Nazis könnten die Fanszene des BVB spalten

Kenner der Fanszene sehen das zunehmende Auftauchen Autonomer Nationalisten bei Spielen des BVB mit großer Besorgnis.
Kenner der Fanszene sehen das zunehmende Auftauchen Autonomer Nationalisten bei Spielen des BVB mit großer Besorgnis.
Foto: Jochen Linz/PiLi
Was wir bereits wissen
Borussia Dortmund hat ein Nazi-Problem. Es sind nicht viele, die im Stadion ihr rechtsextremes Gedankengut propagieren, doch die Banner und Fahnen der Rechten sind gut sichtbar. Die Fanszene weiß nicht, wie sie reagieren soll, der Verein will Härte zeigen.

Dortmund.. Ein Banner sorgt für nachhaltige Aufregung in der BVB-Fanszene. „Solidarität mit dem NWDO“ stand auf einer Tapetenrolle, die beim Bundesliga-Auftakt zwischen Borussia Dortmund und Werder Bremen auf der Südtribüne präsentiert wurde. „NWDO“ steht für „Nationaler Widerstand Dortmund“ – eine Organisation, die von NRW-Innenminister Ralf Jäger am Donnerstag, 23. August, verboten wurde.

Mit hochauflösenden Kameras wurde der Vorgang im Stadion gefilmt. Ein Mann entrollte das Plakat und gab es an umstehende BVB-Fans weiter, die auf dem Video ebenfalls zu sehen sind. Der BVB geht davon aus, dass diese Fans gar nicht wussten, was auf dem Banner stand. Dank des Videos ist der Urheber des Banners gestochen scharf zu erkennen: Timo K., Free Fighter und führender Kopf der Dortmunder Hooligan-Gruppe „Northside“.

Bei „Super 3“ handelt es sich um eine griechische Ultra-Gruppe

Und dem Staatsschutz als Neonazi bekannt. Der 27-jährige K. verkehrte offenbar auch mit Autonomen Nationalisten, denn bei der Razzia am 23. August, bei der in mehreren Städten Räumlichkeiten von Neonazis ausgehoben worden waren, drang die Polizei auch in das Haus „R135“ an der Rheinischen Straße in Dortmund-Dorstfeld ein. Dort an der Wand hängt eine Urkunde von einem Kampfsport-Turnier – der Name auf der Urkunde: Timo K.

Auf den gestochen scharfen Videoaufzeichnungen aus dem Stadion ist K. in einem gelben T-Shirt mit der Aufschrift „Super 3“ zu sehen. Bei „Super 3“ handelt es sich um eine Ultra-Gruppe des griechischen Vereins Aris Saloniki. Die Dortmunder Ultra-Gruppe „Desperados“ pflegt besonders gute Kontakte zu den Ultras der ebenfalls schwarz-gelben Griechen.

Desperados standen schon öfter in der Kritik

Die „Desperados“ gerieten schon oft ins Kreuzfeuer der Kritik, zuletzt, als sie in der Saison 2011/2012 beim Spiel gegen Werder Bremen Banner mit homophoben Sprüchen auf der Südtribüne präsentierten. Der Vorfall damals wurde von vielen Fans als „Ultra-Gehabe“ abgetan – die Desperados hätten lediglich die sehr weit links stehenden und politisch überkorrekten Bremer Ultras provozieren wollen und sich dabei im Ton vergriffen.

Doch offenbar steckte hinter den Plakaten mehr als bloße Provokation. Denn die Verflechtungen der Desperados mit der Autonomen Nazi-Szene sind offensichtlich nicht mehr von der Hand zu weisen. Die Polizei schätzt die Größenordnung der Überschneidungen von Desperados und Neonazis "im zweistelligen Bereich". Die Desperados seien nicht per se rechts, eine Zusammenarbeit mit den Autonomen Nationalisten sei nicht systematisch erkennbar.

Ein Anknüpfungspunkt ist Timo K. mit seinem „Super 3“-Shirt. Es gibt weitere Hinweise, dass K. und die Desperados miteinander verbunden sind. Im Jahr 2008 kam an die Öffentlichkeit, dass Hooligans und Rechtsradikale in einer Turnhalle in Lütgendortmund Straßenkämpfe trainierten. Laut eines Berichts in einem Online-Portal der Antifa war der Übungsleiter Timo K.

Enge Verflechtungen zwischen Autonomen Nationalisten und Desperados

Die Desperados widersprachen nie den Gerüchten, sie seien mindestens von Nazis unterwandert. Ein Szenekenner äußerte sich gegenüber der WAZ Mediengruppe in den vergangenen Tagen drastischer: „Es gibt enge Verflechtungen zwischen Desperados, Autonomen Nationalisten und Northside.“ Bei den Vorfällen am 28. August am Rande des Drittligaspiels der BVB-Amateure gegen Karlsruher SC stürmten denn auch Hooligans, Desperados und etwa zehn Rechtsradikale Seite an Seite teils maskiert auf den Karlsruher Block zu. Später saßen Rechte und Desperados Seite an Seite in der Nordkurve des Stadions Rote Erde.

Schon beim DFB-Pokalspiel in Oberneuland am 18. August wurde im Bremer Weserstadion ein Plakat mit eindeutigem Hintergrund entrollt: „Rico Malt - unvergessen“, signiert mit „Northside Dortmund“. Rico Malt war ein „Free Fighter“, der im Jahr 2007 verstorben ist. Malt war laut Angaben der Antifa Neonazi und Mitglied im „Fight Club Chemnitz“, der enge Kontakte in die rechte Szene pflegen soll.

Razzia in der Rheinischen Straße brachte Klarheit

Als Dortmunder Ultras von den Desperados mit Rechtsradikalen Kampfübungen in einer Dortmunder Turnhalle veranstalteten, waren auch Mitglieder der Northside dabei. Übungsleiter soll damals Timo K. gewesen sein. Doch Bislang konnte auch die Polizei die Verbindungen zwischen Nazi-Szene, Desperados und Northside nicht genau einschätzen.

Die Northside, hieß es, kokettiere vielleicht nur mit rechter Symbolik. Als „eine bunte Tüte“ bezeichnete ein Polizist die Gruppe. Doch seit der Razzia im Nazi-Haus „Rheinische Straße 135“ ist die Verbindung zwischen Northside und Rechtsextremen klarer denn je. Und auch einige Desperados-Aufkleber pappten an den Wänden in Haus „R135“.

Kenner der Fanszene sehen das zunehmende Auftauchen Autonomer Nationalisten bei Spielen des BVB mit großer Besorgnis. In der städtischen Broschüre „Rechtsextreme Strukturen in Dortmund“ ist zu lesen, dass die Northside speziell bei Auswärtsspielen auffällt und eine hohe Gewaltbereitschaft an den Tag legt. Dabei komme es auch zu antisemitischen Beleidigungen.

Bei Heimspielen sind laut Szene-Kennern rund 100 bekannte Rechte im Stadion, darunter vereinzelt Autonome Nationalisten, die den BVB immer mehr als Bühne für Propaganda missbrauchen. Etwa in Erfurt, wo am Samstag beim Drittliga-Spiel der Zweiten Mannschaft des BVB gleich mehrere schwarz-weiß-rote Flaggen im BVB-Block gezeigt wurden.

Gewalt kann zur Spaltung der Fanszene führen

In Dortmund droht die hohe Gewaltbereitschaft bei Desperados und Northside zum Spaltzpilz für die BVB-Fanszene zu werden. Von „Aachener Verhältnissen“, die dem BVB drohen, ist die Rede. In Aachen ist die Ultra-Szene derart entzweit, dass die rechte „Karlsbande“ und die linken „Aachen Ultras“ von einander getrennt werden müssen, da die beiden Gruppierungen tief verfeindet sind. Auch in Duisburg bahnt sich eine offene Spaltung in die kleine, linke „Kohorte“ und die stark nach rechts tendierende Hooligan-Gruppe „Division“ an.

So weit ist es in Dortmund noch nicht. Die Desperados und die Northside sind nicht groß genug, um den Rest der Südtribüne, allen voran die große Ultra-Gruppe „The Unity“ an den Rand zu drängen. Die Gruppe ist zwar offiziell unpolitisch, doch sind „Unity“-Mitglieder immer wieder auch bei Demonstrationen gegen Nazis anzutreffen.

Desperados und Northside üben einen großen Druck auf die zahlenmäßig überlegene „Unity“ aus. Von Einschüchterungen und brutalen Überfällen ist die Rede. Ein Vorfall spricht Bände über das heimliche Kräfteverhältnis auf der Südtribüne: Nachdem ein Vorsänger von „The Unity“ mit einem antirassistischen T-Shirt im Stadion erschien, sollen die Desperados die viel größere Ultra-Gruppe derartig bedrängt haben, dass der Vorsänger vom Podium verschwand. Widersprochen wurde dieser Darstellung nie.

Borussenfront ist wieder aktiv

Im Sog der stärker werdenden Rechten ist auch eine alte, fast vergessene Gruppe wieder in den Vordergrund gerückt: die altbekannte Borussenfront. Nicht umsonst wurde die Stadionordnung des BVB dahin geändert, dass nun auch Kleidung oder Fan-Utensilien mit dem Namen der alten, rechtsradikalen Hooligan-Truppe verboten sind.

Bei Spielen der Amateure und bei Auswärtsspielen der Profis des BVB, insbesondere im Ausland, zeigt die Borussenfront, die an Karfreitag 2012 ihr 30-jähriges Bestehen feierte, verstärkt Präsenz. Die Alt-Hools spazieren durch den Block, ihnen Einhalt zu gebieten, traut sich niemand. Auch die ehemalige Stammkneipe von „The Unity“, die „LenzsTUbe“ an der Hohe Straße, haben die Frontler überfallen.

Die Polizei hat die Borussenfront allerdings nicht unmittelbar im Fokus. „So lange von der Gruppe keine Straftaten ausgehen, können wir nicht eingreifen“, so ein Beamter. Szene-Kenner schätzen die Gruppe als überaltert ein.

Den braunen Sumpf trocken legen

Um gegen die rechten Umtriebe in seinem Dunstkreis vorzugehen, hat der BVB einen Runden Tisch ins Leben gerufen. Nachdem sich die Fanabteilung der Borussia schon eindeutig gegen rechtes Gedankengut positioniert hatte, ergriff auch Vereinspräsident Dr. Reinhard Rauball das Wort: "Hiermit wollen wir verdeutlichen, dass der Fall vom Bundesliga-Auftakt von Freitag im Signal-Iduna-Park leider kein Einzelfall ist", gab Rauball zu, dass es im BVB-Umfeld ein Nazi-Problem gibt.

Der Verein werde gemeinsam mit Stadt, Polizei und Fanprojekt die rechte Szene im Auge behalten. Dazu bedürfe es „grundlegender Arbeit“, so Rauball. BVB-Geschäftsführer kündigte nach dem Banner-Vorfall vom Bremen-Spiel, man wolle „den braunen Sumpf trocken legen“. Der BVB sei ein weltoffener Verein: "Diese Werte sind für uns nicht verhandelbar, daher werden wir bei der Verfolgung von Zuwiderhandlungen eine Null-Toleranz-Strategie verfolgen", so Watzke. Große Worte, denen Taten folgen müssen.

Hoffnung gibt die Reaktion vieler Fans, die auf das Solidaritäts-Banner für den Nationalen Widerstand reagierten. "Das Ding wurde nur kurz gezeigt, aber innerhalb von Sekunden waren unsere Handys voller SMS", so Thilo Danielsmeyer vom Fan-Projekt. Viele Fans hätten sich ans Fan-Projekt und an die Fanbeauftragten gewandt, um das rechte Banner zu melden.

Für Danielsmeyer ein gutes Zeichen: "Unsere Fans haben prima reagiert." Fan-Projekt-Leiter Rolf-Arnd Marewski warnt davor, zu viel vom BVB bei der Lösung des Nazi-Problems zu erwarten: "Probleme im Fußball sind immer gesamtgesellschaftlich."