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Nachts auf Streife mit den Polizisten der Dortmunder Nordstadt

26.07.2012 | 22:00 Uhr
Vorsichtig nähern sich Jens Stemann und Marc Lohsträter dem Wagen. Foto: Franz Luthe

Dortmund.  Tag und Nacht sind sie in der Nordstadt unterwegs. Sie kennen die Straßen, Wege und Plätze, kennen die Besonderheiten der Viertel rund um Borsigplatz, Schleswiger Straße und Nordmarkt: die Polizisten auf der Wache Nord. Unsere Reporter begleiteten zwei Teams in der Nacht.

Die Wache Nord an der Münsterstraße 17-19 ist ihre Einsatzzentrale. Hier laufen alle Drähte zusammen. Sie ist auch der Rückzugsort für die Beamtinnen und Beamten, um mal durchzuatmen an hektischen Tagen, wenn mal Zeit für einen Kaffee ist.

21.30 Uhr: „Vor ein paar Monaten war es hier noch richtig unruhig. Das ist damit gar nicht zu vergleichen“, zeigt Polizeikommissar Marc Lohsträter auf den Parkstreifen, während unser Bulli gegen 21.30 Uhr am Nordmarkt vorbeirollt. Ein Bulgare oder Rumäne hätte neben dem anderen gesessen, zwischendrin Prostituierte, bevor sie zur Ravensberger Straße gegangen sind.

Festnahme eines Verdächtigen in der Priorstraße. Foto: Franz Luthe

„Das hat sich zum Glück merklich beruhigt“, so Lohsträter. Kaum jemand ist an diesem Freitagabend auf der Straße. Nur vor dem einen oder anderen Internetcafé „steht mögliche Kundschaft“, so sein Teamkollege Polizeikommissar Jens Stemann.

„Natürlich kennen wir die kriminogenen Orte in der Nordstadt, die Straßen und Plätze mit ihren Besonderheiten, mit kriminellen Schwerpunkten“, erzählt Polizeioberkommissar Michael Krage. Etwa die Oestermärschstraße, „ein Kokain Hotspot“, der nach Erkenntnissen der Polizei fest in libanesischer Hand ist. Türken drängen in das Geschäft.

Als der Bulli in die Oestermärschstraße einbiegt, durchbrechen ein, zwei kräftige Pfiffe die Stille der Nacht. „Sie kündigen uns an, so eine Art Torwächter“, sagt Krage. Alles sei fest organisiert. Colorierte Fahrzeuge, aber auch zivile Streifenwagen würden erkannt, die Dealer durch die Pfiffe gewarnt. Vor der einen oder anderen Teestube warten die Dealer auf Kundschaft, „wie Prostituierte auf Freier“, ergänzt sein Kollege Polizeikommissar Markus Aufderstroth. „Wir gucken ständig und üben so auch Druck auf die Käufer aus.“

Monotones Knacken durchbricht die Stille

22.00 Uhr: Die Stille im Bulli wird durch das monotone Knacken des Funks unterbrochen „1239 von West“ schallt es durch den Raum. Die Leitstelle funkt den Streifenwagen mit dem Rufnamen 1239 an. „1239 hört“. „Vermutlich Schlägerei vor dem Prisma...“ Das sei zwar nicht mehr ihr Bereich, erklärt Michael Krage während sein Kollege Blaulicht und Martinshorn anwirft. Aber man eile den Kollegen zur Hilfe. Was manchmal noch nach einem Streit unter jugendlichen Besuchern aussehe, könne schnell in Gewalt gegen die eingesetzten Polizeibeamten ausufern. Der Bulli jagt in Richtung Norden, vorbei an staunenden Passanten. Bei jeder Bodenwelle kracht der Wagen aufs Pflaster, schießt in Richtung Diskothek Prisma an der Deutschen Straße. Krage und Aufderstroth schweigen, lauschen dem Funk. Vor dem Prisma ist Ruhe, keine Schlägerei, keine Jugendlichen. Fehlalarm.

Überprüfung eines Autos am Hauptbahnhof. Foto: Luthe

22.30 Uhr: Auf dem Weg zurück zur Wache suchen Zivilkräfte an der Münsterstraße Unterstützung. Ein Mann wurde beim Dealen beobachtet. Die Beschreibung kommt über Funk. Parka, grünes T-Shirt, 1,78 cm groß, dunkle Haare. Er soll auf einer Bank sitzen. Von verschiedenen Seiten nähern sich die Streifenwagen. Der 1239 rollt von der Priorstraße an. Michael Krage und Markus Aufderstroth haben den Verdächtigen entdeckt. Urplötzlich ist er verschwunden. Dann kommt über Funk die Nachricht: „Verdächtiger sicher“. Ein Kollege hat den Flüchtigen gefasst. Bei der Durchsuchung des 24-Jährigen kommt Marihuana zum Vorschein. Er wird mit zur Wache genommen. Die beiden Polizisten müssen nun den Vorgang zu Papier bringen. Was wird dem Mann vorgeworfen? Was ist passiert? Sein Handy wird sichergestellt. Viel-leicht hat er ja mögliche Kunden angerufen? Welche Gegenstände hatte der Verdächtige bei sich? „Ein Drittel der Zeit geht mit Schreibarbeit drauf“, erklärt Michael Krage.

23.00 Uhr: Kurz vor 23 Uhr, Einbruchalarm in der Eisenstraße. Auch hier geht’s mit Blaulicht und Martinshorn zum Tatort. „Der 35 ist schon da“, erklärt Marc Lohsträter. Das Gelände kenne man schon. Es sei weitläufig. auch hinter der großen Lagerhalle, aus der der Einbruchsalarm über den Wachschutz gemeldet worden ist. Das Tor zum Firmengelände ist verschlossen, doch in der Lagerhalle brennt Licht. Lohsträter und Stemann klettern übers Tor, verschwinden mit ihren Taschenlampen in der Dunkelheit. „Von außen keine Feststellung“ knattert es über Funk. Nach 15 Minuten kehren sie zurück. Alles ok. Fehlalarm. „Die Kollegen warten bis der Verantwortliche der Firma eintrifft, um die Alarmanlage zurückzustellen“, erklärt Lohsträter.

Wichtige Präsenz auf der Straße

0.00 Uhr: „Wichtig ist, dass wir auf der Straße Präsenz zeigen“, erläutert Krage. Deshalb sollen auch alle Streifenwagen, die im Dienst sind, auf der Straße sein. „Das ist nicht so, dass man nur Sprit verfährt.“ Das sei auch wichtig für das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger, wenn sie sehen, dass ihre Polizei unterwegs ist und das an allen Tagen der Woche, Natürlich auch wie jetzt Freitagnacht. Natürlich auch an so genannten Angsträumen vorbei, etwa dem Keuning-Park .

Da keine aktuellen Einsätze anliegen, es für einen Freitag ziemlich ruhig ist, steht für das Team eine so genannte „Aufklärungsrunde“ auf dem Plan. Gefährdete Objekte in der Nordstadt werden abgefahren, die in der Vergangenheit Ziel von Übergriffen waren. Muslimische Einrichtungen , aber auch das Parteibüro der Linken, der Lange August oder auch das SissyKingkong. „Mal schauen, was hier los ist, ob es Auffälligkeiten gibt?“, sagt Michael Krage. Doch es ist ruhig. Eigentlich zu ruhig für Freitag.

Erfahrungen sammeln im Norden

In der Nordstadt erlebe man aus polizeilicher Sicht das gesamte Spektrum an Einsätzen. Angefangen von der Ruhestörung, dem Familienstreit, Drogengeschäften, Körperverletzungen, Schlägereien, Prostitution, Mord und Totschlag. „Man weiß nie, was auf einen zukommt“, so Markus Aufderstroth. Das sei auch das Interessante an dem Beruf. Deshalb gebe es auch viele Kollegen, die in den Norden kommen, Erfahrungen sammeln wollen. Doch an diesem Freitag gegen Mitternacht ist es ruhig. Die Ruhe vor dem Sturm?

INFO
Im Wachbereich leben 52 750 Menschen

Im vergangenen Jahr musste die Wache Nord 23 930 der insgesamt 142 880 Einsätze in Dortmund bewältigen.

16,7 Prozent aller Einsätze in den Stadtgebieten Dortmund und Lünen fallen in der Nordstadt an.

Die Beamtinnen und Beamten kümmern sich in ihrem Wachbereich um 52750 Einwohner, die auf einer Fläche von 14,44 km2 leben (Dortmund 337 km2).

Von der Tendenz her sind die Einsatzzahlen in den letzten drei Jahren insgesamt leicht gesunken, wobei der prozentuale Anteil für den Bereich der Polizeiwache Nord in 2011 zu 2009 gleich geblieben ist.

Die Wache Nord liegt an der Münsterstraße 17-19 und ist über 132 - 23 21 zu erreichen.

 

1.00 Uhr: „West an 1239. Ruhestörung in der Schillerstraße.“ Als die beiden Polizeibeamten Krage und Aufderstroht um 1 Uhr eintreffen, ist der Lärm schon auf der Straße zu hören. Völlig genervte Nachbarn öffnen. „Das geht fast jeden Abend so“, schallt es den beiden entgegen. Erst nach lautem Poltern wird geöffnet. Laute Reggae-Musik dringt in den Flur. Mit den Worten „Alter, was ist los?“, werden die Polizisten begrüßt. Klare Ansagen der beiden erreichen den Mieter, obwohl er sich kaum auf den Beinen halten kann.

Die Musik wird leiser gemacht. „Bitte ihren Ausweis!“. In der Küche zwei Saufkumpane . Irgendeine Suppe kocht auf dem Herd. Aufderstroht macht den Herd aus, denn die beiden, die eigentlich Suppe kochen wollten, sind fast eingeschlafen. „Die Musik bleibt leise. Müssen wir wiederkommen, nehmen wir die Anlage mit und es gibt eine Anzeige“. Das ist wohl auch beim Mieter angekommen.

Respekt geht immer mehr verloren

„Viele Bewohner bringen der Polizei keinen Respekt mehr entgegen“ , so Krage. Deshalb von Beginn an klare Worte, den Rahmen abstecken, in dem man sich bewegt. Oft stehe man Menschen aus anderen Kulturkreisen gegenüber. Auch hier helfen nur klare Ansagen. Souveränes Verhalten sei wichtig, keine Rambo-Mentalität. Und während Krage das erzählt, wandern seine Auge über die Straßen durch das Dunkel der Nacht. Das Auto ohne Licht, der Fahrradfahrer, der ein defektes Rücklicht hat, die behindernd geparkten Autos in der Zufahrt zur Linienstraße – vieles entdecken diese Augen. Routine?

04.30 Uhr: Stunden im Streifenwagen, Wechselschichten, raus bei Hitze und eisiger Kälte, steigende Gewaltbereitschaft der „Kunden“ – die Anforderungen werden immer höher, die Gefahren auf den Wagen auch. „Ein Familienstreit kann eskalieren, plötzlich wird man angegriffen“, erklärt Aufderstroth, als der Bulli zum Schichtende in Richtung Münsterstraße zur Wache rollt. „Aber ein normaler Schreibtischjob, das wäre nichts für mich.“ Ein letzter Kaffee auf der Wache, ein kurzes Resümee der Nacht. Das war’s für diese Schicht. Und sie war ruhig, eigentlich zu ruhig für einen Freitag.

Blitz-Marathon

 

Andreas Winkelsträter (Text) / Franz Luthe (Fotos)



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