Nachbarn kürzen Giftfirma Envio die Miete
13.08.2010 | 19:25 Uhr 2010-08-13T19:25:00+0200
Dortmund.Wer verliert am wenigsten? Das ist die Frage bei der großen Envio-Lotterie. Der Stadt drohen geringere Verluste als angenommen, dem Land umso höhere. Geschädigte Firmen entdecken nun auch das Druckmittel Geld – und kürzen Envio die Miete.
Im Giftskandal kommt die Stadt bisher noch mit einem blauen Auge davon – auch finanziell. Auf 100 000 Euro beziffert Kämmerer Jörg Stüdemann das aktuelle Verlustrisiko. Er hatte mehr befürchtet. Doch Arnsberg hält ihm den Rücken frei.
Reinigung des Geländes ist oberste Pflicht
Eigentlich gingen die unversiegelten Bereiche auf die Kappe der Stadt. Gestern aber sagte Stüdemann: „Die Bezirksregierung führt die Ersatzvornahme auf eigene Rechnung durch.“ Damit wäre er aus dem Schneider – und das Risiko in Arnsberg. Somit bliebe es zunächst bei 100 000 Euro, die Envio die Stadt bisher kostete – durch Blutuntersuchungen, Sicherungsmaßnahmen, Gutachten. Für Stüdemann ist diese Summe noch „eine gute Botschaft in der schlechten Envio-Dramaturgie“.
Deutlich unwägbarer sind die Folgen für das Land. Dass Envio die aufgerufene Sicherheitsleistung von 1,5 Millionen Euro hinblättert, gilt in Arnsberg längst nicht als sicher. Am 19. August wird die Bürgschaft fällig. Sollte sie dann nicht hinterlegt sein, will die Bezirksregierung auf juristischem Wege holen, was bei Envio noch zu holen ist. „Parallel dazu muss die Reinigung des Geländes weiterlaufen. Das ist oberste Pflicht“, betont der Arnsberger Sprecher Christoph Söbbeler. Allein die Nachreinigung der versiegelten Flächen taxiert er mit 30 000 Euro. Hinzu kommen die unbefestigten Bereiche und schließlich die dramatisch verseuchten Hallen.
„Es geht um Steuergelder, keine Frage“
Wo das Ganze finanziell ende, zunächst für Arnsberg, zuletzt für den Steuerzahler – „um das zu beziffern, müsste man Prophet sein“, sagt Söbbeler und wagt einen Blick voraus: „Wenn die Firma in Konkurs gehen sollte, müssten wir uns in die Liste der Schuldner einreihen und mit dem Insolvenzverwalter sehen, wie weit man kommt. Für die öffentliche Hand eine schwierige und undankbare Situation. Es geht um Steuergelder, ohne jede Frage.“ Der Giftfirma den größtmöglichen Anteil aufs Auge zu drücken – das müsse das Ziel sein.
Die geschädigten Nachbarunternehmen auf dem Envio-Gelände haben bereits eine Strategie. Was ihnen der Vermieter an Kosten eingebrockt hat, ziehen sie ihm jetzt wieder ab – über die Miete. „Einen Teil halten wir zurück“, bestätigt Sven Hille, Personalchef bei ABP Induction Systems. Auf die Firma kommen hohe Kosten zu. Unter dem Schock der PCB-verseuchten Kantine entschied die Firmenspitze, „ab Montag unser gesamtes Gelände noch einmal beproben zu lassen, jedes Büro, jede Toilette, jeden Aufenthaltsraum“. Bei 4000 m² Produktionsfläche und 60 Räumen seien rund 100 Proben fällig.
„Wir wollen wissen,
wo wir dran sind“
„Wir wollen wissen, wo wir wirklich dran sind. Das sind wir unseren Mitarbeitern schuldig“, sagt Hille auch unter dem Eindruck der jüngsten Blutbefunde, die in unmittelbarer Nähe der Giftfirma bedenklich ausfielen. Die ganze nächste Woche ist für die PCB-Proben verplant. Die Ergebnisse sollen zwei Wochen später vorliegen.
11:08
In Bochum wird durch die Stadt das Gelände der ehemaligen Teer-Fabrik Raschig dekomtaminiert.
Die Arbeiten werden voraussichtlich 3,5 Mio Euro kosten.
15:17
@ #8
Envio durfte sich zwar den Gutachter selbst aussuchen, aber trotzdem geschah das auf Veranlassung der Bezirksregierung, die dann auch über die Ergebnisse informiert werden musste.
Ich war auch erstaunt, dass auf der Stadt-Site nicht nur dieser Bericht (Gutachten würde ich das noch nicht nennen) auf einmal einsehbar war.
13:40
@7
Ok, dann Hut ab. Wie gelangt ein Gutachten eines Experten auf die Website der Stadt? Es war doch für Envio bestimmt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Envio-MA der Führungsebene dieses weitergespielt hat. Bin gespannt, wie es weitergeht...
12:12
@ #6
Die meisten Informationen sind frei zugänglich, man muss sich halt die Mühe machen, sie aufzustöbern und nach Wertigkeit und Glaubwürdigkeit zu analysieren. Klassische Recherche-Arbeit, kombiniert mit Befragung von anderen Fachleuten und bereinigt von Redaktionsvorgaben einer Lokalzeitung.
11:42
@ 1, 2 und 4
Bisher fallen Sie ja durch großes Fachwissen auf. Nur geben sich ja viele Fachwissend. Daher mal eine direkte Frage: Woher stammt ihr Wissen? Dies soll keine provokante, sondern interessierte Frage sein. Herr Brandt z.B. besticht ja durch aus dem Zusammenhang gerissene Infos. So hoffentlich nicht bei Ihnen auch.
08:07
Ein Kubikmeter verseuchte Erde sanieren und fachgerecht entsorgen kostet ca. 1.000 €.
Bei jahrlelanger fahrläsiiger bzw. vorsätzlicher Verseuchung des Bodens müsste man mindestens 3 m bis höchstens 12 m Erde abtragen und das Material fachgerecht entsorgen.
Abhängig von den verseuchten Oberflächen (hirizontal und vertikal!) und das Hineindringen des Giftes in die Tiefe (kann bis 12 m gehen!) können/ werden die Kosten im zweistelligen Mio.-Bereich liegen.
Envio AG ist damit zu 100% zum Konkurs verdammt.
Sie wird auch niemals die finanziellen Mittel aufbringen können, um die gesamten Folgekosten zu übernehmen.
Die Versicherung von Envio wiederum wird nicht zahlen, weil hier grob fahrlässig (sogar teilweise vorsätztlich) gehandelt wurde.
Also trägt am Endeffekt der Steuerzahler (wie immer!) die Gesamtkosten.
Die richtigen Ausmaße dieser vermeidbaren Umweltschäden und die Gesundheitsbeeinträchtigungen bei den Menschen im Umfeld von Envio werden sich jedoch erst in ca. 10 bis 20 Jahren in vollem Umfang sichtbar und deutlich werden.
04:02
Eine bezeichnende Anekdote in diesem Skandal ist übrigens der Bericht eines sog. Chemie-Sachverständigen namens Dr. D. Rackwitz, der im Auftrag von Envio das Betriebsgelände auf PCB-Spuren untersuchen sollte.
Nachdem sein Untersuchungsergebnis u.A. auf dem Fahrweg zur sog. Weißen Halle 55 eine 26-fache Überschreitung der zulässigen PCB-Konzentration für Arbeitsstätten nach LAGA ergab, schreibt dieser sog. Experte in seinem Schreiben an Envio-Chef Neupert doch tatsächlich:
Ich recherchiere genwärtig, ob das eine Relevanz für die Umwelt hat.
http://www.dortmund.de/media/downloads/pdf/pcb/umwelt/2010-07-01_PCB-Analysen_Daecher_und_Fahrweg.pdf
Für unsere Historiker hier: Das Schreiben stammt *nicht* aus den Frühzeiten der chemischen Industrie Anfang des letzten Jahrhunderts, als PCB zu den Heilsbringern im Brandschutz und in der Isolations-Technik zählten oder aus den Achtzigern, als man PCB verboten hatte oder aus den letzten 10 Jahren, in denen man erst langsam entdeckte, welche PCB-Varianten überhaupt existieren und welche höchst-giftigen Reste uns noch überraschen können - nein, es stammt vom 01.07.2010.
Die Tatsache, dass dieser selbsternannte Experte sich über die Umweltgefährlichkeit von PCB beim Materialprüfungsamt Dortmund und der Bundesanstalt für Straßenwesen schlau machen wollte, zeigt eigentlich nur, wie verrottet dieses Expertensystem mittlerweile ist.
01:39
Seit 2008 hätte die Stadt Dortmund außerdem bereits Rückstellungen für den jetzt eingetretenen Gau bilden müssen - die PCB-Belastung und auch der Verursacher waren schließlich bekannt - wenngleich die Stadt öffenlichkeitswirksam erst nach einem Verursacher suchte.
Apropos PCB und Kantine. Die Hafenschänke (direkt vis-a-vis von Envio) wird ja wohl auch ne reichliche Packung abbekommen haben.
00:39
Ach ja - gab es da nicht irgendwann Wünsche von Herrn Kossack bez. einer Erweiterung der Gleisanlagen der Hafenbahn?
00:35
Ähm - es gibt Fachleute, die schätzen die notwendigen Sanierungskosten im Bereich von 5 bis 6 Millionen Euro - ohne die Kosten für einen kompletten Bodenaushub, der aber nach den gefundenen Werten und der Dauer der Kontamination (seit der ABB-Zeit) immer wahrscheinlicher wird.
Das wird keine Bezirksregierung vorstrecken, also sollte sich Herr Stüdemann mal ein paar *ernsthafte* Gedanken machen, z.B. für was das Gelände später überhaupt noch taugen soll.