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Überlebenskampf des Theaters

19.02.2010 | 18:42 Uhr
Überlebenskampf des Theaters

Dortmund. Weniger Künstler, weniger Produktionen, weniger Technik: Dem Theater geht es durch die Einsparvorgaben der Stadt an den Kragen. „Die Diskussion geht weg von einer künstlerischen Auseinandersetzung hin zu einem Überlebenskampf.”

Harte Worte wie die des künftigen Schauspieldirektor Kay Voges hatten alle Spartenleiter des Theaters parat: Eine Million Euro von 28,72 Mio. städtischem Zuschuss soll das Haus sparen.

„Wenn der Wirtschaftsplan so verabschiedet wird, hätte das erhebliche Konsequenzen”, erklärte Bettina Pesch, geschäftsführende Direktorin. Das Konzept des Theaters wird nächste Woche Kulturdezernent Jörg Stüdemann vorgelegt. Die Konsequenzen:

„Im Bereich Technik tut es richtig weh”, so der Technische Direktor Thomas Meissner. Fünf Stellen würden nicht neu besetzt - und das bei einer Personaldecke, die jetzt schon an der absoluten Untergrenze sei. 9600 Stunden stehen so nicht mehr zur Verfügung. „Die Techniker sind einfach am Ende und können nicht mehr leisten”, so Meissner. Die Auswirkungen würden alle Sparten zu spüren bekommen; ob der unter anderen Voraussetzungen erarbeitete Spielplan für die neue Saison weiterhin tragbar ist, sei unklar.

Am drastischsten wären die Einschnitte im Musiktheater: Das Haus, das bei nur 15 festen Sängern auf Gäste angewiesen ist, um Produktionen wie „Lohengrin” zu stemmen, müsste 200 000 Euro vom Gastetat einsparen. Der Ausstattungsetat von 330 000 Euro würde um 65 000 Euro gekürzt. Das Budget für Tantiemen - für populäre Musicals wichtig- schrumpfte um 50 000. Vakante Stellen im Chor würden für ein halbes Jahr nicht mehr besetzt - also große Verdi- oder Wagner-Inszenierungen sind nicht möglich. Und auch die Kinderoper litte: Eine Produktion weniger plus keine Kooperation mit der Chorakademie mehr (50 000 Euro). „Es trifft auch im kulturellen Bereich die Schwächsten”, so Opernintendantin Christine Mielitz.

„Kultur muss bleiben”, sagt Ballettdirektor Xin Peng Wang. Und trotzdem würde das Ballett in der nächsten Saison nur „eine wirkliche Premiere” zeigen können; Galaabende seien nur noch durch Sponsoren möglich. Obwohl es wirtschaftlich wäre, will das Ballett aber an Schul- und Seniorenprojekten festhalten.

Dem Kampf gegen Qualitätsverlust und um die Position im Konzerthaus will GMD Jac van Steen aufnehmen. Bei den Philharmonikern aber sollen fünf Stellen nicht neu besetzt, die Kammerkonzerte in das Orchesterzentrum verlegt und die Abo-Reihe neu strukturiert werden - eventuell mit Reduzierung der Philharmonischen Konzerte von zwei auf drei.

Kommentar
Theater ist Lebensqualität

Eine Million Euro einsparen von 28,72 Millionen städtischem Zuschuss - das klingt erstmal gar nicht so dramatisch. Ist es aber doch. Denn mit dem seit Jahren eingefrorenen Zuschuss befindet sich das Theater jetzt schon am Rande seiner Kapazitäten. Kaputte Scheinwerfer können nicht mehr repariert, alte Instrumente müssen zusammengeflickt werden. Fachleute bezeichnen die Ausstattung des KJTs als Kernschrott. Ob Künstler oder Techniker - wie die Spartenleiter berichten, machen sie alle jetzt schon allein den Job von eigentlich fünf oder sechs Leuten. Sie produzieren Überstunden en masse, weil sie idealistisch an den Wert des Theaters glauben. Ein Wert, den alle Spartenleiter gestern zurecht beschworen haben: Theater ist Bildung, ist Integration, ist Lebensqualität - und eine wichtige Errungenschaft unserer Demokratie. Das darf nicht einfach weggestrichen werden.

Bitter, das selbst die jetzigen Einsparungen noch nicht das Ende sein könnten: Tariferhöhungen müssen ausgeglichen, Überstunden der Techniker neuerdings in Freizeit ausgeglichen werden. Und selbst um Landes-Fördergelder kann sich das Theater nicht bemühen - weil es keinen Eigenanteil garantieren kann.

Von 150 000 Euro müsste das Kinder- und Jugendtheater 18 000 Euro einsparen - macht eine Produktion weniger. Und trifft eine Situation, in der Künstler (die Schauspieler meistern bis zu 190 Veranstaltungen pro Spielzeit) und Ausstattung schon am Limit sind. „Das wird deutlich spürbar”, so KJT-Leiter Andreas Gruhn.

In seine Planungen musste Kay Voges, ab Mitte 2010 Schauspieldirektor, die Kürzungen einbauen: Eine Senkung des Ausstattungsetats und ein Bettelgang bei den neuen Schauspielern waren die Konsequenz. „Sie werden mehr arbeiten müssen für weniger Geld.” Nicht einmal Fotos des neuen Ensembles kann er sich leisten. „Ich stehe mit dem Rücken zur Wand.”

Das Konzept, das das Theater erarbeitet hat, um die Sparvorgabe von einer Million Euro umzusetzen, wird nächste Woche Kämmerer und Kulturdezernent Jörg Stüdemann vorgelegt und am 9. März im Kulturausschuss darüber entschieden.

Das Foto zeigt Christine Mielitz bei den Proben zu Lohengrin.

Nadine Albach

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Kommentare
22.02.2010
14:38
Überlebenskampf des Theaters
von der_Stromer | #25

In Zeiten wie dieser, wenn sich Dortmund nichts mehr leisten kann, weil eben nichts mehr da ist, sollten die Stadt-Obersten zuallererst einmal zurückhaltend und nachhaltig investieren: 1- Daseinsvorsorge 2- Zukunftsförderung (Kinder!).
Arnsberg hat es doch schon vorgerechnet, dass Dortmund kein Geld mehr in Denkmäler für OBs und die, die es gerne sein würden investieren kann - die Schulden sind halt so hoch, dass man offen von Überschuldung reden kann.
Wir sollten nun vielleicht einmal die sieben mageren Jahre einläuten, als Vorbereitung der dann vielleicht wieder möglichen fetten Zukunft.

22.02.2010
14:24
Überlebenskampf des Theaters
von Epo | #24

Ich meine ja nur: Könnte man nicht den Saufraum aus der Nordstadt im Theater etablieren. Das wäre doch kostenloses Theater am laufendem Band.

22.02.2010
13:06
Überlebenskampf des Theaters
von Schuldenfreiheit | #23

Wenn ich mir Luxus nicht leisten kann, kann ich nicht zur Bank gehen und die darum bitten. Städte aber machen das. Betteln ist eigentlich peinlich, aber einer Stadt macht das wohl nichts.

Vor allen Diskussionen sollte die Stadt sich entschulden - und nicht entschuldigen. Erst wenn man sich den Luxus wieder gönnen kann, sollte wiedereröffnet werden - bis dahin bin ich für einmotten. Wenn dann nach ein paar Jahren alles wieder normal läuft, kann man voller Stolz sagen Unsere Stadt kann sich jetzt mehr leisten, nämlich unabhängige, freie Kultur!

22.02.2010
11:24
Überlebenskampf des Theaters
von XV | #22

Ich verstehe nicht wie dumpf hier das Eine gegen das Andere gewichtet wird.
Natürlich brauchen wir gute und ausreichende Kindergärten, natürlich ist die Möglichkeit einer guten Bildung für alle absolut unumstritten doch genauso unumstritten ist der Erhalt eines Theaters. Hier treffen sich Menschen, die sich mit mehr als nur ihrem Alltag, ihrem Horizont und ihrem Bild von der Welt auseinander setzen wollen. Theater ist Bewegung, ist Anreiz, ist unerlässlich für den Erhalt, die Erschaffung des mündigen Bürgers. Hier geht es nicht um ein paar weltfremde Menschen, die sich in Maske und Kostüm schmeißen und sich zum eigenen Zeitvertreib auf der Bühne rumtummeln. Wer das nicht versteht, nicht darum weiß, ist tatsächlich nicht viel mehr als der fernseh-fußball-arbeit-sex-bier Konsument, der nie über den eigenen Rahmen hinausschauen kann.
Bei den Angestellten Vergleichen hier müsste Mann absurder weise dazu über gehen und den Menschen ohne Kinder ihre Steuern für die Erhaltung der Kindergärten zurückgeben, den ohne Auto die Steuern für die Straßeninstandhaltung zurückzahlen, den Nichtschwimmern oder nicht Spaziergängern eben vergleichend die Steuern kürzen…achja, warum zahlen wir eigentlich überhaupt Sozialabgaben? Wer keine Arbeit hat und somit auch nicht kostendeckend ist, kann doch ‚geschlossen‘ werden…rein wirtschaftlich weitergedacht. Absurd.

22.02.2010
01:28
Überlebenskampf des Theaters
von godo | #21

Nachtrag:

Die Vorschläge, zur Ertüchtigung der Transverleistungsbezieher werde ich noch weiter erarbeiten und sie dann dem Vorsitzenden der FDP zukommen lassen.

22.02.2010
01:22
Überlebenskampf des Theaters
von godo | #20

Alles kann Gut werden. Wie wäre es denn mit einer Kopfpauschale von jedem Bürger, der in unserer Stadt angemeldet ist. Je eine Kopfpauschale für: Den Flughafen, die Oper, das Schauspielhaus, das U, die Schlaglöcher in unseren Straßen, Phoenix, das Event „ Kulturhauptstadt 2010“, usw.. Wer arbeitslos ist, die Hartz4-Empfänger und sonstige Transferleistungsbezieher könnten das ja alternativ mit einem Arbeitseinsatz ableisten, wie z.B. Parkplätze der Nutzer bewachen, Gepäck tragen, Beifall klatschen usw.. Tja, wir sind auf einen guten Weg, ich sammele gerade Geld für ein Gespräch mit unserem „Volksvertreter“ Rüttgers, der weiß, wie man es macht.

21.02.2010
22:45
Blockierter Kommentar.
von Moderation | #19

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

21.02.2010
13:21
Überlebenskampf des Theaters
von Madamme | #18

Ich bin nicht gut im Rechnen, deshalb bitte ich um Nachsicht, wenn ich nicht richtig liege!
28,72 Mio EUR auf 585000 Einwohner verteilt (alle: Senioren; Kinder; Jugendliche; Twens; Arbeiter; Beamten; ... alle eben) würde pro Kopf einen gerundeten Betrag von EUR 49,09 im Jahr ausmachen.
50 EUR für nichts sagen sich min. 90% der Bevölkerung, denn sie nutzen nicht das Angebot der Theater. Also bleibt eine faktische Subvention von ca. EUR500 im Jahr für alle anderen Dortmunder Theaterbesucher.
Großartig, wenn sich eine Stadt so teuer Besucher einkaufen kann.

21.02.2010
12:07
Überlebenskampf des Theaters
von seltsamöffnedich | #17

@zuiopw: was für provokationen haben sie denn in letzter zeit am dortmunder theater gesehen? vielleicht die bvb-revue? blues brothers? liebesperlen?
viel publikumsfreundlicher als in dortmund KANN ein stadttheater gar nicht arbeiten, und das zeigen -zumindest am schauspiel- auch die auslastungszahlen, die zuletzt höher waren als irgendwo sonst im ruhrgebiet. dass diese erfolgreiche arbeit jetzt mit kürzungen und existenznot bestraft wird, das können die damen und herren, die gerade million um million im U versenken, mit sicherheit sehr gut erklären.
vor kurzem fiel mir ein bildband der stadt dortmund von ca. 1998 in die hände, in der das damals neugebaute postbank-gebäude am hiltropwall von der stadt vollmundig als architektonisches glanzlicht und künftiger kultureller hot spot angepriesen wurde. wir sehen, was daraus geworden ist.
ach, und sagen sie mir doch bitte bescheid, wenn in den westfalenhallen ein spannendes theaterstück mit tiefgang gespielt wird!

20.02.2010
16:11
Überlebenskampf des Theaters
von zuiopw | #16

Kultur ist sehr vielfältig und darf es auch sein.
Qualität wird unterschiedlich wahrgenommen.

Ich habe den Eindruck, dass hier auf sehr hohem NIveau gejammert wird.

Kultur kann gewinnorientiert sein. Es gibt Gruppen und Veranstaltungorte, die dies schaffen. Früher haben Künstler auch für ihre Finanzierung gesorgt.

Mache ich etwas gut, kommen die Leute und zahlen den notwendigen Preis. Wenn ich meine in der aktuellen Zeitperiode nicht geschätzten Ideen durchsetzen will, muss ich als Künstler auch das finanzielle Risiko tragen. Bspw. können Provokationen nicht durch die Steuerzahler subventioniert werden.

Der Zuschuss ist enorm. Bei Sportplätzen, Schulen und Kindergärten wird im Vergleich hierzu jahrelang um Minisummen gekämpft.

Wir haben die Westfalenhallen, in denen immer wieder Kulturveranstaltungen zu sehen sind. Ferner gibt es im Umkreis von 50 km genügend Kultureinrichtungen.

Die Probleme mit den Vertragsverlängerungen der Schauspieler sprechen auch nicht für eine Arbeitsplatzsicherheit und passen nicht in eine Stadt wie Dortmund, in der -meiner Meinung nach- andere Werte geschätzt werden.

Die bereits angesprochenen Vorgänge bei Abrechnungen zeugen auch nicht von einem verantwortungsvollen Umgang mit Geld.

Bitte spart in diesem Bereich mehr Geld ein!!!!!

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