"Morgen seid ihr weg, die Probleme bleiben"
11.11.2007 | 19:07 Uhr 2007-11-11T19:07:51+0100Schon wie sie da sitzen - das erinnert an eine Anhörung vor einem Untersuchungsausschuss. ZDF-Journalistin Ulrike Brödermann und ihre vier Co-Autoren in einer Reihe. Vor ihnen knapp 100 Menschen, die meisten aus der Nordstadt.
Am Freitagabend kam es im Gemeindehaus St. Joseph in der Münsterstraße zur Aussprache über die drei mal 45 Minuten Film, die für so viel Unmut sorgen. Sechs Monate lang haben die Journalisten in der Nordstadt gedreht, sich also richtig Zeit genommen (welcher Privatsender würde so vorgehen?) und sich sogar dazu entschlossen, einige Aufnahmen zum Schutz der Betroffenen nicht zu zeigen. Ein journalistisch sauberes Vorgehen.
Oma Bonke findet den Film ganz gut
Und trotzdem: Bei den Menschen im Stadtteil kommt die Dokumentation nicht an. Man ist sauer. Nur Prostituierte, Drogen und Müll - alles Positive fällt angeblich unter den Tisch.
Eine Frau bringt es auf den Punkt: "Welche Intention verfolgen Sie mit dem Film? Das ist doch keine soziale Sensibilisierung, sondern ein holzschnittartiges Bestätigen von Klischees." Applaus aus dem Publikum.
Auch viele der Menschen, die in der Doku-Serie "Rap, Koran und Oma Bonke" gezeigt werden, nicken zustimmend. Zu Beginn des Abends wurden noch einmal Ausschnitte aus den ersten beiden Teilen gezeigt.
Oma Bonke selbst findet den Film zwar ganz in Ordnung, "nur der Kiffer hat zu viel Platz", meint sie. Der "Kiffer"selbst, Gökhan, ist da gleicher Meinung: "Ich steh als Trottel dar", wirft er den Journalisten vor. Ein älterer Mann hält dagegen, er habe den Film ganz anders erlebt: "Ich war beeindruckt, wie gut du die Sprache beherrschst und auch von deinen künstlerischen Leistungen", sagt er dem jungen Rapper. Auch diesmal klatschen die Gäste.
Die Wut bleibt dennoch. "Objektive Realität und nicht verzerrte Wahrheit", fordert eine Frau. Peter Christ sagt: "Morgen seid ihr weg, aber die Probleme bleiben." Und es fallen sogar Bemerkungen fallen wie: "Das ist eine erbärmliche journalistische Arbeit". Eine Bürgerfunkerin setzt noch eins drauf: "Wir hätten nicht so lange gebraucht."
Journalistin Ulrike Brödermann versichert: "Wir nehmen das ernst", fügt aber hinzu: "Ganz ehrlich, wir haben das erlebt." Es gebe einen "Weg" von Teil eins bis drei, erklärt sie. Das Team bemüht sich um Schadensbegrenzung und wirbt um Verständnis, aber die meist schwachen Argumente werden kaum beachtet. Die Zuschauer haben eine Dokumentation über die Nordstadt erwartet, die Macher haben aber ein Stück über Integration vorgelegt.
In der Pause diskutiert man miteinander. Zumindest das hat der Film bewirkt. Man trinkt Bier oder Wein. Ein Mann tritt zu Ilsegret Bonke und sagt ihr: "Ich finde es echt toll, was Sie da tun."
Im Saal wird es wieder dunkel. Teil drei stimmt dann fast alle versöhnlich. Gökhan bekommt einen Ausbildungsplatz und dreht sogar ein Musikvideo. Horst Köhlers Besuch der Grundschule in der Kleinen Kielstraße wird gezeigt - das ist doch positiv. Nur: Ein junger Mann aus Ghana kommt nicht zu seiner Deutschprüfung - weil er in Untersuchungshaft sitzt. "Das hat immer so einen negativen Beigeschmack", ärgert sich ein Besucher.
Nach dem letzten Teil bekommen die Filmemacher trotzdem zum ersten Mal am Abend ihren Applaus.
"Es ist ganz spannend, was hier passiert", betont Ulrike Brödermann. "Wir wollten Geschichten erzählen und diese kommen ganz unterschiedlich an." Wie Recht sie damit hat.
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