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Aktion auf dem Hauptfriedhof

In Ton gebrannte Erinnerung

28.09.2012 | 16:57 Uhr
In Ton gebrannte Erinnerung
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Europaschule Dortmund führen Projekt "Opfer des Nationalsozialismus" durch.Foto: Europaschule

Wambel.   Der Hauptfriedhof ist nicht nur ein Gräberfeld, er ist vor allem ein Ort der Erinnerung für die Hinterbliebenen. Wenn sich am 18. November, dem Volkstrauertag, am Ehrenmal für die sowjetischen Zwangsarbeiter ein Repräsentant der Stadt niederbeugt, um die Kranzschleife zu richten, wird er das auch für Ivan Marin tun, dessen Schicksal sich am 10. Oktober 1944 vollendete.

Der Hauptfriedhof ist nicht nur ein Gräberfeld, er ist vor allem ein Ort der Erinnerung für die Hinterbliebenen. Wenn sich am 18. November, dem Volkstrauertag, am Ehrenmal für die sowjetischen Zwangsarbeiter ein Repräsentant der Stadt niederbeugt, um die Kranzschleife zu richten, wird er das auch für Ivan Marin tun, dessen Schicksal sich am 10. Oktober 1944 vollendete. Es wird auch von ihm Hinterbliebene geben oder gegeben haben. Mit mehr Ahnung als Wissen. Ivan war im Krieg und kam nicht wieder. Aus.

Wie so oft aber schlummert das Wissen in genauer, böser, deutscher Bürokratie. Auszug aus der Personalakte Marin: „Stammlager 326 (VI/K), Russe, gefangen genommen am 10. Juli 1943.“ Stempelaufdruck: „Verstorben an Schädelzertrümmerung“. Dass die „Erkennungsmarke 124 284“ heute wieder einen Namen trägt, ist ein Verdienst einer Aktion des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Europaschule am Wambeler Gottesacker.

Noch sind es wenige Namensziegel, die die Schüler der zehnten Klassen gebrannt haben, aber es ist der Anfang einer Aktion, die Schule und Hauptfriedhof auf Jahre beschäftigen wird - denn kein Schicksal der dort bis dato namenlos verscharrten sowjetischen Kriegsgefangenen soll verloren gehen, jede Nummer soll einen Namen bekommen, und die Tontafeln einen Ort der Erinnerung. In der Gedenkstätte Bergen-Belsen wird das Projekt bereits umgesetzt.

Umfangreiche Recherchearbeit

„Das Projekt ist auf Zukunft angelegt“, sagt Volksbund-Schulreferentin Olga Bünemann, und die didaktische Leiterin der Europaschule, Petra Parker, sieht in der umfangreichen Recherchearbeit eine andere Möglichkeit, „Geschichte an die Schüler ‘ranzubringen“. Was auch notwendig sei. „Es gibt immer wenige Zeitzeugen“, meint sie. Die Recherche zu Einzelschicksalen mit Hilfe historischer Quellen sei für die meisten Schüler ein Novum und daher interessant.

Möglich wurde dies, weil der Volksbund erstens festgestellt hatte, dass es zwar die Namen der auf dem Hauptfriedhof begrabenen serbischen und polnischen Kriegsgefangenen gab, aber nicht die der sowjetischen. Und zweitens, dass die NS-Dokumentationsstelle Schloss Holte-Stukenbrock über die Personalkarten Dortmunder Zwangsarbeiter verfügt. Noch viel mehr würden in den Archiven der Sächsischen Gedenkstätten lagern. Demnächst will Bünemann dort mit der Recherche anfangen. „Wir machen die Aktion, bis der Berg abgetragen ist“, kündigt Geschichtslehrer Ralf Rädeke an. „So sollen die Toten der Anonymität entrissen werden, so sollen sie ihre Würde im Tod zurückerhalten“, teilte die Stadt mit.

Kreative Ansätze

Das Projekt ist Teil des Vorhabens, „die Gedenkfeiern zum Volkstrauertag mit kreativen Ansätzen für ein jüngeres Publikum ansprechender zu gestalten“, hieß es weiter. Dazu gehört nicht nur die Aktion Namensziegel, sondern auch der Auftritt eines Chors vom Heinrich-Heine-Gymnasium. Im Vorfeld der Aktion haben die Europaschüler der Klassen 10a und 10b bereits eine Führung über den Hauptfriedhof mit seinen über 9000 Kriegstoten gemacht und auch die Ausstellung zum Thema Zwangsarbeit in der Zeche Zollern sowie die in der Dokumentationsstätte Steinwache besucht.

Wo die Ziegel letztendlich ihren Platz finden, ob auf dem Hauptfriedhof oder in einer „Ecke des Gedenkens“ auf dem Schulgelände der benachbarten Schule, steht noch nicht fest. Fest steht allerdings, dass 1006 Namen inzwischen bekannt sind - und eben auch der von Ivan Marin. Einsatz auf Zeche Hansemann in Mengede, gestorben an „Schädelzertrümmerung“. „Unfall“ steht in Klammern dahinter, aber viele Unfälle waren damals keine - auch das gehört zur Wahrheit. „Es kann auch ein Hieb mit einem Gewehrkolben gewesen sein“, sinniert Rädeke, „es gab damals den Befehl, die Gefangenen eher zu töten als zu schonen. Und Munition zu sparen.“

Tot ist tot, Schuld ist Schuld, Scham ist Scham. Hauptfriedhof, Feld Nr. 8.

Dirk Berger

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