wollt ihr lernen?“ eröffnet Dorothea Moesch regelmäßig ihre Lernsitzungen mit ihren Schülern und setzt so bei der Neugier der Kinder und Jugendlichen an. „Es gibt einen Weg mit Zukunft für euch und der heißt Bildung“, predigt Moesch ihren Schützlingen, die zum Großteil mit sozialen Problemen aufwachsen und nur selten die Chance bekommen, das Gymnasium zu besuchen

„Ich will, dass die Kinder wissen, dass es eine Welt außerhalb von Westerfilde gibt, dass mehr möglich ist“, erzählt Moesch, die nebenbei noch Schöffin am Jugendgericht Dortmund ist. Fragt man die Bildungsvermittlerin nach den Gründen für die Begeisterung für ihre Arbeit, erzählt Dorothea Moesch von einer marokkanischen Schülerin, die sie vor einigen Jahren kennengelernt hat. „Sie wollte Krankenschwester werden oder Hausfrau. Sie ist unglaublich schlau und ich habe sie überredet, auf das Gymnasium zu wechseln“, rekonstruiert Moesch.

Heute steht die Schülerin kurz vor ihrem Abitur, schreibt Einsen und träumt von einem Pharmazie-Studium und einer eigenen Apotheke. Die Begeisterung ist nicht einseitig.

Noch viele Träume und Visionen

„Doro Teize“ nennen viele türkische Kinder die Frau, die sie aufnimmt und fördert – es heißt Tante und zeugt von Vertrauen und Hoffnung. „Doro Abla“ – große Schwester nennen türkische Mütter die Muslima, die vor 14 Jahren zum Islam konvertierte und den jungen Müttern die Chance bietet, Deutsch entweder zu erlernen oder es zu perfektionieren. Vieles läuft schon so, wie Dorothea Moesch es sich vorstellt, aber sie ist kein Mensch von Stagnation und so hat sie Träume, Visionen und eine klare Perspektive für Westerfilde: „Ich träume davon, dass es nach der Bürgerwohnung ein ganzes Bürgerhaus gibt und wir das Angebot noch in alle Richtungen erweitern können!“

Bastian Nill


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