Schmatzen erlaubt, Nase putzen verpönt
19.02.2010 | 16:48 Uhr 2010-02-19T16:48:00+0100Brackel. Sie wundern sich? Dabei ist dieser Einstieg kein Versehen. So nämlich würden Sie sich in China vorstellen: Da steht der Nachname immer vorne. Das lernen die Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule übrigens in ihrer ersten Chinesisch-Stunde.
Seit fünf Jahren wird in Brackel Chinesisch als 3. Fremdsprache in der Oberstufe angeboten (als Abiturfach); seit vier Jahren kann auch die Jahrgangsstufe 6 wählen. Die GSG gehört damit zu bundesweit sechs Schulen, die Chinesisch als 2. Fremdsprache anbieten.
In diesen jungen Jahren, sagt Lehrerin Dr. Christina Neder, sind es vor allem Jungs, die das exotische Angebot spannend finden. Die Motivation in der Sekundarstufe II sei deutlich zielorientierter: „Chinesisch in einer Bewerbung ist ein Alleinstellungsmerkmal”, sagt Neder. Das „Reich der Mitte” rückt eben gerade auch wirtschaftlich immer mehr in den Mittelpunkt.
Sich dort, in dieser fremden Kultur, sicher zu bewegen: das ist Hauptanliegen des Unterrichts. „Interkulturelle Handlungskompetenz” heißt das im Fachjargon. Und übersetzt: eine Sensibilisierung für das Fremde, die philosophischen Wurzeln, den täglichen Umgang. Einfaches Beispiel: Schmatzen beim Essen, hier verpönt, ist im chinesischen Kontext nicht unüblich. Naseputzen dagegen, hier an der Tagesordnung, ist dort zumindest beim Essen oder in der Vorstellungsrunde, schlicht peinlich.
Neder wird abgelenkt, antwortet auf Chinesisch. Und wechselt vom akzentuierten, etwas eckigen Deutschen in den asiatischen Singsang. „Chinesisch ist eine Tonsprache”, sagt sie. Und das Sprechen, die Konversation, steht an erster Stelle auch im Unterricht, an dem inzwischen 350 der insgesamt 1 340 GSG-Schüler teilnehmen. Erst dann folgen Lesen und schließlich Schreiben.
Die fremden Schriftzeichen, zumindest die funktionalen, sollen die Deutschen übersetzen können – „sonst können sie in China ja nicht einmal ein Schild lesen”. Aller Anfang aber ist schwer: Deshalb geht's mit einer Lautumschrift auf Alphabet-Basis los. Bis zum Abi schließlich sollen schon die Oberstufenschüler 400 bis 600 Schriftzeichen im Repertoire haben. Zum Vergleich: Mit 1000 bis 2000 Zeichen kann man eine chinesische Zeitung lesen; chinesische Hochschulabsolventen beherrschen 4000 bis 6000 Zeichen. Wieviele es gibt? Hängen Sie an die vorletzte Zahl einfach noch eine Null...
Soweit die Theorie. Zurzeit gibt es in Brackel Chinesisch-Unterricht in der Praxis: 13 Schülerinnen und Schüler und eine Lehrerin der chinesischen Partnerschule in Tianjin sind zu Gast in Dortmund. Kulturaustausch hautnah – mit all seinen Schwierigkeiten übrigens. Die erste: Koffer, die zwei Tage zu spät ankamen. Die Frage nach dem Essen, das die Gäste mögen. Daneben zeigen die Dortmunder natürlich die schönen Seiten ihrer Schule, ihrer Stadt, ihres Landes. Rodeln im Sauerland, Karneval in Köln, der münsteraner Dom, ein BVB-Spiel hautnah... Und sie feiern gemeinsam das traditionelle chinesische Frühlingsfest am 24. und 25. Februar.
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