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Bücher aus der Backsteinmauer

22.01.2013 | 11:43 Uhr
Bücher aus der Backsteinmauer
Beate u. Jürgen Kunert haben in einem alten Verteilerkasten an ihrem Grundstück in der Deininghauser Straße in Bodelschwingh eine Büchertauschkiste eingerichtet.Foto: Franz Luthe

Bodelschwingh.   Bodelschwingh.Öffentlicher und unkomplizierter kann eine Bücherei nicht sein: Direkt neben einer Bushaltestelle gelegen, mit durchgängiger Öffnungszeit über das ganze Jahr und kostenloser Ausleihe.

Öffentlicher und unkomplizierter kann eine Bücherei nicht sein: Direkt neben einer Bushaltestelle gelegen, mit durchgängiger Öffnungszeit über das ganze Jahr und kostenloser Ausleihe. Gibt’s nicht? - Gibt’s doch! In Bodelschwingh hat das Beispiel, das es inzwischen in und an vielen Orten Deutschlands gibt, Schule gemacht: ein Bücherschrank in einer Mauer an der Deininghauser Straße.

Die Mauer aus roten Backsteinen trägt eine dicke Mütze aus weißem Schnee. Dahinter ducken sich, wie aus einer Landschaft auf einer Modelleisenbahn, kleine Fachwerkhäuser. Schwarz-weiße Fassaden, nicht ganz gerade Wände, kleine Fenster. Überragt vom Turm der evangelischen Kirche Bodelschwingh. In einem der Häuser wohnen Beate und Jürgen Kunert – die Initiatoren des Bücherschranks.

Einen „alten Stromverteilerkasten, noch aus Zeiten der VEW“ hat Jürgen Kunert vor dem Häuserensemble zum Bücherschrank, oder wie er es nennt, zur „Bücherkiste“ umfunktioniert. Die Kabelklemmen sind längst verrostet, Stromleitungen gibt es keine mehr. Spannung hingegen schon: In Form von Literatur. Hitchcock etwa. Die gebundenen Ausgabe von „Es ist gemordet“. Wer es lieber weniger aufregend angehen will, ist vielleicht mit einem Konsalik besser bedient, der nicht weit vom Altmeister des Gruselns liegt.

Mit vier Taschenbüchernangefangen

Mit ein paar Holzbrettern hat Jürgen Kunert den ausgedienten Verteilerkasten zum Bücherregal umgerüstet. „Mit vier Taschenbüchern haben wir angefangen“, blickt Beate Kunert zurück. Das Motto „Eins raus, eins rein“ haben seit dem offenbar viele befolgt: Die Bretter im Bücherschrank in der roten Backsteinmauer sind voll. Selbst ein paar CDs sind hinterlegt.

Das Prinzip ist ganz einfach: Wer ein Buch aus seinem privatem Bestand ausgelesen hat, kann es in dem öffentlichen Bücherschrank ablegen. Dafür darf er sich ein anderes Buch aussuchen und mitnehmen. Eine Straßenbücherei, ohne Formalitäten, ohne Ausweis, ohne Maximalausleihzeitraum, ohne Mahnungen, anonym und kostenlos.

Dabei muss das Tauschverhältnis nicht zwingend 1:1 sein. Wie etwa bei Simone Beißert. Sie schaut über die Regale und wählt gezielt aus. „Wenn ich heute ein Buch finde und mitnehme, komme ich morgen wieder, und lege dafür ein anderes hinein“, erzählt sie, während ihr Blick über die Buchrücken schweift.

„Wir lesen viel“, berichten die Initiatoren Beate und Jürgen Kunert. Oder anders ausgedrückt: „Wir könnten einen Buchladen aufmachen.“

Eine Kiste voller Romane mitsozialen Dimensionen

Denn: Bücher wegschmeißen – nein, das können und das wollen sie nicht. Als sie bei einer Freundin vor der Haustür eine ähnliche, öffentliche Bücherkiste kennengelernt haben, war schnell klar: Auch die Bodelschwingher sollen eine Bücher-Tausch-Anlaufstelle bekommen. Da kam der leere VEW-Verteilerschrank in der Straßenmauer gerade Recht.

„Wir sind froh über jedes Buch, das wir noch nicht kennen“, profitieren auch die Leseratten Beate und Jürgen Kunerts von ihrer Idee. Außerdem habe die Kiste auch eine „soziale Dimension“, findet Jürgen Kunert: Bücher einfach tauschen statt zu kaufen. Günstiger kann man nicht mal an einen Groschen-Roman kommen...

Von Carsten Menzel

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