Mehr Schwarz als Gelb

Eine Stadt fühlt sich, als sei mit ihr Schluss gemacht worden: In Dortmund herrscht nach Jürgen Klopps angekündigtem Abschied vom BVB tiefe Trauer. Unser Redakteur Tobias Großekemper war am Mittwoch in einer bis ins Mark getroffenen Stadt unterwegs - und fand vor allem Dankbarkeit. Eine Reportage.

Dortmund.. Wo sollte eine Geschichte, die das Ende von etwas ist, beginnen, wenn nicht ganz am Anfang? Es ist vier Minuten nach Klopp, 13.34 Uhr am Mittwoch, und Heidemarie Sas, Pommesbudenbesitzerin, Evinger Mädchen, Borussin, kämpft gegen die Tränen in ihren 67-jährigen Augen. "Er ist doch der Vater der Kompanie", sagt Sas. Und: "So was bekommen unsere Jungs nie wieder".

Der Tag hatte normal begonnen, vielleicht war es ein bisschen zu schön für einen 15. April, aber sonst war alles wie immer. Vielleicht war ja auch alles ein bisschen zu schön gewesen in Dortmund in den letzten Jahren. Da hatte die Stadt, die so etwas wie der Straßenfiffi unter den deutschen Großstädten ist, vor sieben Jahren einen Trainer für ihren Verein bekommen, der, obwohl nicht von hier, das Straßenfiffi-Einmaleins locker drauf hatte: Schlau, schnell, schnell auch mal bissig und streitbar, offen bis extrovertiert und herzlich. So ist der Ruhrpott, hier muss man klar kommen und nur so funktioniert das.

Echte Liebe bekommt man nicht ohne Leiden

Sieben Jahre, es musste wohl das verflixte sein, dauerte die Liaison zwischen Verein und Trainer, die sich in den Worten "Echte Liebe" manifestierte. Drei Titel, zwei Meisterfeiern, vom Abstiegskandidaten zum Spitzenteam, und nur, wer hier wohnt, kann nachvollziehen, was das für die Stadt, deren letzte große Klammer der Verein ist, bedeutet hat.

Echte Liebe.

Nur kann man sie nicht bekommen ohne Leiden.

Heidemarie Sas weiß das, sie ist zum zweiten Mal verheiratet. Seit Oktober 2003 führt sie die Pommesbude Rot-Weiß in der Nähe vom Borsigplatz. Pommes-Currywurst auf historischem Boden, mehr BVB-Tradition als hier geht nicht. Am 19. Dezember 1909 wurde in dem Gebäude, in denen Sas also 105 Jahre später die Fritten schmiedet, der BVB gegründet. "Wildschütz" hieß die Gaststätte damals.

Am 5. Oktober 2009 kam Jürgen Klopp hier vorbei, er war der erste Trainer, der das tat. Currywurst habe er gegessen, sagt Sas, an diesem Tag hat er sich in ihr Herz gespachtelt. Fotos an der Wand zeigen den Trainer hier. Er wirkt auf den Bildern jünger, als er das heute tut.

Fußball-Konsum statt selbstgebastelter BVB-Embleme

Die neugebaute Fanwelt am Signal Iduna Park ist ein krasser Kontrast zu der kleinen Welt von Sas, in der auch selbstgebastelte BVB-Embleme ihren Platz haben. Fußball-Konsum auf zwei Etagen, vom Gartenzwerg in Vereinsfarben über den Kaffeebecher, kaum etwas, dass es hier nicht gibt. Nur eine Klopp-Devotionalie gibt es nicht. Es habe, sagt eine Angestellte, mal einen Schal gegeben, der sei bedruckt gewesen, den gebe es aber nicht mehr im Angebot.

Taschentücher mit einem Klopp-Aufdruck wären am Dienstag gut gelaufen: Als die Nachricht am Vormittag von der BILD lanciert wurde, dass Klopp den Verein auf eigenen Wunsch hin verlassen würde, da war Unglauben in der Fanwelt das vorherrschende Gefühl.

Kann doch nicht wahr sein!

Ist es dann doch.

Aus Unglauben wird Trauer. "Scheiße" sei das, sagen viele, die man hier fragt, aber es ist nicht der Zorn, der sich dann Luft macht, es ist die Trauer über den Verlust.

Kein Nachname wurde auf der Süd lauter gerufen

Da geht einer, den man mit Fug und Recht einen der talentiertesten Trainer Europas nennen kann - doch es ist alles anders als damals, als Götze ging. Oder auch Lewandowski. Das waren, wenn auch herausragende, dennoch nur Spieler. Spieler einer Mannschaft, in der, zumal nach ihren Abgängen, mehr und mehr und jetzt erst recht der Trainer der Star war.

Was sich auf der Süd in jedem Heimspiel zeigte. Stadionsprecher Norbert Dickel ruft den Vornamen eines Spielers, das Publikum den Nachnamen, doch kein Nachname wird lauter, vielstimmiger gerufen als der von "Trainer Jüüüürgen" - KLOOOOPP!"

Der Trainer war der Star

Robert Schuhmann aus Nürnberg: Klopp ist der Star in Dortmund. (Foto: Dieter Menne)

Robert Schuhmann kommt aus Nürnberg, er war nie auf der Süd, an seinem Schlüsselbund hängt ein Wappen vom 1. FC Nürnberg. Er kauft am Mittwochnachmittag eine Stoff-Emma und eine kleine Reus-Puppe für seinen Nachbarsjungen. Und doch weiß er, wer hier in Dortmund der Star ist. Und wenn der Trainer der Star ist, was macht das dann mit der Mannschaft, fragt Schuhmann. Und ihrem bedingungslosen Willen, alles für ihn zu tun?

Vielleicht muss man von außen kommen, um an diesem Mittwoch solche Gedanken zu formulieren. Um eben auch den anderen Teil der echten Liebe zu sehen. Den, den man so gerne verdrängt, der in Erinnerungen kaum Platz hat, weil Erinnerungen trügerisch schönfärben: Den Teil der echten Schmerzen.

Immer unter Feuer, immer unter Strom

Vollgasfußball, Pressingmaschine, immer unter Feuer, immer unter Strom, welche Maschine, welcher Mensch hält das aus? Welche "normale" Beziehung lebt nicht auch von den Mühen der Ebene? Von der verschworenen Gemeinschaft der Musketiere aus Brackel, alle für einen und einer für alle, war in dieser Saison nicht mehr viel zu sehen.

Und so hätte, wer wollte, sehen können, was da am Mittwoch kam - doch wer wollte schon?

Liebende sind merkwürdig wie ihr Stoff, die Emotionen. In der Liebe ist, wie im Krieg, alles erlaubt und so will man das sehen, was einen an die gute Zukunft glauben lässt, wenn man solche Erinnerungen hat.

Überschäumende Emotionen

Und was für Erinnerungen. Allein die Meisterfeiern 2011 und 2012, die Wege dahin. Überschäumende Emotionen. Bierseligkeit, Kaiserwetter, Ekstase am Borsigplatz. Zehntausende, die stundenlang warteten, bis dann endlich der Korso kam. Schwarzgelber Freudentaumel, 300 Meter von der Pommesbude entfernt.

Menschen, die sich an Laternen festklammerten, um ihre Helden besser zu sehen. Andere, die auf die Bäume kletterten, um ihnen näher zu sein - bis die Äste unter dem Gewicht brachen, herunterfielen, auf andere drauf, die dann gemeinsam wieder aufsprangen, weiter, weiter, immer weiterfeiern. Als gäbe es kein Morgen.

Am Mittwoch ist es vorbei.

Der Klopp macht jetzt Urlaub

Den BVB immer nahe am Herzen: der Dortmunder Lehrer Detlef Wallbaum. (Foto: Dieter Menne)

Wenn etwas richtig ist, kann es trotzdem falsch sein. Und ein Feuer hat immer auch mit Brennen zu tun. Und brennt es ja auch noch einmal lichterloh durch die Stadt an diesem 15. Februar, das Lauffeuer der Nachricht vom Ende einer Ära. Detlef Wallbaum erreichen die Zünglein im Lehrerzimmer der Gesamtschule Gartenstadt, er ist dort Lehrer und ein Kollege kam in dem Raum, ein Smartphone in der Hand. Der Kollege sagt dann etwas in der Art, dass er glaube, der Klopp würde Urlaub machen. Und dann sitzen alle Kollegen an den Rechnern, Smartphones, Tablets, um zu sehen, was das denn jetzt heißen mag.

Was das heißen mag?

Schwer zu sagen. Es gibt nicht wenige, die laufen an diesem Tag durch die Gegend mit dem Gefühl, mit ihnen persönlich sei Schluss gemacht worden. Tiefes Loch, Endstation Ohmacht. Es gibt wenige, die sagen, dass ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende sei. Was Menschen halt so sagen. Fast alle, die man fragt, sagen "danke". Danke für sieben heiße Jahre, dafür, dass da ein fast insolventer Verein sich einen herausragenden Namen in der Sportwelt Europas machte. Und so muss man festhalten, dass es wohl zu allererst Dankbarkeit ist, die die Menschen empfinden für einen, der war wie sie. Und dann Trauer.

Und noch kein Platz für die Frage, was jetzt kommen wird? Die, die emotional nah dran sind, wollen sich das am Mittwoch gar nicht vorstellen. Was dieser Abgang mit dem Verein machen wird.

Ein Trainer, der wie Arsch auf Eimer passte

Detlef Wallbaum wünscht Klopp "alles Gute. Und manchmal mehr Gelassenheit." Jürgen Klopp wünscht sich, als DFB-Pokalsieger noch einmal im Jubelkorso um den Borsigplatz fahren zu dürfen. Und Heidemarie Sas würde Klopp auch ohne DFB-Pokal diesen Wunsch gewähren. Dem Trainer, der in die Stadt passte wie Arsch auf Eimer.

Und die Stadt wäre, davon wäre auszugehen, auch bei einer solchen Fahrt voller als München bei einer Meisterfeier. Die, die ihre Arbeitsverträge nicht vorzeitig auflösen können, weil sie froh sind, überhaupt einen zu haben, würden kommen. Für sie ist der Verein alles. Und sie sind der Verein, der aufstieg wie der Phoenix aus der Asche, als Jürgen Klopp kam.

Jetzt also geht er zum Ende der Saison.

Und dann?

"Dann" sagt Heidemarie Sas, "brauchen die Jungs einen Stiefvater."

Wer auch immer es werden wird, es wird für ihn nicht einfach werden.

Das ist das naturgegebene Schicksal eines Stiefvaters.