"Meine Texte sind ein Urschrei des Seins"

Daniel Puente Encina tritt am Donnerstag im Domicil auf.
Daniel Puente Encina tritt am Donnerstag im Domicil auf.
Foto: Polvorosa
Was wir bereits wissen
Schon als Jugendlicher machte er mit explosiven und ungestümen Auftritten in seinem Heimatland Chile von sich reden - heute gilt er vielleicht nicht mehr als politischer, dafür aber als musikalischer Rebell: Daniel Puente Encina tritt am Donnerstag (8.1.) im Domicil auf und präsentiert seine neuesten Alben. Hannah Schmidt sprach mit ihm über sein Image, die Liebe zur Musik und den Unwillen, sich unterzuordnen.

Dortmund.. Sie sind als Teenager Ihres Heimatlandes Chile verwiesen worden, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Wie würden Sie die Musik, die Sie damals machten, beschreiben, und was an dieser Musik war - Ihrer Meinung nach - derart gefährlich, dass eine Regierung zu solchen Maßnahmen greift?

Daniel Puente Encina:Meine antifachistische Band "Los Pinochet Boys" hat das gespielt, was wir früher gehört haben: Punk, Post Punk und New Wave. Dazu muss ich sagen, dass wir damals in Chile selbst das, was zum Beispiel "The Clash" gespielt haben, bereits als Punkmusik bezeichnet haben. Vom Stereotyp des Pop-Business waren wir Lichtjahre entfernt, ebenso weit wie von der Hoffnung vom lokalen Musikmarkt akzeptiert zu werden. Ein Produzent hat uns einen Plattenvertrag angeboten, wenn wir unseren Bandnamen ändern würden, aber das haben wir vehement abgelehnt.

Wir waren die authentische Verkörperung der "No Future"-Generation in Chile, die eine Revolution herbeisehnte. Manche unserer Songtexte waren ziemlich provokativ und die Thematik hatte immer einen direkten Bezug zur sozialen Realität in der wir gelebt haben, nämlich inmitten der Diktatur. Aber die größte Provokation war natürlich unser Bandname und die Wildheit unserer Auftritte.

Nachdem der Repressionsapparat der Diktatur am Anfang noch zweifelte, ob wir vielleicht doch Sympathisanten Pinochets seien, fing das Militär bald an, uns zu verfolgen und uns wegen irgendeines beliebigen Grundes festzunehmen. Mal waren es unsere Klamotten, mal die Frisur, die ihnen nicht passte und mit der Zeit begann eine regelrechte Hetzjagd mit Drohungen und Prügel und das war der Moment, in dem wir uns der gefährlichen Situation bewusst wurden.

Eines der ersten Opfer der Pinochet-Diktatur war in den 70ern der Folk-Protest-Sänger Victor Jara. Er wurde öffentlich in Santiagos National Stadium hingerichtet. Erst wurden ihm die Hände zertrümmert und dann wurde er erschossen. So haben wir unsere Konzerte heimlich veranstaltet, an Plakate aufhängen war natürlich nicht zu denken. Alles lief über Mund-zu-Mund-Propaganda, bis die Polizei davon erfuhr und unsere Konzerte schon nach wenigen gespielten Stücken einfach abbrach.

Jedes Anzeichen revolutionärer Gedanken sollte im Keim erstickt werden. Wir, die "Los Pinochet Boys", waren das Epizentrum einer antifaschistischen, rebellischen und anarchistischen Jugendbewegung, welche, gemeinsam mit dem Aufstand und der Bewegung der Armenviertel, zum Fall Pinochets in der Volksabstimmung von 1989 geführt hat. So wurde aus Chile, nach 15 Jahren Schreckensherrschaft, ein mehr oder weniger demokratisches Land.

Wie würden Sie Ihre Musik heute beschreiben? Nach wie vor rebellisch und politisch oder hat sich Ihr Bild von Musik verändert?

Ich war schon immer ein kritischer Denker und habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich gegen das ungerechte und das auf Dauer nicht funktionierende System bin. Auf der anderen Seite hasse ich offensichtliche Protestlieder, die einem Lektionen darin erteilen wollen, wie man handeln oder denken sollte. So beabsichtige ich, selber immer poetisch zu sein und versuche die Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, die in uns allen wohnen, in denen das Individuum und unsere Gesellschaft einem ultramächtigen, fremden und gefühlskalten System ohnmächtig und einflusslos gegenüberstehen.

Aber es ist genau diese unbedeutende und zarte Stimme, die mich interessiert, denn sie ist frei und authentisch. Meine Musik unterwirft sich weder dem Markt noch der politischen Korrektheit und manchmal ergeben meine Songtexte nicht einmal einen wirklichen Sinn, da sie sich nicht der Vernunft unterordnen. Sie sind vergleichbar mit einem Bild, dem Urschrei, dem Ursprung des Seins und das passiert nur in der Kunst.

Was muss oder soll Musik Ihrer Meinung nach leisten? Gleichbedeutend: Warum sind Sie Musiker geworden?

Ich glaube, dass die Musik eine der grundlegenden Beschäftigungen der menschlichen Kultur ist. Es ist eine Vorstellung der Natur und demzufolge eine Huldigung des Lebens. Heutzutage ist das Genießen von Musik kompliziert geworden, vor allem durch ihre Entwicklung in der westlichen Welt. Der natürliche Bezug zur Musik ist verloren gegangen.

Früher gab es bei jedem Fest in jedem Dorf Musiker, die unterhielten und spielten und gemeinsam mit den Gästen verschiedene Musikstile und Rhythmen entwickelten und das alles passierte ganz spontan. Heute sehe ich das komplizierter. Die Musik von heute ist überproduziert, angepasst an einen Markt und eine Logistik, die mehr daran interessiert ist, das maximale Kapital aus den Künstlern zu schlagen als eine reiche, komplexe und vor allem menschliche Kultur, wie die Musik es nun einmal ist, zu erschaffen.

Gute Musik entwickelt sich meiner Meinung nach nur in einem aktiven Umfeld zwischen Musikern und Zuhörern. Heute wird Musik nur noch konsumiert und sie wird immer weniger abwechslungsreicher und eintöniger obwohl noch nie soviel Musik gehört wurde wie heute. Ich liebe Musik über alles und kann ohne sie nicht leben. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Existenz, sie nährt mich, gibt mir neue Kraft und nimmt mich mit auf eine Reise ins Unbekannte, ins Mysteriöse...Ins Leben eben.

In Rezensionen liest man, sie vermischen unterschiedliche Musikstile miteinander, zurzeit sind das südamerikanische Musik, R&B, karibische Rhythmen und eine Mischung aus Blues, Bluesrock, Funk und Einflüsse aus Dixie, Country und Ska. Wie ist es möglich, so viele Stile "in völliger Harmonie" miteinander zu verbinden, wie Sie selbst sagen? Können Sie "Ihren" Stil mit einem Wort beschreiben?

Alle diese Musikstile wurden auf dem neuen Kontinent, in Amerika, entwickelt und alle haben einen gemeinsamen grundlegenden Faktor und zwar die Musik der afrikanischen Sklaven mit ihrer unglaublichen Musikalität und ihrer einflussreichen ethnischen Volksmusik. Diese wundervolle Grundlage mische ich mit europäischen Elementen aus Ost und West. Mein Stil ist der Stil, der in Amerika bereits seit Jahrhunderten vorherrscht, der natürliche Rhythmen mit inspirierender Poesie vereint.

Sind alle Stücke auf Ihren Alben selbst geschrieben oder bedienen Sie sich auch bekannter Melodien? Wie komponieren Sie? Welche Themen beschäftigen Sie? Und was macht eine gute Interpretation aus?

Ja, na klar, sind das alles Eigenkompositionen. Meine Kompositionen fließen aus mir heraus, sie entwickeln sich einfach so beim Spielen. Mich beschäftigt wohl das, was alle beschäftigt. Liebe, Freundschaft, Politik, Kunst und Natur. Meine Songs sind wie kleine Drehbücher, die ich in Musik umwandele. In allen diesen Jahren habe ich versucht, das zu entwickeln, was man in der Literatur "seine eigene Stimme" nennt.

Natürlich lasse ich mich von existierenden Stilen inspirieren und finde jedoch immer wieder zu meinem ganz eigenen Stil. Ich spiele das, was ich bin. Das ist eine Sache des Seins, der Authentizität. Selbst bei einer guten Interpretation sollte man immer wie man selbst klingen.


Wo leben Sie zurzeit? Würden Sie wieder nach Chile zurückkehren? Kennt man Sie dort noch als rebellischen Jungmusiker und gefällt Ihnen dieses Image? Welches Bild haben Sie von sich selbst als Musiker?

Den Großteil der Zeit, wenn ich nicht gerade auf Tour bin, verbringe ich in Barcelona oder in Berlin. Ich würde liebend gerne nach Chile zurückgehen und sogar dort leben, aber mein bisheriges Leben hat mich in andere Richtungen gelenkt und ausserdem liebe ich es, zu reisen und Europa zu entdecken. In Chile sind die "Los Pinochet Boys" bekannt wie ein bunter Hund, es gibt Dokumentarfilme und Bücher und sogar eine TV-Serie über die Band. Ich bin nicht besonders nostalgisch und konzentriere mich lieber auf das, was mir die Zukunft noch bieten wird. Ich habe noch sehr viele große Träume, die ich privat und auch als Künstler leben möchte.


Ich denke, dass ich in den letzten Jahren genug Anerkennung bekommen habe, um mir selbst treu zu bleiben und mich immer noch von dem selben inneren Feuer leiten lasse, das schon in mir gebrannt hat, als ich mit der Musik angefangen habe. Das ist die Leidenschaft zur Musik. Ich habe mich zu dem entwickelt, der ich immer sein wollte. ein authentischer Musiker mit eigenem Stil. Daniel Puente Encina spielt im Domicil, Hansastraße 7.11, am Donnerstag (8.1.) um 20 Uhr.