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Theater spielen gegen Depressionen

12.11.2012 | 16:58 Uhr
Theater spielen gegen Depressionen
Das Theater „Silberstreif“ beim Auftritt vor Angehörigen, Helferinnen, Betreuern und Interessierten.Foto: Anja Cord

Im Nordosten. Eine Stoffpuppe, rote Hüte, Stühle, einen Kochlöffel, Plastikflaschen: Mehr Requisiten brauchen sie nicht, die Frauen der Theatergruppe „Silberstreif“. Dreimal sind sie bisher aufgetreten, um auf der Bühne Szenen aus ihrer Vergangenheit zu spielen. Und haben dabei ihre Zuhörerinnen und Zuhörer in ein Wechselbad der Gefühle getaucht.

Weder Eleonore (77), Renate D. (72), Margot H. (72), Walburga P. (74) noch Renate O. (67) sind geborene Schauspielerinnen. Nie haben sie früher jemals daran gedacht, ihre Erinnerungen auf diese Art zur Schau zu stellen. Im Gegenteil. Das, was die fünf Frauen als Kinder im zweiten Weltkrieg erleben mussten, hätten sie gern für immer unter den Teppich gekehrt.

Schwindel, Übelkeit und Angstzustände

Doch die Vergangenheit, sie hatte sich so tief in ihre Seelen eingegraben dass die Erinnerungen nach Jahrzehnten von selbst wiederkamen. Als die Kinder aus dem Haus waren, die Rente den Berufsalltag ablöste und die Ehemänner gestorben waren, ging es los mit den Beschwerden. Schwindel, Übelkeit, Angstzustände: „Ich konnte auf einmal nicht mehr laufen“, sagt Margot H.

Die Diagnose „Posttraumatische Depressionen“ ist das, was alle Frauen der Theatergruppe gemeinsam haben. Und die waren zeitweise so schlimm, dass einige sogar an Selbstmord dachten. Bis sie von Verwandten oder Freunden in die LWL-Klinik Brackel gebracht wurden. Und dort während der Therapie Caroline Kühnl trafen. Gemeinsam mit der Theaterpädagogin gründeten sie vor sechs Jahren das Projekt „Silberstreif“.

Das, was unter den Tisch gekehrt worden war, kam hier wieder hervor – manchmal mit so großer Wucht, dass die Teilnehmerinnen nicht mehr aufhören konnten zu reden. Wie Renate D., die im Winter 1944/45 als Vierjährige furchtbare Dinge auf der Flucht aus der Tschechoslowakei nach Deutschland erlebt hat. Die kleine Renate sah, wie ein vollbesetzter Personenzug, von Bomben getroffen, von einer Brücke stürzte – und hat bis heute Angst, unter einer Eisenbahnbrücke durchzugehen. Wenn eine Uhr laut tickt, schreckt sie immer noch auf. „Die russischen Soldaten hatten sich erbeutete Uhren in den Stiefel gesteckt. Sie kamen nachts in die Scheunen, in denen wir schliefen und holten die Frauen heraus“. Lange hat die damals Vierjährige nicht verstanden, warum die Frauen geweint haben, wenn sie wieder zurückkamen. Erst als die Mutter ihr später erzählte, dass auch sie damals vergewaltigt worden war, bekam der Schrecken einen Namen. Auf der Bühne erzählt sie einer Stoffpuppe, wie sie und ihre Mutter auf der Flucht durch ein Dorf kamen und die Frauen, die auf einer Böschung saßen, um Essen baten. Ihre Mutter stupste eine der Frauen an, weil keine reagierte. „Da fielen einfach alle um. Sie waren tot“.

Eine ganze Generationist traumatisiert

Die braunen Nazihorden haben nicht nur durch Kriegs- und Rassenhetze Millionen von Menschen Tod und Verderben gebracht, sondern auch den Kindern ihre Kindheit geraubt. Solche furchtbaren Kriegserlebnisse haben eine ganze Generation traumatisiert.

Am schlimmsten jedoch sei die Sprachlosigkeit danach gewesen, erinnern sich die Frauen. „Unsere Eltern haben gedacht, dass wir dies alles nicht so mitgekriegt haben. Die waren ja auch selbst traumatisiert“, beschreibt Eleonore M. Und später? – Da stieß Renate D. mit ihren Erzählungen selbst bei den eigenen Kindern auf Unverständnis. „Die können sich nicht vorstellen, wie das damals für uns war“.

Erinnerungen an Prügelund Bombennächte

Und so strich auch Walburga P. die Erinnerungen an furchtbare Bombennächte aus ihrem Leben, doch aus der Seele verschwanden sie nicht. Heute kann sie darüber reden, wie sie als Achtjährige die Bettwäsche ihrer Großmutter auf dem Schwarzmarkt verkaufen musste und dabei eine Heidenangst hatte, von der Polizei erwischt zu werden. Und kein Zuschauer schüttelt den Kopf, wenn sie das auf der Bühne spielt.

Doch es sind nicht nur die Kriegserlebnisse, die ein Trauma bei den Frauen hinterlassen haben. Eleonore M. wurde als Kind ständig heftig geschlagen, wenn sie nicht funktionierte, wie sie sollte. Die Eltern prügelten dabei mit allem auf das kleine Mädchen ein, was gerade zur Hand war: Kochlöffel, Holzscheit, Gürtel oder Reitgerte. Auch Renate O., Eleonore M. und Walburga P. kennen diese schlimmen Prügelstrafen vor allem von der Schule, kann das Entsetzen und die Schmerzen heute noch spüren. Am eigenen Nachwuchs hat sich keine der Frauen auf diese Weise vergriffen, denn sie wissen, was das auslösen kann. Sie haben selbst lange gebraucht, um aus den Rollen herauszufinden, in die sie schon als Kinder gezwungen wurden.

Drei Auftritte, unter anderem in der LWL-Klinik Aplerbeck, haben der Gruppe „Silberstreif“ gezeigt, dass sie nicht allein ist, mit ihren Erlebnissen. Vor allem Frauen sind es, die sich öffnen. „Depressive Männer können nur selten über posttraumatische Erlebnisse reden, werden stattdessen oft alkoholkrank oder bringen sich im Alter um. Frauen suchen nach anderen Lösungen“, beschreibt Caroline Kühnl ein Rollenverhalten, dem sie seit 20 Jahren auf der Spur ist. Auch bei der Gruppe Silberstreif steht kein Mann auf der Bühne.

Auf der werden die Frauen in den nächsten Monaten nicht mehr stehen. „Vieles, über das wir hier reden, gehört nicht in die Öffentlichkeit. Das spielen wir dann nur für uns“, erklärt die Theaterpädagogin. Die Frauen treten zudem nur bei Veranstaltungen auf, wo sie sich sicher fühlen und Menschen mit ähnlicher Vergangenheit unter den Zuschauer sind.

Von Susanne Meyer


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