Neugeborenes starb im Keller - vierfache Mutter vor Gericht

Eine 22 Jahre alte Frau ließ laut Staatsanwaltschaft ihr Neugeborenes sterben. Sie muss sich nun vor Gericht verantworten.
Eine 22 Jahre alte Frau ließ laut Staatsanwaltschaft ihr Neugeborenes sterben. Sie muss sich nun vor Gericht verantworten.
Foto: Matthias Graben
Was wir bereits wissen
Eine vierfache Mutter (22) muss sich vor dem Schwurgericht in Dortmund verantworten. Sie soll ihr Neugeborenes im Keller sterben gelassen haben.

Dortmund.. Reue, Mitleid, Trauer - all das sind Emotionen, die der 22 Jahre alten Dortmunderin Anna-Kathrin A. offenbar fremd sind. Ohne äußerlich zu erkennende Gefühlsreaktion schildert sie dem Dortmunder Schwurgericht, wie sie ihre Tochter sterben ließ - wenige Minuten nach der Geburt im Keller eines Mehrfamilienhauses im Dortmunder Stadtteil Kirchlinde.

Angeklagte lässt Richter abblitzen

Auf manche Beobachter wirkt die gebürtige Hernerin, angeklagt wegen Totschlags, sogar patzig, wenn sie Richter Wolfgang Meyer abblitzen lässt: “Dazu sage ich nichts.” Meist geht es darum, welche Rolle ihr Lebensgefährte spielte, gegen den die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung eingeleitet hatte. Anwesend bei der Geburt in der Nacht zum 19. Oktober 2014 war er nicht. Aber über WhatsApp stand er über Stunden in Kontakt mit der 22-Jährigen. Er versuchte zwar, sie von ihrem Vorhaben abzubringen, aber aktive Schritte, seine Tochter zu retten, unternahm er nicht.

Prozess Mutter von vier Kindern ist die Dortmunderin. Als 17-Jährige hatte Anna-Kathrin A. im November 2009 ihr erstes Kind zur Welt gebracht, einen Jungen. Vom Kindsvater hatte sie sich schon vor der Geburt getrennt. Einige Jahre später lernte sie während einer psychiatrischen Behandlung ihren späteren Lebensgefährten kennen. beide lebten von Hartz IV, zogen nach Dortmund. Schnell kamen weitere Kinder im Juli 2012 und im Juni 2013, jeweils Jungen. Das Jugendamt kümmerte sich um die Familie und sorgte Anfang September 2014 dafür, dass die drei Kinder zu einer Pflegefamilie kamen. Der Grund: Zeichen von körperlicher Misshandlung. Die Angeklagte weist jede Schuld von sich: “Der Junge ist vor die Wand gelaufen.”

Schwangerschaft verdrängt

Dass Anna-Katharina A. zu dieser Zeit hochschwanger war, fiel auch den Mitarbeitern des Jugendamtes auf. Doch die Angeklagte verneinte entsprechende Fragen. Auch gegenüber ihrer Familie und Nachbarinnen blockte sie ab. “Ich wollte es nicht wahrhaben, ich habe es verdrängt”, sagt sie vor Gericht.

Am 18. Oktober vergangenen Jahres geht sie in den Keller und bringt ihre Tochter zur Welt. Muttergefühle sind ihr fremd. “Die Sache” nennt sie ein ums andere Mal die Geburt. Sie wickelt das Baby in eine Decke und stülpt eine Plastikdecke drüber. Dann geht sie, überlässt das kleine Menschenleben seinem Schicksal. Das Kind stirbt an den Folgen mangelnder Versorgung.

Protokoll der Gefühlskälte

Richter Meyer liest aus dem WhatsApp-Dialog der Angeklagten mit ihrem Freund vor. Ein Protokoll der Gefühlskälte, erschütternd. Um 21.29 Uhr die erste Nachricht, kurz vor der Geburt. Sie schreibt: “Es ist soweit, jetzt weißt Du Bescheid.” Er antwortet empört: “Bist Du bekloppt?” Sie: “Nein, ich ziehe das jetzt durch.”

Gericht Er versucht sie umzustimmen, mehrfach: “Warum hast Du Angst? Alle wollen Dir helfen.” Es ist alles vergeblich. Nach Mitternacht eine letzte Nachricht: “Begrab sie. Das ist mein Fleisch gewesen.” Richter Meyer wundert sich über den sachlichen Ton der Nachrichten: “Sie haben nichts empfunden dabei?” Er bleibt ohne Antwort. An anderer Stelle sagt die Angeklagte: “Ich weiß nicht, was ich gefühlt habe, ob ich was gefühlt habe.”

Adoption schien keine Alternative

Hilfsangebote schlug sie aus, eine Adoption erschien ihr offenbar auch nicht als Lösung. Dass sie in Erklärungsnot kommen musste, weil viele ahnten, dass sie schwanger war, hielt sie auch nicht von der Tat ab. Richter Meyer hakt immer wieder nach, dass die Tötung des Kindes aus ihrer Sicht die einzige Alternative war. Doch Anna-Katharina A. bleibt dabei: “Es war keine Planung."

Zwei weitere Verhandlungstage hat das Dortmunder Schwurgericht geplant.