"Nazi oder Hure" - Arbeitsvermittler werden zur Zielscheibe

Einsatzfahrzeuge der Polizei und ein Notarztwagen stehen am Mittwoch  in Neuss vor dem Jobcenter-Gebäude, wo eine 32 Jahre alte Mitarbeiterin niedergestochen wurde.
Einsatzfahrzeuge der Polizei und ein Notarztwagen stehen am Mittwoch in Neuss vor dem Jobcenter-Gebäude, wo eine 32 Jahre alte Mitarbeiterin niedergestochen wurde.
Foto: dapd
Was wir bereits wissen
In Neuss hat ein 52-Jähriger in einem Jobcenter auf eine Arbeitsvermittlerin eingestochen. Die 32-Jährige starb später an den Verletzungen. Immer wieder werden Mitarbeiter in Jobcentern zur Zielscheibe von Bedrohungen und Beleidigungen.

Dortmund.. Sie sind ja einiges gewohnt im Jobcenter Bochum, aber diese Postsendung schlug dem Fass dann doch den Boden aus. Sie enthielt eine blutverschmierte Scherbe, persönlich adressiert an einen Mitarbeiter, garniert mit einem Beipackzettel: „Ich habe Hepatitis“, stand da. „So etwas vergisst man nicht“, sagt Holger Böhle, Verdi-Gewerkschafter und Personalrat in Bochum. Anders als all die anderen Sauereien, die er und seine Kollegen ertragen müssen: Drohungen, Beleidigungen, umgetretene Stühle. „Ein Mal wollte mir auch jemand an die Wäsche“, erzählt er.

Und jetzt dieses Drama in Neuss. Es ist der zweite tödliche Zwischenfall in einem Jobcenter der vergangenen Jahre, nachdem im Mai 2011 in Frankfurt/Main eine Polizistin eine 39-Jährige erschossen hatte, die zuvor mit einem Messer auf einen Polizisten losgegangen war. Ursache des Streits waren damals zehn Euro, die die Frau in bar von der Sachbearbeiterin verlangt hatte.

Messer-Attacke Diesmal war der Täter ein Mann, der schon häufiger da war, diesmal aber gegen neun Uhr unangemeldet ins Büro der jungen Mutter kam. Eine Frau, 32 Jahre, seit vier Jahren im Dienst. Eine grausame Tat, die nicht nur in Bochum schockiert. Entsetzt. Wütend macht. „Das ist so furchtbar“, sagt Karin Richter-Pietsch, Jobcenter-Expertin bei Verdi, und fügt drastisch hinzu: „Wie viele sollen abgestochen werden, bis andere Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden?“ Täglich kämen Mitarbeiter in brenzlige oder zumindest unangenehme Situationen. Den Vorschlag, die Mitarbeiter hinter Panzerglas zu setzen, wie Heinrich Alt vom Vorstand der Bundesagentur für Arbeit kategorisch auszuschließen, hält sie für falsch: „Das geht bei der Bank doch auch.“

Sicherheitsdienst überwacht die Pforte in Dortmund

Im Dortmunder Jobcenter setzen sie indes auf Präsenz: Ein Sicherheitsdienst überwacht die Pforte, eine Patrouille zeigt tagsüber in den Gängen Flagge. „Hier geht es um die Existenz. Da ist das Konfliktpotenzial sehr hoch, ein Restrisiko gibt es immer“, sagt Dortmunds Jobcenter-Sprecher Christian Scherney.

„Eine solche Tat wie in Neuss kann man aber nicht hundertprozentig verhindern“, sagt Thorsten Opel, Pressesprecher des Jobcenters in Hagen. Dazu geht es oft viel zu schnell, wenn die Situation eskaliert. In diesem Jahr seien bereits zwölf Hausverbote ausgesprochen worden, in den Vorjahren war es jeweils nur fünf. „Wir tolerieren nicht mehr so viel wie früher“, begründet Opel die steigende Zahl.

Das Jobcenter Kreis Unna beschäftigt bei Bedarf externe Sicherheitsdienste. „In Lünen, Bönen und Fröndenberg waren sie schon im Einsatz“, sagt Sprecherin Katja Pfeifer. „Immer anlassbezogen – also wenn Mitarbeitern vorher gedroht worden ist, reagieren wir.“ Richtig zum Einsatz kamen die Sicherheitskräfte dabei noch nie. „Es scheint, präventiv zu wirken.“ Ob überlegt werde, künftig ständig Sicherheitsleute in den zehn Geschäftsstellen einzusetzen, könne sie nicht sagen. Kurzfristig wolle sich der Geschäftsführer jedoch mit dem Personalrat zusammensetzen, „um das Thema Schutz und Sicherheit am Arbeitsplatz erneut zu besprechen“.

Von "Hure über Schlampe bis hin zu Nazi oder Stasi" schon alles gehört

Sämtliche Jobcenter sind laut Bundesagentur für Arbeit für Notfälle mit technischen Sicherheitseinrichtungen ausgestattet: So kann ein Beschäftigter im Jobcenter Siegen-Wittgenstein, der sich bedroht fühlt, seinen Kollegen im Nachbarbüro online um Hilfe rufen. Auch die Jobcenter in Meschede und Iserlohn setzten auf diese Maßnahmen, um das eigene Personal vor Übergriffen zu schützen.

„Man sollte nicht meinen, dass in einer kleinen Kommune alles nur Friede, Freude, Eierkuchen ist“, sagt Jörg Fröhling, Pressesprecher der Stadt Meschede. Es sei des öfteren schon zu „tätlichen Angriffen“ gekommen, wenn Bürger mit dem Sacharbeiter hinter dem Schreibtisch nicht einer Meinung waren.

Karin Richter-Pietsch kennt solche Vorfälle: „Sie können sich von Hure über Schlampe bis hin zu Nazi oder Stasi alles aussuchen: Wir haben hier alles schon gehört.“ Das sei sogar Tagesgeschäft. Eine Entwicklung, die vor allem mit der dünnen Personaldecke zu tun haben soll: „Der Druck, das Gespräch aufgrund der Arbeitsmenge schnell zu führen, steigt enorm.“ Laut einer Statistik des Deutschen Landkreistages standen im Dezember 2011 bundesweit 4,61 Millionen Hartz-IV-Empfänger 63 092 Mitarbeitern gegenüber. „Die Betreuungsrelation ist schlichtweg zu hoch“, sagt die Gewerkschafterin.

Das erhöhe das Frustrationspotenzial beim Antragsteller. Die Eskalation ist programmiert. Man könne sich, sagt Richter-Pietsch, also vorstellen, wie manche Mitarbeiter hier abends nach Hause fahren: „Wer die Möglichkeit hat, hier rauszukommen, nimmt sie wahr!“ Zu unattraktiv sei der Job, der eigentlich Arbeit vermitteln soll – und doch auch oft als Ventil für die Kunden dient: „Die geben den Druck, den ihr Vermieter ihnen macht, hier weiter.“ Und im schlimmsten Fall endet er wie am Mittwoch.