Das aktuelle Wetter Dortmund 22°C
Straßenstrich

Manche Freier zahlen Elends-Prostituierten nur fünf Euro

27.11.2013 | 14:11 Uhr
Manche Freier zahlen Elends-Prostituierten nur fünf Euro
Gefährliche Arbeit: Eine Prostituierte wartet an der Straße auf Kunden.Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Elends-Prostitution ist ein besonderes Problem im Ruhrgebiet. Zum Teil verkaufen Frauen aus Südosteuropa ihre Dienste für fünf Euro. In Dortmund gibt es auch nach der offiziellen Auflösung des Straßenstrichs noch Prostitution auf den Straßen der Nordstadt. Die Frauen riskieren dabei ihre Gesundheit und ihr Leben.

Ist Prostitution „legale Sklaverei“, die in Deutschland sogar noch staatlich gefördert wird? Gehört dieses Gewerbe abgeschafft? Alice Schwarzer sagt dazu Ja, und ihr „Appell gegen Prostitution“ findet breite Unterstützung. Aber inzwischen wird auch Widerspruch laut.

„Für Alice Schwarzer ist die Frau, die Prostituierte, immer das Opfer. Aus dieser Überzeugung heraus gehört Prostitution abgeschafft. Tatsächlich aber handelt es sich für die große Mehrheit der Prostituierten um eine gewollte, freiwillige Tätigkeit“, sagte die Berliner Soziologin Christiane Howe bei einer Veranstaltung des Zonta Clubs Dortmund. Zonta ist ein Zusammenschluss berufstätiger Frauen, die sich für eine Verbesserung der Lebenssituation von Frauen einsetzen.

Die Vorsitzende des Runden Tisches Prostitution NRW, Claudia Zimmermann-Schwartz, bestätigte im Harenberg-Center diese Haltung: „Die meisten dieser Frauen sagen: Ich verkaufe eine Dienstleistung.“

Fataler „Preisverfall“ auf dem Strich

Die zunehmende Elends-Prostitution im Ruhrgebiet müsse aber mit anderen Maßstäben gemessen werden. Experten sprechen von einem fatalen „Preisverfall“ auf dem nun illegalen Dortmunder Straßenstrich. Zum Teil zahlten Freier den Prostituierten aus Südosteuropa nur 5 Euro. „Da kann man dann nicht mehr über Freiwilligkeit reden. Fünf Euro sind kilometerweit entfernt von jeder Selbstbestimmung“, sagte Dortmunds Sozialdezernentin Birgit Zoerner. „Wir diskutieren in Deutschland über Mindestlöhne, und gleichzeitig können Kunden von Prostituierten solche Preise aushandeln. Warum werden in diesem Gewerbe alle Regeln, die sonst gelten, außer Kraft gesetzt?“

Lesen Sie auch:
Hat sich Deutschland freiwillig zum Großbordell gemacht?

Prostitution ist in Deutschland legal und wird kaum überwacht. Das hat das Land zu einer Hölle für Zwangsprostituierte und zu einem Paradies für...

Die bisherige Haltung der Stadt Dortmund, erst dann wieder einen Straßenstrich einzurichten, wenn dies juristisch nicht mehr zu vermeiden ist, wird in der NRW-Landesregierung nicht gern gesehen. Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) hat den Verantwortlichen in Dortmund schon ins gewissen geredet. Claudia Zimmermann-Schwartz, Abteilungsleiterin im Ministerium, sagt es so: „Prostitution braucht Orte.“ In Duisburg gebe es Großbordelle, in Essen ein Areal für Straßenprostitution an der Gladbecker Straße. In Dortmund sei die Situation nach dem Aus für den Straßenstrich an der Ravensberger Straße gar nicht mehr zu überblicken. Bei der (durchaus strengen) Konzessionierung von Bordellbetrieben handele Dortmund aber vorbildlich.

Prostitution findet vor allem in Clubs und Privatwohnungen statt

Zimmermann-Schwartz warnt davor, bei Prostitution vor allem an Straßenstrich und Bordelle zu denken. „Das ist nur der allerkleinste Teil dieses Gewerbes. Das meiste passiert heute in Clubs, in Saunen und in privaten Wohnungen.“ Das Internet habe die Prostitution dramatisch verändert. Liebesdienste sind heute sozusagen „per Mausklick“ buchbar. Das mache aber einen Überblick über dieses Gewerbe in Deutschland vollends unmöglich.

Lesen Sie auch:
Gewerbe oder Sklavenmarkt? Streit über Prostitution

Sex kann man hierzulande kaufen wie im Supermarkt. Doch ein normales Gewerbe ist die Prostitution beileibe nicht. Sklavenmarkt, sagen die einen - und...

SPD und Union haben bei ihren Koalitionsverhandlungen eine umfassende Reform des Prostitutionsgesetzes von 2002 verabredet. Opfer sollen besser geschützt, ausbeuterische Praktiken wie Flate-Rate-Sex verboten werden. Das Gesetz von 2002 sollte die Rechtsposition und Arbeitsbedingungen der Frauen verbessern. Prostitution gilt nicht mehr als sittenwidrig. Claudia Zimmermann-Schwartz glaubt, das Gesetz habe die Situation für Prostituierte zwar verbessert, das reiche aber nicht. „Wir müssen das Gesetz um Vorgaben für bessere Arbeitsbedingungen ergänzen. Wir brauchen mehr Regeln und besseren Schutz.“

Eine weibliche Prostituierte pro 500 bis 1000 Einwohnern

Die meisten Experten sagen, es sei unmöglich zu sagen, wie viele Frauen (und Männer) als Prostituierte arbeiten. Es heißt, eine Million Kunden bezahlen täglich in Deutschland für Sex. Seriös ist diese Zahl nicht. Überhaupt gibt es nur grobe Schätzungen über das Ausmaß der Prostitution in Deutschland oder im Ruhrgebiet. Zwischen 200.000 und 400.000 Prostituierte soll es in Deutschland geben. Allein diese Zahlen zeigen, wie grob geschätzt wird.

Wir haben das NRW-Gesundheitsministerium gefragt, wie viele Prostituierte im Ruhrgebiet arbeiten. Hier die Antwort:

„Valide Zahlen und Daten gibt es dazu nicht. Verschiedene Institutionen wie z.B. Beratungsstellen für Prostituierte schätzen, dass es etwa eine weibliche Prostituierte pro 500 bis 1000 Einwohnern gibt. Ausgehend davon wäre im Ruhrgebiet von einer Zahl von ca. 5.150 bis 10.300 Prostituierten auszugehen. Das ist keine Zahl unseres Ministeriums, sondern wir zitieren Schätzungen von Expertinnen.“

Und wie viele Frauen aus Rumänien und Bulgarien arbeiten als Prostituierte in NRW/im Ruhrgebiet?

„Auch hierzu gibt es keine validen Zahlen. Nach Auskunft von Beratungsstellen, die mit Frauen Kontakt haben, die in Bordellen, Clubs oder auf der Straße arbeiten, ist die Wahrnehmung wie folgt: Es arbeiten überwiegend Migrantinnen in diesem Bereich.“

Matthias Korfmann

Funktionen
Fotos und Videos
Ferienspiele in Lütgendortmund
Bildgalerie
Fotostrecke
Oldtimer-Treff im Nahverkehrsmuseum
Bildgalerie
Fotostrecke
'Farbgefühle' auf der Galopprennbahn
Bildgalerie
Fotostrecke
DJ-Picknick im Fredenbaum
Bildgalerie
Fotostrecke
article
8705446
Manche Freier zahlen Elends-Prostituierten nur fünf Euro
Manche Freier zahlen Elends-Prostituierten nur fünf Euro
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/manche-freier-zahlen-nur-fuenf-euro-id8705446.html
2013-11-27 14:11
Dortmund