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Interview

Maffay-Hits sind wie Tattoos auf der Haut

01.02.2010 | 13:08 Uhr
Maffay-Hits sind wie Tattoos auf der Haut

Dortmund.Warum wollte Peter Alaxander Makkay vor 40 Jahren unbedingt singen? Weil Singen hübsche Mädels anzieht, gibt er im WR-Interview zu. Und der 60-Jährige singt auch heute noch - nur, dass sich er sich inzwischen Peter Maffay nennt.

Hunderte Fans waren am Samstag (30. Januar) bei Peter Maffays Autogrammstunde im Dortmunder Saturn-Markt. Kein Wunder: Tags zuvor hatte der in Rumänien geborenen Rockstar sein neues Album "Tattoos" vorgestellt - mit neu aufgenommen Hits aus 40 Bühnenjahren. WR-Redakteur Andreas Winkelsträter sprach mit dem 60-Jährigen über seine Kindheit, seine Erfolge und sein Alter.

Warum wollte Peter Alexander Makkay vor 40 Jahren unbedingt singen?

Maffay: Weil es hübsche Mädels gibt. Der ältere Bruder von meinem Freund Harald, der hatte eine Gitarre. Der war einen Kopf größer als mein Freund und zwei Köpfe größer als ich. Wenn der gespielt hat, dann saß immer eine Gesellschaft um ihn herum. Und viele davon waren Mädels. Da konnte man dann sehen, was das für einen Effekt hatte. Und wir, die Kleineren, die Jüngeren, haben gesagt: Warte, bis wir so alt sind wie du, dann machen wir Dir das nach. Das haben wir dann auch getan.

Als Du von Rumänien nach Deutschland gekommen bist, wie Du gesagt hast, „In Rumänien abgeschnitten von Informationen aus dem Westen”, stürzte im Westen vieles, vieles auf Dich ein. Was war das für eine Zeit?

Hunderte Fans kamen am Samstag (30. Januar) zur Autogrammstunde von Peter Maffay zu Saturn nach Dortmund.

Maffay: Da hatte ja gerade ein Sprung ins kalte Wasser stattgefunden. Zwei Stunden von Bukarest bis Köln. Nix, aber trotzdem eine entscheidende Zeitreise. Aus dem damals kommunistischen, abgeriegelten Rumänien, raus in ein entriegeltes Westdeutschland. Das war schon ein Sprung. Und man hatte alle Möglichkeiten, von denen man gehört hatte, über sieben Ecken, die lagen dann plötzlich griffbereit. Alles, was wir uns vorgestellt haben von dieser Welt, das musste erst einmal eingeordnet werden. Aber vieles fanden wir bestätigt. Die tollen Autos, die Klamotten, die Reklame, die Fröhlichkeit auf den Straßen. Natürlich waren wir auch keine unfröhlichen Menschen da unten. Aber die Umstände waren nicht so fröhlich. Alles war grauer. Und plötzlich ist das alles ganz anders. Und dann kommt jemand noch, der fragt: ,Hast Du Lust in einer Band mitzuspielen? Bring' Dein Instrument mit'. Ich hatte keines. Da hab ich mir eine Gitarre gekauft für 70 Mark, wo der Hals zweimal gebrochen war. Die war so verleimt. Und schon war ich in der Band. Und abends kamen dann bei Manfred Sexauer und Uschi Nerken so Typen mit ganz coolen Sonnenbrillen und Klamotten. Die lebten einen Lifestyle vor. Da haben wir uns nur gefragt, in welchem Laden kann man diese Hosen kaufen, diese Stiefel, die fürchterlichen Nyltest-Hemden, die mächtig stanken. Und diese Attitüde haben wir dann in sehr infantiler Form als Buben nacherlebt. So wurde dann ein uralter, gebrechlicher VW-Bus aufgepimpt. Da kam die Anlage rein. Und schon waren wir unterwegs ins Nachbardorf. Ich hab damals nicht viel Klarheit gehabt, über das, was ich wollte oder nicht. Ich kam damals einfach raus. Da war so viel Ablenkung. Auch die Schule, die hat mich damals überhaupt nicht mehr interessiert. Aber eins war klar, dass ich irgendwie mit Musik so zu tun haben will, dass ich damit lebe und auch davon lebe. Und dieser Motor, der hatte bei mir mehr Drehmomente als bei den ganzen Typen, mit denen ich unterwegs war. Sie sind irgendwann abgedriftet, haben einen normalen Beruf erlernt. Das war dann auch für die ok. Die haben geheiratet, Kinder bekommen und was auch immer. Und ich habe mir schon mit 14 gesagt: Das muss irgendwie klappen. Und das hat dann sechs Jahre gedauert, bis Kuntze kam. Da war es mir dann wirklich sehr egal, welche Stilistik. Da hab ich mir gar keine Gedanken drüber gemacht,. Orloff kam mit einem Lied (Anm.: Du) und fragte: Willste nen Schallplattenvertrag? Dreimal darfst Du raten, hab ich ihm gesagt. Und dann ging's los.

„Du” ist ja auch auf dem neuen Album. Es gab Zeiten, da wolltest Du es gar nicht spielen...

Maffay: Aber jetzt kann man das doch machen. Jetzt hab ich den Sprechteil sogar selbst gesprochen (lacht laut).

Kannst Du Dir erklären, was die Faszination dieses Liedes ist?

Maffay: Also zunächst einmal. Ob die die Stilistik gut bedient haben oder nicht. Das kann man ja diskutieren. Als ich gerade einmal eine Gitarre spielen konnte, da passierte links und rechts neben mir schon eine ganze Menge. Und ich hab meine Gangart auch erst einmal finden müssen. Das hat sehr lange gedauert. Ich bin da in vielerlei Dingen eine Art Spätzünder. Aber, wir leben - und jetzt mit diesem Abstand behaupte ich das einfach - in unserem Kulturkreis, ich will jetzt nicht Deutschland sagen, mit einer Schere im Kopf und mit Schubladendenken. Und das macht alles so verkrampfter. Es wird immer nur formatiert, Schublade auf, Schublade zu. Dabei ist die Musik so offen für Experimente, für Interpretationen. Entscheidend ist doch, wie man hinter den Dingen steht, die man macht. Und „Du” ist ein verdammt gutes Lied. Das sage ich nicht selbst, sondern erlaube mir, meine Jungs zu zitieren. Oder andere Musiker, die sagen, Du kannst es drehen, wie du willst, klar ist es eine Schnulze. Aber es ist ein verdammt gutes Lied. Und wenn Du es jetzt einmal unter dem Strich betrachtest, haben wir mit diesem Lied niemanden richtig verletzt. Ein bisschen Verwirrung gestiftet. Geht das oder geht das nicht. Das gehört auch zu meiner Vergangenheit und deshalb mach ich das auch. Ich hab' das gemacht. Das kratzt mich überhaupt nicht. Es macht mir Spaß, das zu singen. Die hohen Töne treffe ich nicht mehr so leicht wie früher. Da konnte ich aber auch noch nicht so tief in den Keller, weil da noch so viele Zigaretten dazwischen liegen. Aber es macht Spaß, es ist ein schönes, gefühlvolles Lied. Der Text ist jetzt nicht unbedingt eine Erfindung. Aber das kann man doch mit einem Lächeln machen, Aber, ich kenne viele, die zu mir gekommen sind, haben mir erzählt: ,Bei dem Lied hab' ich meinen Mann kennengelernt', ,Da hab' ich meine Frau kennengelernt'. Und dann guck' ich die an und sag: ,Ein gutes Bindemittel, fünf Minuten. Es gibt sicherlich Lieder, die vom Inhalt ein bisschen erwachsener sind. Im richtigen Augenblick sagt man das, was wir da in dem Lied sagen.

Das Lied steht auf dem neuen Album da, so scheint es, wie Dein Leben. Am Anfang ganz leise, minimalistisch und dann geht es voll ab, rockig. Ist das Absicht?

Maffay: Dieses Lied ist im Grunde genommen keine Interpretation mehr. Da gibt es andere wie „Und es war Sommer”. Und es gibt dann auch noch Steppenwolf aus Imagegründen. Das war eine ganz entscheidende Scheibe. Da sind wir damals ein bisschen eigenständiger geworden. Und deswegen gibt es die Scheibe auch. Aber "Es war Sommer" mit den James-Taylor-Gitarren ist eine Interpretation der ersten Version. Und die kommt ja noch völlig anders daher. Aber „Du” haben wir kopiert. Da haben wir beim Arrangement hingehört wie früher. Was hat der da gespielt, was der da. Was hat Charly Antonini am Schlagzeug gespielt. Und Bertram Engel hat das alles nachgespielt. ,Geil', hat Bertram gesagt, ,das würde ich nicht so spielen'. Aber der kommt aus dem Jazz und hat das so gemacht. So haben wir das neu aufgesetzt. Es ist auch die Originaltonart. Deswegen hab' ich mich da auch viel schwerer getan, da hochzukommen. Aber das Verrückte ist, wenn Du mit Erinnerungen an diese Lieder rangehst - denn das kannst Du nicht ausklammern - dann kommt ein bisschen von dem Gefühl von damals wieder hoch. Nur ein bisschen. Und dann ist es auch gut. Es gibt so einige kleine Passagen, da merke ich, das ist immer noch so da wie damals. Vielleicht ein bisschen eckiger, rauer. Gerade am Anfang, wenn die leisen Stellen sind. Das war auch für die Jungs witzig. denn die beobachten mich ja, wenn ich singe. Die beurteilen das ja ganz fachlich, wenn sie mir auf die Finger gucken oder in den Hals. Und die sagten: eh, das klingt ja wie damals. Und das ist crazy. Irgendwann wird die Stimme ja auch älter. Und du singst dann auch ganz andere Sachen. Und es ist ein Unterschied, ob du „Du” singst oder „Glaub an mich”. Und dann ist es ein geiler Trip. Und wenn ich bald rausgehen werde, wir singen Du und ich beobachte die Leute. Das wird ein Spaß.

War das denn damals auch so orchestral wie jetzt?

Maffays philosophischer Musicaldrache Tabaluga.

Maffay: Doch. Rödelberger hieß der Arrangeur. Den Vornamen kenn ich nicht mehr. Aber der hatte das geschrieben. Genauso mit Geigen. Du nimmst es heute anders auf. Das hat eine andere Präsenz. Das Klangbild ist viel körniger und griffiger. Klar kommt es süßlicher daher. Und du siehst den Kinderhintern in der Stimme. Der Toningenieur ist ein Holländer, Ronald Prent. Er ist ein angesagter Toningenieur in der Szene. Wir kennen uns schon sehr lange. Er hat auch „Kein Weg zu weit” gemixt. Du war ja in Holland eine Nr. 1. Und es gibt auch heute noch viele Party von jungen Leuten, wo der Song heute noch läuft. Ronald sagte, das ist für mich ein Flash. Ich kenn ihn als Nr. 1 in Holland. Jetzt bin ich hier mit dir und mische ihn wieder, und zwar nach der Vorlage von vor 40 Jahren. Und dann spielen wir „Und es war Sommer”. Und er hat ihn schon mindestens zwei Mal aufgenommen mit irgendwelchen anderen Bands.

Kannst Du Dir vorstellen, was ohne „Du” mit Dir musikalisch passiert wäre?

Maffay: Das ist ne gute Frage. Ordnen wir dem Lied zu, was auch immer. Das hat mir die Tür aufgemacht. Und wenn das kein Erfolg geworden wäre, was ja durchaus denkbar ist, ich hab keine Ahnung... Das ist auch eine verrückte Kurve. Dann fängst du mit einem kleinen Fünfminuten-Teil an „Out of The Blue”. Und 40 Jahre später bist du so ein kleiner Betrieb, den du am Leben erhältst und er dich. Vielleicht wäre ich mit Du auf die Schnauze gefallen. Dann hätte ich gesagt: So geht das nicht. Dann hätte ich Lindenberg gehört, was ich ja auch getan habe, und auch gleich so losgelegt. Dann wäre vieles einfacher gewesen. Vielleicht ist ja vieles, das jetzt da ist, deswegen so da, wie es ist, weil es diesen Umweg gab.

Du bist ja dann auch in die Schlagermühle reingekommen - mit allen Vor- und Nachteilen, hast da erst einmal festgesteckt.

Maffay: Natürlich. Denn als Pimpf mit 20 Jahren hast Du ja nicht das Sagen. Das ist ja anders als heute. Da waren rechts und links irgendwelche Leute, die gesagt haben: ,So wird es gemacht!' Und wenn du das halt nicht willst, dann bleibst du draußen. Und das wollte ich nicht. Und eine andere Möglichkeit hab ich nicht versucht. Da gab es natürlich. Ich hätte sagen können: so nicht und ziehe mein eigenes Ding durch. Das passierte zehn Jahre später. Aber eben mit dieser Hypothek. Was man ja dann bei den Rolling Stones gesehen hat, das, was es erzeugt hat. Und was das wieder in uns erzeugt hat, das hat man dann auch gesehen. Dann sind wir wachgeworden. Bis dahin haben wir ein bisschen gepennt. Wir dachten, ohne Widerstand, es geht. Ohne genügend Reflexion. Dann knallte es mal richtig. Wir haben erkannt, Ups, das kann ins Auge gehen. Und eigentlich beginnt die Welt erst dort. Dann wurde es ein bisschen handfester. Vielleicht ist das Lied eher ein Synonym für die Menschen, mit denen du zu tun hattest. Jeder hinterlässt irgendetwas. Und ich glaube schon, Michael Kuntze war ein Schlagerkomponist, Aber Michael hatte eine gewisse Intellektualität mitgebracht, der seinen Beruf ausgemacht hat. Er ist in den Jahren danach zu einem der bekanntesten, erfolgreichsten Musicalproduzenten geworden. Und das ist auch vermutlich seine Bestimmung gewesen. Er war ein sehr kluger Typ. Für mich manchmal zu kopflastig. Doch der hat mir sehr viel beigebracht. Michael Conrad, der einzige, den ich als Manager bezeichnen würde auf der ganzen Strecke von 40 Jahren. Dieter Viering ist mein Partner von Anfang an. Sicher das älteste Ehepaar, das in diesem Business herumläuft. Aber er ist nicht mein Manager. Ich hätte nie jemanden da akzeptiert. Da kam mal einer, der Mann von Peggy March, Arnie Harris, der sagte: ,Ich mach' aus dir mal was'. Das dauerte ja auch nur ein Jahr. Ich hätte auch wirklich niemanden akzeptiert, außer Michael. Dem hab ich ne Menge abgeguckt. Wir waren gleich alt, hatten die gleichen Hummeln. Da war Fritz Rau viel entscheidender, der Ende der 70er ins Spiel kommt und immer mehr der Guru wird, nicht nur für andere, sondern auch für mich. Die Zeit von „Du“ hat eine bestimmte Konstellation erzeugt an Menschen. Christian Bruhn, ein wirklich versierter Musiker. Und man kann ja über ,Zwei kleine Italiener', die er geschrieben hat, lächeln, oder über ,Marmor, Stein und Eisen bricht', das waren halt Schlager, aber Christian ist immer noch ein toller Musiker. Er hat mal neben sein Klavier einen Stuhl hingestellt und hat mich gefragt: Sag mal, was du willst. Ich konnte ja nicht spielen. Ich hab meinen Senf dazugegeben und er hat angefangen, das zu formen. Und so sind aus vielen Begegnungen Impulse entstanden. Und die, die sind entscheidend gewesen. Bertram Engel, den ich beim Konzert Schlagzeug habe spielen sehen. Da hab ich sofort gesagt: Ich muss diesen Typen mit dem Lasso einfangen, wenn's nicht anders geht. Und nun spielt er seit vielen Jahren mit mir.

Welche Impulse waren ausschlaggebend, dass eine Wandlung vom Schlager zum Rock erfolgte?

Peter Maffay zählt genauso zu den Klassikern der deutschen Musikgeschichte wie Udo Jürgens und Co.

Maffay: Also zunächst einmal eine rein geschmackliche Geschichte. Ich hatte ja, bis ich diese erste Schallplatte gemacht habe, in Bands gespielt. Und dann eben nicht solche Lieder wie „Du”, sondern die Charts rauf und runter. Das war Mitte der 60er Jahre Beat, dann war es R & B, dann war es irgendwann mal Folk. Es waren diese Dinge. Englischsprachig hauptsächlich. Und ganz bestimmt nicht deutsch. Ich hatte damit wirklich keine Schwierigkeiten. Auch später, als Leute sagten: „Willst Du es nicht mal woanders probieren? Es leben soundso viele Millionen Menschen hier. Ich bin einer davon. Und wir sprechen dieselbe Sprache. Das ist der einfachste Weg. Warum sollte ich da anfangen, in einer anderen Sprache zu singen? Mir reicht das vollkommen. Später hatte ich dann keinen Bock, mich durch das ganze Business von vorne durchzufräsen, dem ganzen Business zu buckeln, schon gar nicht in den USA. Abgesehen davon: Da hat kein Schwein auf mich gewartet (lacht). Es ist nicht so, dass wir es nicht probiert hätten. Als wir Tabaluga gemacht haben, und ich bin heute noch davon überzeugt, dass die Figur Tabaluga und das was dafür steht, was dahinter steht an Geschichten und Haltung, genauso gut ist wie Mickey Mouse. Und zwar der frühen Zeit. Wir werden ja von dort draußen beobachtet. Unser Markt ist ja groß, für viele ein ganz wichtiger Markt. Und die Amerikaner gucken ganz genau, was da passiert. Und wenn dann ein Name unverschämt regelmäßig auftaucht, dann sagen sie: Who The Hell Is That? Und wieviel verkauft denn der. Dann stolpern sie über ein paar Zahlen und sie sagen: „Smells Like Business”. Dann wirst Du eingeladen, haben Tabaluga vorgestellt. Denn wir haben gedacht, Kinder auf der ganzen Welt fühlen und denken ähnlich. warum sollten sie in den USA anders ticken als hier. Und dann spielst du das da vor. Alles sitzt ehrwürdig da, hat schon die Dollarzeichen in den Augen. Und am Ende sagen sie: was für eine hübsche Geschichte. Man müsste in den USA sie ein bisschen umschreiben. Warum, hab ich gefragt. Ja, weil wir ein bisschen anders drauf sind. Und ich habe gesagt: Ich weiß, wie ihr drauf seid, ihr wollt einfach in die Rechtekette einbrechen. Und dann haben die mich rausgeschmissen, ganz höflich: Ruf uns nicht an, wir melden uns bei Dir. Irgendwann durchschaust du das mit ein bisschen Erfahrung. Und dann hatte ich nie wieder Bock, da etwas zu machen. Was aber anders herum gelaufen ist: Wir haben viele amerikanische Musiker irgendwann in der Band gehabt: Clarence Clemence, um einen Namen zu nennen. Der ist so überragend. Der kam hier durch die Tür. Und ich dachte: was für ein Berg. Der spielte Saxophon. Solche hatten wir viele.

Und daraus ist das Projekt Begegnungen entstanden?

Maffay: Begegnungen ist aus solchen Dingen gewachsen. Denn wir haben gesagt, es ist geil überall auf der Welt mit Menschen zusammen zu musizieren. eine Neugier, die Du nie wirklich befriedigen kannst. Denn jeder kommt mit Sachen daher, die du nicht kennst. Didgeridoo. Genauso effektiv wie ein Schlagzeug. wenn du das gut spielst, dann ist das fantastisch. Genial. John Mayall kam hier rein. Ich wusste John Mayall und die Bluesbreakers. Er hat Eric Clapton entdeckt. Er kam und wir suchten für das Album „Carambolage” jemand, der gut Blues Harp spielen konnte. Und ich hatte dann irgendwann größenwahnsinnig gesagt: Es müsste jemand sein wie John Mayall. Dann kam einer, der sagte: den kenn ich. Dann war er hier unten. Es gibt noch ein Foto, da lehnt er hier am Fenster. Er fragte mich damals: Was soll ich spielen? Zwei Songs. Ist ok, aber nicht mehr, hat er geantwortet. Dann hat er die gespielt und er ist wieder gefahren. Ein toller Typ, lustig. Alle Berührungsängste waren weg. Und wir haben ihn angerufen. John, wir gehen auf Tour. Und wie sieht's aus. „Aber nur zwei Stücke”. Außerdem brauche ich immer Hähnchen. Er aß so gerne Hähnchen. Deswegen haben wir sein Lied nicht mehr „Room to move”, sondern „Huhn to move” genannt. Wir sind auf Tour gegangen. Er spielte seine zwei Stücke. Und nach dem viertem, fünften hat er gefragt: Meinst Du, ich könnte auch mehr spielen? Am Ende hat er fast alles gespielt. Und so war das nachher mit vielen. Deswegen diese Neugierde, eine Berührung mit einer anderen Ebene zu bekommen, das wurde so geschaffen. Wir sind nicht mehr rausgegangen, die kamen zu uns. Durch diese Begegnungen kam auch eine andere Stilistik zustande, auch eine ganz andere Haltung.

Und wie sind damals die weiteren Alben, etwa Steppenwolf mit der musikalischen Wandlung, entstanden?

Maffay: Ich kann mich so gut erinnern. Achim Heyder war ein sehr umschwärmter Produzent in Berlin, umschwärmt, bestens aussehend, fuhr einen gelben Camaro, so ein amerikanisches Biest. Da hat er immer versucht, mehr Mädels reinzustecken, als Sitze vorhanden waren (lacht). Erfolgreich war er auch. machte damals Rosenberg und so. Zu dem kam ich, nachdem ich mich mit Michael überworfen hatte. Er versuchte, mir den Leo Leandros, den Vater von Vicky, aufs Auge zu drücken. Der dann schon nach zehn Minuten zu mir sagte: „Ich hab da das richtige Lied für Dich!” Und dann hab ich mir das angehört. Dieser Besuch dauerte viel kürzer, als ich gedacht hatte. Leo war nicht gewöhnt, dass da so ein junger Spund ankommt, und seine Arbeit in Frage stellt. Ich hab ihm gesagt, rück mal, lass mich mal ans Klavier. Ich spiel Dir mal das Lied vor, wie ich es verstehe. Das klappt nicht. Da war ich in Berlin. Achim war der erste von dem ich meinte, der hat Musik richtig angefasst. Frank Diez kam ins Studio und spielte ne Gitarre, die ich so noch nie gehört hatte. Aber Achim hatte die Unart, Zeitung zu lesen, wenn wir spielten. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst. Da sitzt ein Typ mit der Bildzeitung und du singst draußen. Du singst, das Lied ist zu Ende. Du stehst mit dem Kopfhörer da und es kommt nichts. Und du siehst, da den Typ blättern. Ich schrei ins Mikrophon: Achim, was ist jetzt los? Und er sagt nur: Ja, sing es doch noch mal. Da hab ich so'n Hals bekommen. Und ich hab nur gesagt: Und du gehst jetzt. Da ist Achim gegangen. Und dann haben wir das Album fertig produziert, Peter Wagner, der Toningenieur und ich, zusammen. Jetzt sind kommen wir richtig ins Schleudern. Wie geht das jetzt weiter? Peter lass uns doch so weiter machen wie bisher, ohne Achim. Und dann haben wir Steppenwolf gemacht. Und diese Geschichte war so symptomatisch für die Zeit damals. Das war ne ganz andere Haltung. Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf Leute, die keinen Antrieb mehr hatten, die nicht wirklich gebrannt haben. Dann sind wir hier runter nach Tutzing. Dem Peter Wagner habe ich gesagt: Mit Steppenwolf haben wir so viel Geld verdient. Jetzt will ich eine Werkstatt bauen. Ich glaube, wir brauchen die. Und einen Schlüssel zu der Tür, den wir haben. Und wenn jemand sagt: Nein. Dann sagen wir: das bisschen Strom können wir noch zahlen. Aber wir bringen unser Ding zu Ende. das war die Zeit, in der sich viele Musiker Studios zulegten. Ich erinnere mich noch an Tangerine Dream.

Das war dann der Anfang des Unternehmens Maffay?

Maffay: Ja, das kann man so sehen. Peter Wagner sagte noch: „Weißt Du, was Du dir da für einen Klotz ans Bein bindest?” Ja, hab ich geantwortet, aber wir brauchen ein richtig geiles Pult. Michael Conrad ist da auch ausgestiegen, wollte nicht so viel Geld versenken. „Ich brauch nur ne Schreibmaschine”, hat er gesagt. Ich hab geantwortet: „Wir brauchen ne Werkstatt”. Wenn du das so siehst, dann musst du auch gehen. Wir wollen Autarkie. Seine Sekretärin, die Christel Schlessinger, die blieb. Und die hat mir gezeigt, wie man ein Büro macht. Das war dann hier oben. Und dann probten wir hier unten. Denn wir sprechen immer noch über Haltung. Eines Tage spielen wir da drin, nehmen auf. Betram und Carl kommen von so einem Videodreh aus Spanien zurück. Völlig genervt, 48 Stunden unterwegs. platt. Bertram setzt sich rein, trommelt zwei Stunden. Plötzlich steht er auf und sagt: „Mit alten Männern spiel ich nicht!” Mir ist die Kinnladen runtergefallen. Und er sagte nur: „Das ist doch alles schlapp. Das muss ich nicht haben”.

Du sprachst es selbst, an das Konzert mit den Rolling Stones 1982, das viel in Bewegung gesetzt hat. Ist es ein Lebensmotto von Dir „Ich steh wieder auf, wenn ich am Boden bin”?

Maffay: Ja, bei meiner Größe ist das nicht so schwer (lacht). Ich muss nicht so weit aufstehen. Ein bisschen ist es so. Das ist eigentlich immer mehr zu einem Motto geworden. Ich sehe das einfach so: Der liebe Gott, wer auch immer, auch im physischen Sinn meine Eltern, haben mir etwas mit auf den Weg gegeben. Und das muss ich verwalten. Und ich kann das gut machen, oder nicht gut machen. Vieles ist aber ein Geschenk und muss als solches auch gehandelt werden. Meine Konstitution ist gut, einher geht auch ein ausreichendes Maß an Lust für den regenerativen Aspekt. Und da ist einfach in den ganzen Jahren so viel Motivation dazugekommen, Menschen, wo du sagst: „Selbst wenn du irgendwie, und das passiert hin und wieder, wenn die Batterie leerläuft, den toten Punkt kannst du überwinden, Und dann nimmst du wieder Fahrt auf. Und so ziehst du dich aus dem Loch heraus. Oder andere helfen dir aus dem Loch heraus. Und diese Autarkie, von der ich vorher sprach, ist das Netz, das mich zudem auffängt. Und da ist dann auch Dieter Viering, der alte Querulant. Ohne ihn wäre vieles anders. Er ist gestern nach fünf Tagen zurückgekommen. Er sagt kein Wort, sitzt an seinem Schreibtisch. Und ich freue mich, ihn zu sehen. Das ist so eine Sicherheit. Da ist jemand, dem du vertrauen kannst. Wir gehen uns auch manchmal an, das ist auch gut so. Aber ich habe noch nie jemanden an meiner Seite gehabt, dem ich so blind vertrauen kann. Das hilft natürlich auch, wieder in die Puschen zu kommen. Nenn es einfach transsilvanische Mentalität.

Du bist jetzt 60 Jahre alt geworden. War das der Grund für Deine Biographie? Ein wirklich dicker Wälzer.

Maffay: Eddi Hartsch hat sie zu Papier gebracht, der auch die Biographie der Böhsen Onkelz geschrieben hat. Eddi kommt aus der Frankfurter Ecke, kennt Stefan Weidner von den Onkelz. Wir haben ein paar gemeinsame Freunde. Und so bekam ich dann Eddi. Er ist ein sanfter, blonder Surfer, lebt in Costa Rica. Er schreibt hin und wieder Bücher, um dann wieder surfen zu können. Er war lange bei mir, unten in Spanien.

Und er geht sehr ins Detail, da Du Dir in die Karten hast gucken lassen. Sehr offen.

Maffay: Das ist wie ein Fotograf. wenn Du kein Vertrauensverhältnis zu dem Fotografen hast, kannst Du eigentlich keine Fotos machen. Dann da outest Du Dich ja auch irgendwie. Beim Buch, da habe ich das jetzt gelernt, da ist es auch nicht anders.

Ist das denn auch eine gewisse Lebenserfahrung, die man mit 60 Jahren hat?

Maffay: Das hat schon damit auch was zu tun. Irgendwann sind einige Antworten schon zu Stande gekommen. Und die machen Dich ein bisschen entspannter. Vor allem, Du hast es bei einem solchen Buch in der Hand, am Ende immer noch zu sagen: ,Da bin ich ein wenig zu sehr aus mir herausgegangen. Das muss ich nicht haben, das macht mein Leben komplizierter'. Und das ist eine Voraussetzung, dass Du sagst, Es kann Dir nicht passieren'.

Wie lange hast Du gegengelesen?

Maffay: Ich brauch ja zum Lesen mehr Zeit als andere Menschen, denn ich bin ja früh aus der Schule (lacht). Das ist auch nicht in einem passiert. Eddi hat mir immer wieder einen Packen in die Hand gedrückt und geagt , Da bin ich jetzt'. Ich war ja an allen Dingen beteiligt. Fotos ausgesucht. Und Eddi hat in der Mühle, in der er gewohnt hat, die ganzen Zimmer Jahrzehnteweise geordnet. Schlafzimmer 70er Jahre, Badezimmer 80er Jahre usw. Ich hab tonnenweise Bilder - von jeder Tour, von jeder Fotosession Bilder ohne Ende, auch bewegte Bilder. Im Keller ist das Archiv. Das ist auch für mich spannend, da mal runterzugehen. Da siehst Du urplötzlich zehn Jahre an der Wand hängen. Das ist auch ganz witzig.

Und auch spannend, wenn man nach ein paar Jahren da mal wieder runtergeht?

Maffay: Ja, vor allem, da Eddi ja auch richtig recherchierte. Er hat sich ja extrem Arbeit gemacht. Er wollte das in einem halben Jahr schreiben, hat dann knapp zwei Jahre daran gebastelt, zwar nicht permanent. Und dann siehst Du Bilder und er sagt: ,Das war übrigens falsch, was Du mir da gesagt hast. Ich hab das mal recherchiert. Das haut von der Jahreszahl nicht hin'.

War es denn ein Ziel, dass Du gesagt hast: ,Wenn ich 60 bin, dann bring ich meine Biographie raus'?

Maffay: Mein Umfeld hat das gesagt. Es wird jetzt Zeit, dass Du das mal in Angriff nimmst. Und dann richtig. Denn, ohne jemandem zu nahe zu treten, das was da vorher war, das waren so Fanbücher. Und die hatten auch so eine Schreibe. Das muss man nicht wiederholen. Und Eddi hat von Anfang an gesagt, dass das eine oder andere, was ich schreibe, mir nicht gefallen wird. ,Wie meinst Du das?', habe ich ihn gefragt. ,Ich find halt nicht alles gut, was Du gemacht hast', hat er geantwortet. Na gut, habe ich ihm gesagt, Du bist Biograph und nicht Autobiograph. Wenn Du Dir das antun willst, dann musst Du es auch so machen, wie Du es für richtig hältst. Und die kleinen Passagen, die ich dann selbst verfasst habe, wie den Tod meiner Mutter, das kann er ja nicht so auf den Punkt bringen. Da hatte ich auch keinen Bock, ewig darüber zu reden. Ja mehr ich dann angefangen habe, zu schreiben, desto mehr hat es mir auch Spaß gemacht. Ganz witzig, das Zeug selbst zu formulieren. Aber ein ganzes Buch: No Way. Wenn er schon zwei Jahre gebraucht hat, hätte ich schon bei dem Versuch vier Jahre versenkt.

Aber es ist doch sicher auch interessant, wenn man das Buch selbst liest und einige Dinge ziehen noch mal an einem vorbei...

Maffay: Ja, vor allem diese Querverbindungen, die ja letztlich das eigene Bild dann verständlich machen, auch für einen selbst. Im Nachhinein kann man dann sehen, aus welchem Schritt die Motivation für welches Projekt entstanden ist. Du siehst dann die Bewegungen, die da stattfinden. 70er Jahre suchen, Anfang der 80er Jahre ,Angefangen zu finden, aber immer noch mächtig am Rudern', ab der 90er Zeit so eine gewisse Kontinuität und eine gewisse Stabilität, die unternehmerischen Komponenten, die Stiftung, die konkreten Formen, die sich langsam einstellen, wie der Stellenwert der Stiftung überhaupt, Ökoaspekte, all das ist ganz witzig. Das ist aber auch ganz logisch. Wenn Du vor Leuten stehst, dann beziehst Du irgendwann Position. Dann schmeißt einer ein Lasso, zieht Dich in ein Projekt rein. Dann bist Du drin, kommst auch nicht raus. Du willst aber auch nicht mehr raus. Das hat Eddi auch ganz schön verwoben mit anderen Aspekte. Ich fand das toll, wenn er gesagt hat: Und gleichzeitig ist das noch passiert. Und das. Und das. Dann versteht man auch besser, wo man sich selbst damals befunden hat, oder wohin man sich bewegen wollte. Die Motivation kam aus meinem Umfeld, denn ich war nicht scharf darauf, wochenlang Rede und Antwort zu stehen. Aber es heißt dann: Mit 60 kann man so was mal machen.

Ist das nicht komisch zu sehen, dass man schon 60 Jahre alt ist? Ist da überhaupt ein Unterschied zu 50, 55?

Maffay: Es ist nicht so aufgeregt. Jetzt hab ich ein Buch. Und es ist draußen, Ich war auf der Buchmesse. Da war ich auch noch nie. Es war toll. Viele junge Leute. Da sind zwei Dinge, die ich in der Vergangenheit viel zu wenig gemacht habe: Musikmesse, Buchmesse. Zur Buchmesse, das sind so Auflüge, die sind erfrischend. Jetzt hab ich immer, wenn ich nicht weiß, was ich verschenken soll, ein Buch (lacht).

Und was ist mit dem 60. Geburtstag? Machst Du Dir Gedanken über das Alter?

Maffay: Natürlich. Aber Rock'n'Roller bekomme ja keine Rente. Und deshalb muss ich ja weitermachen. Es ist schon ein Beruf, wenn einige Parameter stimmen, der Dir das Alter nicht jeden Tag vorführt. Es kommt keiner, der Dir sagt, Du darfst oder Du darfst nicht! Das muss ich selbst machen. Und dann hast Du viele junge Leute um dich, die bereit sind, Dich auszuhalten. Und dann geht das auch alles so schnell. Da hat man keine Zeit, sich mit der linken Hand am rechten Ohr zu kratzen. Außerdem. Was ist 60 heute? Der Lebensstil begünstigt natürlich auch das Älterwerden. Du bist einfach mit 60 nicht so ausgelaugt durch die harte Arbeit. Das sind Annehmlichkeiten im Leben, die einen konservieren. Ich schlaf relativ wenig, arbeite wirklich viel. Aber es geht mir wirklich verdammt gut. Es gibt nichts zu meckern.

Und ansonsten hast Du auch eine gesunde Lebensweise?

Maffay: Du siehst mich nicht mehr mit einer Zigarette, Whisky auch nicht. Das brauche ich nicht. Nie mehr angerührt. Mal ein Glas Wein ok. What Is It Good For?

Kommen wir noch mal zurück zur Musik, zur Band. Bertram, Carl und die anderen Musiker begleiten Dich seit vielen Jahren. Wie wichtig ist die Band für Dich musikalisch, aber auch menschlich?

Maffay: Also es gibt ja zwei Dinge, die nicht unwichtig sind. Zum einen, dass du mit Menschen zu tun hast, die du kennst. Und zum anderen, dass genau aus diesem Kreis immer noch genügend Innovation passiert. Sonst läuft es sich halt tot. Und wenn du nicht Ähnlichen den anderen anbietest, dann bist Du auch in diesem Gefüge nicht selbst ein guter Bestandteil. Aber ich genieße das, diese Typen zu treffen, sie immer wieder zu treffen. Und sie immer wieder neu einzusetzen. Jedes Album ist unterschiedlich, auch dieses jetzt, auf dem wir alles alte Sachen spielen. Es ist eine gute Zeit, die man haben kann. Und da leben wir mehr zusammen als dass wir Musik machen. Also, ich kenne Ken Taylors Söhne, als sie zur Welt kamen, da haben wir schon gespielt. Beziehungen, die entstanden sind, Beziehungen, die aufgehört haben zu existieren. Talsohlen. Höhepunkte. Alles. Und wir haben auch immer wieder so viel Abstand, dass wir uns nicht so auf den Senkel gehen, dass wir aufhören miteinander zu sein. Wenn einer so eine Mammuttour unternimmt mit 70 Gigs, dann hockst du dir schon verdammt dicht auf der Pelle. Aber es ging erstaunlich gut. Es war viel weniger Konfliktpotenzial da, als wir es befürchtet haben. Wir haben uns nicht die Schädel gespalten. Wir sind auseinandergegangen: Schade, es ist vorbei. Das ist auf der einen Seite eine glückliche Fügung. Da sind Charaktere zusammen gekommen, die diese Konstellation begünstigt. Aber sie kann im entscheidenden Punkt nur so sein, wenn du sie ein bisschen erzeugst. Man muss solche Leute suchen bzw. sie müssen sich finden. Und da gibt es so etwas wie einen roten Faden bei allen. Wenn dann so hin und wieder neue Leute dazustoßen, die einen auch mal treten, deswegen macht man so Dinge wie Begegnungen. Plötzlich hast du es mit Leuten zu tun, die ganz anders daherkommen. Optisch, physisch, mental. Die dann auch fasziniert sind von der Beständigkeit in unserer Truppe. Und sagen: was, so lange geht so etwas? Da muss man schon crazy genug sein.

Peter Keller und Pascal Kravetz sind musikalisch verantwortlich für die neue CD. Hast Du sie bewusst ausgesucht?

Maffay: Keller entwickelt so eine gute Hand für solche Sachen. Peter ist so ein Systematiker. Du brauchst ja für eine solche Arbeit, bei der du mit vielen Menschen zu tun hast, ein ganzes Orchester, jemanden, der das alles miteinander verbindet. Was macht die Band? Was macht das Orchester? wie verbindet man das, dass es einigermaßen für einen selbst funktioniert. Da musst du viel logistische Arbeit investieren, musst Zeit und Lust dazu haben. Und Pascal ist für den Peter eine sehr, sehr gute Ergänzung. Peter ist ein sehr guter Musiker, aber Pascal ist schon ein genialer Musiker, Er hat das löffelweise eingetrichtert bekommen. Der nimmt sich ein Didgeridoo und in einer Stunde spielt er den. So etwas gibt es. Wenn du siehst, mit welcher Leichtigkeit er Strukturen begreift. Da ist eine Überheblichkeit dahinter, da könnte ich ihm manchmal an den Kragen gehen. Na, ja. der bringt die kreative Komponente mit ein. Klar, die beiden sind auch altersmäßig auf demselben Level, zumindest war das am Anfang ein entscheidender Faktor. Mit der Zeit gleicht sich das an. Ich rede ein bisschen jünger, sie ein bisschen älter. Und untereinander auch. Aber die waren zum Beispiel in Breslau und haben die ganzen Streicher aufgenommen. Der eine sitz da und organisiert, der andere passt auf, dass die Töne stimmen. So in dieser Art passt das, baldowern die das untereinander aus. Aber es ist auch viel technisches Know-how nötig. Jean-Jacques, Pascals Vater, spielt nach wie vor sehr gut Klavier und fast noch besser Orgel. Aber er sitzt auch manchmal da und sagt: Du das ist nicht mein Feeling. Dann sagst Du: „Was interessiert mich dein Feeling? Spiel!“ Oder er tut sich schwer, eine andere Auffassung zu spielen. Und dann kommt der Kleine mit einer Hand in der Hosentasche. Und schwups ist das fertig. Aber im Grunde genommen arbeiten Peter und Pascal genauso gut mit Carl Carlton zusammen, Obwohl Carl ein Dandy-Rock’n’Roller wird. Er wird immer mehr zum Gentleman. Carl, gebt ihm noch ein paar Jahre, dann wird er ein Grand Signeur, auch wenn er immer noch ein Rocker ist. Distinguiert. Charmeur. Womanizer.

Warum gerade jetzt das orchestrale Album?

Maffay: Weil 2010 ein Jubiläumsjahr ist. Und wir Sieben Brücken schon mal anders gespielt haben. Es gab aus meiner Sicht keinen wirklichen Anlass, das Album jetzt zu machen. Natürlich hatte man im Laufe der Jahre immer mal mit einem Orchester gespielt. Und immer wenn du mit Leuten zusammen warst, die ein solches Element mit eingebracht haben, die Arrangements. Schade, das müsste man eigentlich mal ausbauen. Doch für ein ganzes Album hat das nie gereicht. Das war mal ein Gag. Und dann machst du ein neues Album und sagst: „Jetzt ein Orchester, das sind wir nicht!“ „Laut & Leise“ – das war eigentlich kein Material für so was. Aus diesen Gründen.

Und du hast wirklich wegen der Jubiläen gesagt: Jetzt machen wir, dass es für ein ganzes Album reicht?

Maffay: Ja. Es ist ja für uns ein Best of-Album. Dinge, die die Leute am meisten akzeptiert haben, die hängengeblieben sind. Josie, Sommer, Tiefer, So bis Du, Du, Wo bist du?, Sonne in der Nacht. Ok, wenn du das einmal aneinanderreihst und spielst, dann kann man das natürlich machen. Ich kann „Und es war Sommer“ auch auf einem Kamm blasen. Ich halte das für eine reizvolle Möglichkeit. da kommt musikalisch eine Komponente ins Spiel, die wir nicht erzeugen können. Das bisschen Geige, das ich mal gespielt habe, reicht dafür nicht aus. Ich find das einfach spannend. Ich hab keine Ahnung, wenn wir das Orchester hinter uns sitzen haben, wie sich das anfühlt. Ein richtiges Orchester, nicht ein kleines Kammerorchester. Jetzt kommt so ein richtiges Teil daher. Das wird eine große Aufgabe für uns. 40 Leute, die wir nicht kennen, auf der Bühne zu haben. Gleichzeitig wird es auch spannend. Wenn die dann in dieser sieben Meter hohen Wand sitzen. Und die haben auch eine Eigenlautstärke. Dann bekommst du auch die Körperlichkeit von denen mit. Das ist eine Dynamik. Und dann gehen wir deshalb ja zurück in die Arenen. Da ist Platz. Mit viel Licht. Viele Erinnerungen sind natürlich bei den Songs auch noch dabei. Ich freue mich auf „Und es war Sommer“ in dieser Art. Der Song braucht nicht viel, zwei Gitarren hauptsächlich. Und jetzt kommt ein ganz anderer Teppich dahergeflogen. Etliche Kollegen haben das schon gemacht, wollten das mal spüren. Ein Ding, wo letztlich jeder mal landet.

Herbert Dreylich mit Karat war ja einer der ersten.

Maffay: Du kannst das doch alles verbinden. Da werden klassische Arrangements gespielt und vorne wird mit Gitarren gedröhnt.

Die anderen haben für das Orchester umarrangiert. Bei euch spielt die Band und dahinten ein Orchester.

Maffay: Ja, genau so. Ich würde mich nicht dem ersten Geiger beugen. „Ewig“ ist ein bisschen die Ausnahme, da ist nur das Orchester. Die Leute erwarten ja uns. Ich glaube nicht, dass man auf die Dynamik von Bertram verzichten kann. Da k��nnen noch zwei Paukisten rumtrommeln, das wird nicht dasselbe sein, wenn Bertram spielt. Wir sind diese Band. Unser Klangbild ist so. Man kann es verändern, ergänzen. Aber nur so weit, dass wir immer noch sind, wer wir sind. Und drei Stunden lang Maffay und ein Orchester alleine in der Münchner Olympiahalle kann ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen. Machbar ist es schon, aber ist es das, was wir selbst wollen, was die Leute wollen? Und wenn ich dann selbst nicht mehr Gitarre spielen kann, dann ist das nur noch der halbe Spaß. Das, was ich auf der Gitarre spiele, möchte ich hören in Verbindung mit dem Orchester. Und dann wird „Josie“ halt so daherkommen und nicht anders. Auch auf dem Plakat steht „Die Band und das Orchester“, nicht „Das Orchester und die Band“.

Aber manchmal spielt sich das Orchester auf den Songs auch kraftvoll in der Vordergrund, etwa bei „Eiszeit“...

Maffay: Ja! Und da ist es auch nur das Orchester. Eiszeit ist ja ein gutes Beispiel. Dort in dem Mittelpart kann es mal zeigen, was es draufhat. Dort gibt es auch den Freiraum. Ich find’ das gut, wenn es dann zurückfällt in den Chorus. Dann kommt Bertram an und spielt. Das ist ein Relief, Wow. Mir geht das so. Und es macht mich zufrieden, wenn ich das so höre. Wenn das nicht wäre, diese Power von solchen fetten Gitarren und dem Krach, der sich dann nach hinten wieder total auflöst, wenn diese Spannung nicht da wäre, wäre das eine vertane Chance. Wir werden noch Überraschungen erleben, aber ich stelle mir das total geil vor. Das Intro. Das spielt das Orchester alleine, sitzt in dieser gigantischen Wand. Und sonst ist da noch keiner. Dann macht das Orchester eine Zäsur. der Ansager sagt: Peter Maffay und Band. Und wir spielen „Schatten in die Haut tätowiert“ nur mit akustischen Gitarren, so Bill Haley-mäßig. Dann geht man raus. Dann ist man witzig.

Auf dem Album sind eh einige musikalische Überraschungen, ein Walzer oder ein Kinderchor.

Maffay: Mit dem Kinderchor auf „Sieben Brücken“ ist eine hübsche Geschichte. Der Chor war bei Karat. Und der Chorleiter hat sich „Über sieben Brücken“ gewünscht. Und ich hatte mit den Jungs von Karat bei der Carmen-Nebel-Geschichte dieses Duett gemacht. Und weil das gelaufen ist, können wir das nicht wiederholen. Aber wir haben eine Version für das Album in der Mache. Wir müssten sowieso, wenn ihr ein Duett haben wollt, den Partner einladen, damit er darauf singen kann. Und dann haben die lange herumüberlegt. Und dann kam die Idee mit dem Kinderchor, die aus Ehen hervorgegangen sind, sie aus dem Osten, er aus dem Westen oder umgekehrt. Das ist doch ne hübsche Idee. Dann hatte ich gedacht, da kommt ein Kindergartenchor daher. Und dann habe ich die Files des Kinderchors gehört. Die Stimmen haben eine Farbe. Das kann kein Erwachsener so singen. Das ist einfach klug gesetzt, sehr schön und außergewöhnlich. Und dann habe ich das aufgenommen. Dann haben wir das gemischt, haben das in der Sendung auch gespielt. Das war sehr berührend. Denn die Kinder alleine haben eine Wärme erzeugt, mit der du als Erwachsener nur sehr schwer konkurrieren kannst. Es klang auch richtig geil. Und ich habe sie gefragt: „Kann man das auch fürs Album haben“ Und die haben sofort ja gesagt. Dieses Lied bekommt neben dem abgeänderten Arrangement auch eine ganz andere Bedeutung. Die Geschichte erzählte ich ganz gerne, denn die lebt so in den Kindern ganz anders weiter.

Was auch auffällt, Deine Stimme ist sehr präsent, anders als auf den anderen Alben, wo sie von Gitarre oder Schlagzeug runtergedrückt wird.

Maffay: Du bist als Musiker immer nur begrenzt in der Lage, die Arbeit eines Tonmixers zu beeinflussen. Also begrenzt heißt, dass du entscheidend einwirken kannst. Wenn ich Ronald Prent sage: „So nicht“, dann macht er nicht weiter. Wenn ich sage: „Das ist zu laut“, dann zieht er halt runter. Gleichwohl hat aber jeder so seinen eigenen Geschmack. Und Ronald Prents Geschmack ist, dass er die Stimme hörbar macht. Hörbar heißt nicht, dass rechts und links nicht mehr viel passiert. Im Gegenteil, da passiert ne ganze Menge. Aber die Frequenzgänge, und jetzt beginnt das Knowhow, wie setzt man die, dass sie deine Stimme nicht torpedieren. Das geht aber nur, wenn das Arrangement eh schon so angelegt ist, dass Raum für die Stimme da ist. Bei diese Songs ist es leichter, weil wir die alle schon bis zum Erbrechen gespielt haben. Ich weiß, wo die Stärken und Schwächen liegen. Oder du setzt das von der Tonart, dass es leichter zu singen ist, da du auf der Bühne gemerkt hast, dass der Ehrgeiz, es ganz nach oben zu treiben, zu nichts führt. Und dann entstehen ganz andere Versionen und sicherere Klangbilder. Hauptsächlich aber, weil Ronald seinen Job macht. Und dann gibt es ein Mikrophon, dass ich seit dem Album „Ewig“ benutze. Das hat eine Auflösung wie kein anderes. Ein Mikro ist wie ein Füllfederhalter. Mit dem einen kannst du schreiben, mit dem anderen nicht. Fantastisch. Es macht förmlich Lust, mit dem Mikro zu arbeiten. Danach habe ich jahrelang gesucht, darauf gewartet. Jeder Motor braucht seinen eigenen Kraftstoff. Und wenn das der Effekt ist, dann glaube ich, auch wenn ich das über mich nicht sagen kann, das Richtige ist. Das hat so eine sonore Komponente, die Höhen sind sehr crisp, nicht näselnd. Und dann ist auch eine Stimme ein Instrument, das du trainieren musst. Es gibt Tage, da geht nichts, da kannst du die Wand eintreten.

„Nessaja“ ist das Schlusslied. Ist das auch der Weg, nach neuen Dingen zu suchen?

Maffay: Das, was wir jetzt machen, ist keine Erfindung von uns. Andere haben das ja schon gemacht. Jeder hat seine eigene Handschrift. Wir machen jetzt etwas, was wir uns gewünscht haben. That’s it. was nachher passiert, das werden wir sehen. Aber es ist durch dieses Orchester schon ein bisschen ein Konzeptalbum, von der Umsetzung. Und wenn wir das mal gemacht haben, dann ist es in ein, zwei Jahren vorbei. Dann haben wir das ausgekostet. Die Idee ist aber auch, jetzt zu zeigen, worum geht es. Deshalb fängt das Album an mit einem Song, der heißt „Schatten in die Haut tätowiert“. So wie die anfassbaren und sehbaren Tattoos sichtbar sind, sind die Lieder akustische Tattoos. Denn ich kenne niemanden, der Musik frei von Erinnerungen hört. Wenn dann ein Text vorbeigeflogen kommt, es bleibt was hängen. Dann werde ich das nach Jahren rausholen und immer wieder in Verbindung bringen mit dem, was damals passiert ist. Und mit „Schatten“ nimmt man sich selbst ein bisschen auf die Schippe. Rocker, Biker, Lebenshaltung, tätowiert, Fahrten in die untergehende Sonne. Und dann hört es damit auf: „ich wollte nie erwachsen sein“. Das passt ja zu dem ersten Lied.

Andreas Winkelsträter

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