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Geheimnisse in Sütterlin

25.01.2013 | 16:42 Uhr
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Geheimnisse in Sütterlin
Herbert Schmitte aus Westerfilde übertrug ein Tagebuch aus dem 2. Weltkrieg von Sütterlinschrift in Lateinische Schrift.Foto: Anja Cord

Westerfilde.   Herbert Schmitte hat seiner Bekannten versprochen, ein Tagebuch in die lateinische Schrift zu übertragen. Er kann Sütterlin lesen. Und das Versprechen hat er gehalten.

Fein säuberlich, in blassgrauer Tinte sind die Buchstaben auf das vergilbte Papier gebannt. 30 Zeilen pro Seite. 28 Seiten fasst die in einen blauen Deckel eingefasst Kladde insgesamt, deren Farbe durch die Jahrzehnte deutlich an Intensität eingebüßt hat. „Es sind die Jugenderinnerungen eines Mannes aus den Jahren 1945 und 1946“, erzählt Herbert Schmitte aus Westerfilde. Der 83-Jährige ist nur wenig jünger als der Verfasser des Tagebuchs. „Eine Bekannte hat sich an mich gewandt“, erklärt Schmitte. Es handle sich um die Schriften ihres Vaters. „Doch die kann sie nicht lesen.“ Der Grund: Die Zeilen sind in Sütterlin verfasst – jener Schrift, die 1915 im damaligen Preußen eingeführt und von 1935 an als deutsche Volksschrift in den Schulen gelehrt wurde.

Identität bleibt ein Geheimnis

Herbert Schmitte hat seiner Bekannten versprochen, das Tagebuch in die lateinische Schrift zu übertragen. Er kann Sütterlin lesen. Und sie möchte wissen, was den eigenen Vater kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs bewogen hat, in Dortmund Fuß zu fassen. „Hier – in Dortmund – fand er seine Liebe“, berichtet „Dolmetscher“ Schmitte. In der Ruhrgebiets-Metropole kommt das Schicksal eines Kriegsflüchtlings zu einem Happy End. Wer ist dieser Mann, wer seine Tochter – Schmittes Bekannte? Das soll ein Geheimnis bleiben. So wollen es die Beteiligten. Doch die in Sütterlin verfassten Aufzeichnungen liefern den Beweis zweier Jahre, die aufregender nicht hätten sein können.

Mit dem Zug macht sich der Verfasser des Tagebuchs Anfang 1945 auf, nach Wittenberg (heute Sachsen-Anhalt) zu reisen, begleitet von seinem Freund. Denn in der Lutherstadt wartet die Mutter des Tagebuch-Schreibers auf ihren Sohn. Ursprünglich stammt die Familie aus dem schlesischen Breslau, heute Polen. Dorthin will der Autor der Schrift mit seiner Mutter wieder zurückkehren.

„Es ist beeindruckend“, sagt Herbert Schmitte, „wie er seine Ankunft in Breslau beschreibt.“ Die Stadt ist zerbombt. „Es gibt keine Hoffnung mehr, die einstige Wohnung seiner Familie zu finden.“ Doch die Bombe hat „nur“ ein Loch in die Küche gerissen. Der Rest der Bleibe ist unversehrt. Aber die Freude über die Heimkehr währt nicht lange: Zwar blüht der Schwarzhandel und der Vater von Schmittes Bekannter verdingt sich als Dachdecker und Klempner, aber die Familie wird aus Breslau vertrieben. Die aufregende Flucht führt über mehrere Stationen bis nach Dortmund. Dort findet er schließlich seine Liebe. Der Krieg ist vorbei.

Vom Tagebuch zum Bergbau

Der Bergbau sucht händeringend Arbeitskräfte. So wird aus dem Tagebuch-Schreiber ein Bergmann. Weitere Aufzeichnungen gibt es nicht.

Zwei Jahre aus dem Leben eines Menschen. Herbert Schmitte hat sie gelesen – und in die lateinische Schrift übertragen. Zwei Drittel des Tagesbuchs hat er schon „übersetzt“ – originalgetreu, ohne etwas zu verändern. Bald wird seine Bekannte wissen, wie ihr Vater die Mutter kennen gelernt hat. Das war in Dortmund – 1946.

Sebastian Schulte

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