Auszeit
Lehrer im Sabbatjahr radelt durch Europa
07.01.2010 | 18:56 Uhr 2010-01-07T18:56:00+0100Anfang Juli vergangenen Jahres schwang sich Paul Roos in Dortmund-Kley auf sein Fahrrad. Der damals 49-jährige Grundschullehrer startete ins Sabbatjahr. „Ich hatte nix geplant, grobes Ziel war aber Griechenland”, sagt er heute. „Aber da war ich dann grad mal für fünf Tage.”
Diese Auszeit war ein lang gehegter Wunsch des nunmehr 50-Jährigen. Seine Frau und die fünf Kinder haben ihm den Rücken gestärkt, ihn ziehen lassen. Zunächst Richtung Bodensee, über den Reschenpass. Dann nach Italien auf der Via Claudia Augusta. „Die ist aber mehr was für Mountainbikes”, musste Paul Roos feststellen. Unwegsam für ihn mit Fahrradanhänger. In dem wartete ein wichtiges Utensil täglich auf seine Verwendung. „Ein Wurfzelt – kann ich nur empfehlen.” Und Campingsachen, Wanderschuhe, eine Hängematte.
»Der schlimmste Feind des Reisenden ist der Konjunktiv«
Er ließ sich treiben, legte täglich zwischen 30 und 140 Kilometer zurück. In den Alpen ist er auch gewandert. Pitztal und Meraner Höhenweg. Und dann hat Roos – mal eben – einen Dreieinhalbtausender erklommen. „Der war da gerade”, der Hintere Seelenkogel. Die Hütte war eh schon auf 3000 Metern Höhe, es fand sich ein Einheimischer, der mitging. So war das.
Fit war Paul Roos auch vorher schon. Er radelt jeden Tag zur Arbeit an die Lessingschule in der Dortmunder Nordstadt. Auch Wandern gehört zu seinen Hobbys. „Das schöne Gefühl der Grenzenlosigkeit” in den Bergen habe ihm schließlich geholfen, den Alltag hinter sich zu lassen.
Weiter durchs Valsugana, Richtung Bassano del Grappa, nach Süden, durch Venedig. „Nach 2000 Kilometern war ich am Mittelmeer und habe mich gefreut.” Aber die Strände luden weniger zum Baden ein. Sie waren im August rammelvoll mit Touristen. Er blieb, allerdings nur wenige Tage. Auf seiner Reise war Roos nie allein, hatte viel Kontakt zur Familie. Telefon, SMS, Email.
Nach Italien stand Kroatien auf dem Plan. „Dubrovnik war das Ende vom Tourismus”, erinnert er sich. Roos ist der Landessprache nicht mächtig. „Ich versuche immer ,Danke', ,Guten Tag', ,Auf Wiedersehen' und ,Ich möchte bitte das da' in der Landessprache zu lernen”, erzählt er. „Das öffnet gleich die Herzen. Denn wenn man sich Mühe gibt, geben die anderen sich auch Mühe.” Und: „Wenn man sich verstehen will, ist Sprache gar nicht das Wichtigste.”
»Sie kamen mir vor wie mittelalterliche Chirurgen«
Beispiel Montenegro: „Dort spricht dann keiner mehr englisch, es gibt deutlich mehr Armut. Und die Städte sind ein bisschen trübsinnig.” Nicht so die Menschen. Die erlebte Paul Roos als hilfsbereit. Eine Speiche war kaputtgegangen. Roos steuerte eine Autowerkstatt an und traf auf drei Schrauber, mit denen sich verbalsprachlich keine Schnittmenge ergab. Roos zeigte auf die Speiche. „Dann kam erst mal ein dreiminütiger Wortschwall auf mich zu. Ich habe noch mal auf die Speiche gezeigt.” Schließlich schritten die Männer zur Tat. Roos: „Sie kamen mir vor wie ein mittelalterliches Chirurgenteam. Es sah aus wie eine Zahn-OP im 12. Jahrhundert.” Die drei reparierten ohne Werkzeug.
Den schönsten Tag verbrachte er am Ochridsee an der Grenze zwischen Albanien und Mazedonien – „einer der schönsten Orte der Welt.” Dann war da noch dieser Tag in Kroatien. Roos traf eine Bande singender junger angetrunkener Männer in Schlappen unter Sonnenschirmen. Ganz fasziniert ließ er ein Liebeslied für seine Frau durchs Telefon singen. Die konnte die Freude wohl nicht angemessen teilen – stand sie doch gerade bei Aldi an der Kasse.
Insgesamt hat Paul Roos knapp 6000 Kilometer mit dem Rad zurückgelegt. Seine Erlebnisse hat er in einem kleinen Buch aufgeschrieben. Ob es jemals veröffentlicht wird? Weiß er nicht. In diesen Minuten sitzt er schon im Flieger nach Bangkok. Oder ist schon angekommen. In der zweiten Hälfte seines Sabbatjahres.
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