Mauer des Schweigens nach Straßenkämpfen in Dortmund

Polizeieinsatz auf der Stahlwerkstraße in der Dortmunder Nordstadt.
Polizeieinsatz auf der Stahlwerkstraße in der Dortmunder Nordstadt.
Was wir bereits wissen
Nach einem Straßenkampf in der Dortmunder Nordstadt haben die Anwohner Angst. Die Polizei ist vor Ort und will bei Revierkämpfen hart durchgreifen.

Dortmund.. Nach einem Straßenkampf mit 60 Beteiligten erinnert die Polizei die Kontrahenten in der Nordstadt daran, dass die Spielregeln für ein friedliches Zusammenleben in dem Bezirk nicht umgeschrieben werden dürfen, schon gar nicht mit Macheten und Messern. Und nach ersten Festnahmen klickten erneut die Handschellen.

Polizei sucht Zeugen 21 Uhr am Montag in der Nordstadt-Wache: Mehrere Polizisten warten auf die Rückkehr der Bereitschaftspolizei von einer Neonazi-Demonstration in Lütgendortmund. Dann geht alles ganz schnell. Ein Funkspruch, letzte Anweisungen des Einsatzleiters ("alles auf Links ziehen") - und mehrere Streifenwagen rasen durch das Revier. Über die Bornstraße und die "Malli" (Mallinckrodtstraße) bis ins Borsigplatz-Viertel. Polizisten sperren die Stahlwerkstraße ab und dringen zeitgleich in mehrere Cafés des Viertels ein.

Polizei trifft auf Mauer des Schweigens

Im Fokus: Bei dem Straßenkampf am 15. Mai 2015 beteiligte Angreifer und auch Zeugen, die belastbare Aussagen treffen können. Die Handschellen klicken an diesem Montagabend schnell; erneut konnte die Polizei zwei Angreifer festnehmen. Was fehlt, sind belastbare Zeugenaussagen, die einer Ermittlungskommission (EK) weiterhelfen. Doch die EK-Beamten sind bisher auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Denn die, die reden könnten, sprechen eine andere Sprache. Zeugenaussagen, selbst über den Gegner, passen in dieser Sprache nicht ins Vokabular.

Selbst Verletzte machen den Mund nicht auf. Auch eine Anwohnerin der Stahlwerkstraße, die den Angriff am 15. Mai hinter ihrem Erdgeschoss-Fenster mit dem Enkelkind verfolgt hat, sagt lieber nichts - außer das hier: "Ich habe Angst." - "Die da hinten", legt sie noch hinterher und zeigt auf das "Café de Luxe" am anderen Ende der Straße. Vor jenem "Luxus"-Café hängen finstere Gestalten ab. Das große Polizeiaufgebot stört die Männer. Der Anspruch auf das Revier steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Einer von ihnen stellt sich provokativ einem abfahrenden Polizeifahrzeug in den Weg.

Konflikt unter verfeindeten Gruppen

Nach offiziell nicht bestätigten Informationen unserer Redaktion gärt in der Nordstadt seit mehreren Monaten ein Konflikt unter verfeindeten Gruppen. Dabei soll es um Ansprüche auf ein verlorenen gegangenes "Revier" gehen - ein Drogenrevier. Das Geschäft mit Pillen und Pulver ist in der Nordstadt sehr lukrativ. Drogenhändler aus verschiedenen Nationen und auch Deutsche verdienen hier ihr Geld.

Dortmunder und Besucher aus umliegenden Städten decken sich in dem Bezirk mit Stoff für die Sucht oder wilde Partynächte ein. Für diese Nachfrage gibt es in der Nordstadt die richtigen Angebote. Das Borsigplatz-Viertel, die "Malli", das Schleswiger Viertel und die Münsterstraße sind lukrative Gegenden mit abgesteckten Claims. Wehe dem, der die Grenzen verschieben will.

Polizei erteilt Platzverweise

"Wir wollen Zeugen und Namen", sagt Polizeisprecher Kim Freigang über den Einsatz. Wer auf der Stahlwerkstraße im Weg steht oder provozieren will, kassiert einen Platzverweis. Bereitschaftspolizei nimmt etliche Personalien auf. Zugleich überprüft das Ordnungsamt die Gaststätten-Konzessionen. Erneut liegen die Anwohner der Stahlwerkstraße in den Fenstern.

Diesesmal ist das Geschehen vor der Haustür weniger spektakulär als drei Abende zuvor: Am 15. Mai zogen mit Messern und Macheten bewaffnete junge Männer über die Straße. Schüsse fielen. Angreifer entglasten mehrere Autos. Revierkämpfe wie diesen will die Polizei unbedingt verhindern. Die starke Präsenz soll das erschütterte Sicherheitsgefühl der Bürger stabilisieren.

Diese Fragen sind noch offen:

  • Wer gehört zu den Kontrahenten, welche Gruppen kommen in Frage?
  • Wer hat den ersten Angriff am Freitagabend verabredet?
  • Gibt es einen Rädelsführer?
  • Auf welchen Wegen sind die Waffen beschafft worden?
  • Wie ist der Drogenhandel in der Nordstadt organisiert?