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Stars im Nahkampf mit der Zielgruppe

23.04.2008 | 18:15 Uhr

Scharnhorst. Schultourneen sind im Musikgeschäft groß in Mode. Nirgendwo sonst kommen die möglichen Stars von morgen näher an ihre Zielgruppe als in Schulen. Selbst "Tokio Hotel" tingelte durch Aulen und Turnhallen. Auch die "King Family" will nach oben.

Noch lacht sie. Doch auch für Jazzy von der "King Family" wurde die Autogrammstunde mit 320 völlig losgelösten Kids ein Knochenjob. (Bilder: Klaus Brandt)

... Bei der EMI ist sie schon unter Vertrag. Jetzt läuft die Ochsentour. Station gestern: die Kautsky-Grundschule. Fideles Kindergejohle auf dem Schulhof. Elke Godau führt die 2b zur Turnhalle. Was genau sich da gleich abspielen wird, ahnt die Schulleiterin nicht so recht. "Sind Sie von der Band?", fragt sie. "Nein, Jahrgang `59, von der Zeitung." "Ah ja, die Band ist nämlich noch nicht da. Sie finden den Weg nicht." Scharnhorst hat sich als Karrieresprungbrett ins Showgeschäft offenbar noch nicht herumgesprochen.

Noch nicht. Möglicherweise ändert sich das. Zehn Minuten später jedenfalls ist in der Halle die Hölle los: 320 Schüler, 20 Lehrer, einige Eltern, Ganztagsbetreuer - es ist eng, richtig eng. Und laut. Sehr laut. Schlecht, wenn man vor dieser Kulisse Musik machen will und ohne Verstärker kommt, wie die fünfköpfige "King Family". "Alle hinsetzen und ganz leise sein", bittet Elke Godau, "die Band hat nämlich kein Mikrofon".

Nur eine Akustikgitarre. Die spielt Michael ("Freunde nennen mich Mikey"), ein Dreitage-bärtiger Typ mit Pepita-Schlapphut, 23 erst, und schon der Bandsenior.

Das ganze Leben auf Tour, ohne Zuhause - da staunen die Kids

Er begrüßt die Kinder. "Wie geht's?" "Guut!" Laut, sehr laut. "Wie alt seid ihr?" Falsche Frage. Ein undekodierbares Geschrei bricht los. Mikey versucht's anders: "Wer von euch kann Englisch?" Den Fingern nach sehr viele, für eine Grundschule. "Und woher kennt ihr uns?" "KiKa!" "VIVA!" Na dann mal los. "'Perfect Day', unsere neue Single." Eingängiger Gitarren-Pop, zweistimmiger Gesang. Beim zweiten Refrain klatschen die Kids den Takt. Nach dem Schlussakkord kreischen sie nur noch.

Mikey plaudert drauflos. "Unser ganzes Leben sind wir unterwegs. Wir haben kein Zuhause." "Och!" Das hätte der Knirps auf der Turnmatte nicht erwartet. Welch passender Übergang zu Titel zwei: "Carry Me Home". Dann sollen die Kinder Fragen stellen. "Wie lange singt ihr?" "Unser ganzes Leben lang. Ich war ein Jahr alt", sagt die blonde Jazzy. Ehe das Ganze ausufert, denkt Mikey ans Wesentliche: "Unser Album gibt's ab morgen im Handel."

Nach drei Liedchen wird's ernst - bei der Autogrammstunde

"Wie alt bist du?", will Dennis wissen. "Schon 23", gesteht Mikey. "Oooh", stöhnt die Menge. Doch es gibt Schlimmeres: "Mein Papa ist 37", gesteht einer aus der 3a.

Noch ein Liedchen, dann ist Schluss - mit lustig. Denn die Autogrammstunde wird zum Platzangst-Test. Wie Heuschrecken fallen die Kids über die "Kings" her. David kriegt kaum noch Luft. Selbst Schuld. Der smarte 13-Jährige bestätigt nur den ihm nachgesagten hohen Kreisch-Faktor. Eines der Mädels, die hin und weg sind, ist Jaqueline Maleszka. "Ich hab's", keucht die Elfjährige und zeigt ein Autogramm von ihrem Liebling.

Was kaum jemand weiß: Jaqueline hat die Band quasi im Alleingang engagiert. Im Internet las sie von der Schultournee der "King Family". Ihr Vater schickte eine E-Mail ans Management und fragte für das Gastspiel an. Die Schulleitung stimmte zu - so einfach geht das.

Wo Davids Autogramm hinkommt? "Auf meinen Nachttisch." Wohin sonst.

Von Klaus Brandt



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