New Yorkerin mit jüdischen Wurzeln in Dortmund
04.11.2009 | 07:15 Uhr 2009-11-04T07:15:00+0100
Dortmund. Carol Kahn Strauss kam zum ersten Mal als kleines Mädchen nach Deutschland - ihre Eltern lebten vor der Flucht an der Brückstraße in der Dortmunder City. Sie selbst kam in New York zur Welt. Heute ist sie Geschäftsführerin des Leo Baeck Instituts.
Als Carol Kahn Strauss zum ersten Mal nach Dortmund kam, da hatte sie keine bestimmte Erwartung an die Stadt. Das war 1960 - sie war neun oder zehn Jahre alt. Mit ihren Eltern war sie aus den USA gekommen - sie wollten ihrer Tochter die Heimatstadt zeigen, aus der sie flüchten mussten. „Meine Eltern haben zwischen Hitler und Deutschland unterschieden”, erinnert sie sich. „Ich habe mich immer gern an Dortmund erinnert.”
Jetzt kehrte Carol Kahn Strauss wieder nach Deutschland zurück. Mittlerweile ist sie eine der wichtigsten Persönlichkeiten Amerikas geworden: Sie ist die Geschäftsführerin des Leo Baeck Instituts in New York. Ihr Job: Sie sammelt Dokumente von deutschsprachigen Juden.
Am heutigen Mittwoch ist die 59-Jährige in Berlin. Dort wird dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger der Leo Baeck Preis vom Zentralrat der Juden überreicht. Zuvor nahm sie sich Zeit, um die Heimatstadt ihrer Eltern zu besuchen und war am Montag eine der Festrednerinnen des 14. Gambrinus-Forums der TU Dortmund im Harenberg Center.
„Ich habe das Landgericht besucht”, berichtet sie. „Mein Vater war dort jeden Tag.” Ihr Vater hatte es bis zum Amtsgerichtsdirektor gebracht, bis er 1934 von den Nazis abgesetzt wurde. Danach arbeitete er in einem Bekleidungsgeschäft auf dem Westenhellweg. Erst 1938 nach der Pogromnacht floh die Familie nach Holland und schließlich in die USA. Ihr Vater musste einen amerikanischen Abschluss in Jura nachholen, ihre Mutter arbeitete als Stock-Brokerin.
In ihrer Kindheit hat sie deutsch gesprochen. Doch dann sprach Carol Kahn Strauss immer mehr englisch - bis sie Präsidentin der jüdischen Habonim-Gemeinde in New York wurde. „Die meisten Mitglieder waren deutschsprachige Juden”, sagt sie. „Plötzlich wurde von mir erwartet, dass ich wieder deutsch spreche.”
Als Leiterin des Leo Baeck Instituts ist es unbedingt notwendig, beide Sprachen, Deutsch und Englisch, zu beherrschen. Die meisten Dokumente im Archiv sind auf deutsch. Sie beschreiben nicht nur das Leben von Juden aus Deutschland, sondern symbolisieren ein Stück deutscher Geschichte. „Viele der Menschen, deren Nachlässe wir archivieren, sind nie in die Synagoge gegangen”, sagt sie und schiebt die Frage nach: „Sind wir deswegen eine jüdische Organisation?”
Ihr Vorschlag, die Artefakte aus dem Archiv von New York nach Berlin zu bringen, stieß nicht bei allen Vorstandsmitgliedern auf offene Ohren. Für sie gehört diese Geste zur Normalisierung der deutsch-jüdischen Verhältnisse. „Ich sage dann: Berlin heute ist ganz anders als 1939.”
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