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Lokale Newsdesks holen die Reporter von der Couch

29.01.2010 | 09:38 Uhr
Lokale Newsdesks holen die Reporter von der Couch

Das Konzept des lokalen Newsdesk wurde beim Forum Lokaljournalismus heftig diskutiert. Wolfram Kiwit, Chefredakteur der Ruhr-Nachrichten, und Horst Seidenfeiden, Chefredakteur der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen, stellten ihre Konzepte dem kritischen Publikum vor.

Über die Zukunft des lokalen Newsdesk diskutierten am Donnerstagnachmittag Horst Seidenfaden, Chefredakteur der Hessischen/Sächsischen Allgemeinen (HNA) und Wolfram Kiwit, Chefredakteur der Ruhr-Nachrichten. Beide Zeitungen haben in den vergangenen Jahren ihre Redaktionsstrukturen umgebaut: Bei den Ruhr-Nachrichten traten lokale Reporter-Pools an die Stelle weitgehend autonom arbeitender Lokalredaktionen, deren Aufgabe es ist, Inhalte an den lokalen Desk zu schicken. Bei der HNA ist die Online-Redaktion der zentrale Knotenpunkt.

Konkret bedeutet das etwa für die Ruhr-Nachrichten: Ein Reporter besucht einen Termin, um dort zu fotografieren, mit der Flip-Kamera zu filmen sowie die guten alten Notizen in den Block zu schreiben. "Wir müssen die Reporter dazu kriegen, mehr als früher unterwegs zu sein. Das ist oft ein Problem, denn der Drang nach Hause, in die Redaktion, ist erlernt und drin", so Chefredakteur Kiwit. Die Inhalte, die der Reporter für die unterschiedlichen Verbreitungskanäle erstellt hat, „können natürlich nur eine gewisse Fertigungstiefe erreichen“, so Wolfram Kiwit. Den Rest erledigen sogenannte Editoren am Desk. „Der Reporter muss sich am Ende nicht darum kümmern, ob sein Vorspann Teaser-fähig ist, ob noch ein Bild mehr zum Online-Artikel dazugestellt wird oder ein Hinweis auf Google-Map“, erklärt Wolfram Kiwit.

Themenauswahl findet am Desk statt

Am Desk entscheidet sich auch, welche Themen die sechs Lokalredaktionen am nächsten Tag im Blatt haben. Dabei haben natürlich auch die Lokalredakteure vor Ort ein Mitspracherecht: „Wir wären ja blöd, wenn wir nicht auf die Reporter hören, was gerade Stadtgespräch ist“, betont Editor Philipp Ostrop, Chef des Lokalen Newsdesks Dortmund der Ruhr-Nachrichten. „Es ist ein klassisches Reporter-Editoren-Modell. Die Editoren führen die Ausgabe, es gibt keine Lokalchefs mehr“, so Kiwit über das Modell, das in seinen Augen ein erfolgreiches ist. „Wir haben heute eine stärkere Kontrolle über die Qualität. Die Lokalausgaben sind vergleichbarer geworden“, erklärt er. „Wir sind heute im Print besser.“

Bei der HNA geht es dezentralisierter zu: „Wie sind eine Zeitung in einem großen Flächenkreis, in der zwei Lokalausgaben erscheinen. Beide produzieren je 16 Seiten, da reicht es, wenn die Redakteure uns die großen Themen mitteilen“, erklärt Horst Seidenfaden. Aber ob Journalisten dem Desk zuarbeiten oder alle Kanäle allein bedienen müssten, ändere nichts am modernen Berufsprofil, fügt der Chefredakteur an, denn „jeder Redakteur, der bei einer lokalen Tageszeitung arbeitet, muss Multimedialredakteur sein.“

Online - einfach mal machen

Newsdesk-Chef Phillip Ostrop spricht in einem Video-Vortrag die Botschaft an das Publikum von der Wand: „Es wird viel zu viel philosophiert. Man sollte einfach mal machen. Online first arbeiten und sich mittags um drei fragen: ,Was machen wir morgen in der Zeitung?‘ Davon geht die Welt nicht unter.“ Eine derartig radikale Einstellung stieß im Publikum auf viel Skepsis. „Die wenigsten Lokalredakteure wollen entweder nur Editor oder Reporter sein“, so eine kritische Stimme. Kiwit: „Wir haben bei der Einführung des Desks klare Jobprofile ausgeschrieben. Das kommt in der Regel gut an, wenn man den Leuten endlich mal sagt, was man von ihnen will. Kollegen, die weder als Editor noch als Reporter gut sind, waren vorher auch schon nicht gut.“

Editoren am Desk ziehen Arbeitskräfte aus den tendenziell eher unterbesetzten kleinen Lokalredaktionen, wurde angemerkt. Die Frage, ob es nötig sei, die Editoren zentral zu bündeln und somit die Redaktionen noch mehr auszudünnen, fand deshalb offene Zustimmung im Publikum. Wolfram Kiwits klare Antwort: „Wenn jede Lokalredaktion für sich arbeitet, machen die nur Zeitung. Das ist gut, wenn man nur Zeitung will. Aber das Verteilen der Inhalte kriegen die Redaktionen nicht kanalaffin hin. Man muss sie dafür an die Hand nehmen.“ HNA-Chef Horst Seidenfaden schloss sich an: „Es gibt nicht nur einen Weg, aber ohne zentrale Befruchtung vom Desk geht es nicht.“

Linda Fischer und Maike Rellecke

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