„U“ als Bühne für absurdes Theater
07.09.2010 | 19:48 Uhr 2010-09-07T19:48:00+0200
Dortmund.Als Leuchtturm der Kulturhauptstadt sollte der U-Turm strahlen. Jetzt ist er zu einer absurden Bühne geworden - die gestern eine Kluft zwischen Vertretern der Stadt und den Baugewerken offenbarte. Die Dramaturgie eines Stücks mit bislang unbekanntem Autoren.
10.30 Uhr: Pressekonferenz im U. Mitwirkende: Zahlreiche Medienvertreter plus Gerber Architekten und Projektsteuerer Assmann, alle in schwarzen Anzügen. „So ein schwieriges Projekt habe ich in meinem Leben weder geplant noch realisiert“, bekennt Architekt Prof. Eckhard Gerber. „Wir übergeben das Objekt am 8.10. so, dass Ausstellungen stattfinden können“, sagt Bodo Weidlich von Assmann.
Lapidare Notiz
Bei Fragen nach dem Zeitplan für die Kunst verweisen die Bauleute auf die Stadt - die durch Abwesenheit auskunftswilliger Vertreter glänzt. Nur ein Zettel liegt auf den Stühlen mit der lapidaren Notiz: „Mitte Dezember (geplant) Eröffnung der Ausstellung „Bild für Bild“ (Museum Ostwall mit Centre Pompidou). Ein Zettel, von dem die Bauleute nichts wissen.
10.45 Uhr: Regieanweisung: Fragen lieber später, jetzt erstmal schauen und möglichst staunen. „Null Puffer“ habe es in dem extrem engen Zeitplan gegeben, erklärt Bodo Weidlich von Assmann auf dem Weg zum Aufzug. „20 Monate standen wir Gewehr bei Fuß, aber die Fördergelder fehlten.“
10.50 Uhr: Situation: Eingangsbereich zum künftigen Ostwallmuseum - lichtdurchflutet, mit einer Treppe, die die Etagen 4 und 5 verbindet.
11 Uhr: Die Stunde der Architekten. Auftritt Jens Haake: Nie habe es Verschiebungen im Zeitplan gegeben. Zwei oder drei Tage seien angesichts der Kälte im Winter und der unvorgesehenen Betonarbeiten Nichts. „Eigentlich hätte man dem Haus anderthalb Jahre mehr Zeit widmen müssen“, erklärt Gerber. Stolzer Blick auf weiße Wände. „Das kostet doch alles Zeit. Das sind Erfindungen und Ideen, über denen ich nachts im Bett gebrütet habe.“
11.20 Uhr: Regieanweisung: Lieber nicht über Zeitpläne und schlechte Kommunikation sprechen, sondern von der Umsetzung der Pläne berichten. Gerber - mit schwärmender Geste in den luftigen, 500 Quadratmter großen Oberlichtsaal:„Diesen Raum finde ich am schönsten.“. Außergewöhnliches hätten die Mitarbeiter geleistet.
11.30 Uhr: Etwas weniger Drama, mehr Fakten: Aktuelle Klimazahlen von Montag abend: 50 Prozent Luftfeuchtigkeit und 20 Grad - alles prima für die Kunst. Sagen die Fachleute.
11.40 Uhr: Ortswechel: Unten im Foyer. Die städtische Phalanx steht - mit Wolfgang E. Weick (städtische Museen), Kurt Wettengl (Ostwallmuseum) und Kurt Eichler (Kulturbetriebe). Kurzdrama: Vor versammelter Presse macht Bodo Weidlich gegenüber Eichler seinem Ärger über den unabgesprochenen Zettel mit dem Terminplan Luft.
Raunen, Murmeln, ungläubige Nachfragen
11.45 Uhr: Monolog Eichler, ganz in Schwarz und mit versteinerter Miene: Die Centre Pompidou-Ausstellung soll auf Bitten der Ruhr.2010 auf Dezember verschoben werden. Auftritt Medienvertreter: Raunen, Murmeln, Kopfschütteln, ungläubige Nachfragen. Noch einmal verstärkt, als Eichler berichtet, dass noch unklar ist, was am 8. Oktober überhaupt zu sehen sein soll. „Wir dürfen nicht fahrlässig mit dem städtischen Kunstbesitz umgehen.“ Klima, Staub, Brandschutz, Sicherheit - all das müsse stimmen.
11.50 Uhr: Klimax. Presse: Aufgebracht und ungläubig. Was stimmt nun? Klima prima sagt die eine, noch nicht gut die andere Seite. Dramatischer Zwischenwurf der Fachleute: Eichler habe die Zahlen noch nicht kennen können, die seien erst von Montag abend, die Begehung mit der Stadt schon Montag mittag gewesen. Gesichter werden röter, Mienen versteinerter.
12.05 Uhr: Versuch zur positive Wendung: Die Kosten von 50 Millionen für den Umbau würden nicht überschritten.
12.10 Uhr: Auflösung Pressepulk. Geflüsterte Einzelgespräche. In denen gegen die Fachleute gewettert wird. „Wir bekommen die Sachen mitgeteilt, die wir hören wollen.“ Abgang. Ende offen.
16:01
Na, Bennolein, dann schau doch mal dort hinein!
Und sich hier auf sinnentleerte Scherze von scherzkeks zu berufen, ist mehr als billig...
15:49
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14:13
P.S.: Benno, ihre missglückte Satire wird doch nicht auch mit zuviel P&R-Runden zusammen hängen?
Naja, mein Mitleid hielt sich in Grenzen, isß klah, woll?
Wie fanden sie eigentlich die Anti-Nazi-Installation auf dem U-Turm? Jaja, Kultur ist, was uns trägt! Kultur ist/war eines der Identitätsmerkmale der Deutschen und wird - bei Wotan - von euch gering geschätzt!
Merke: es sind die Braunen Ewiggestrigen, welche D abschaffen wollen!
Fällt mir doch glatt der Spruch ein, der noch aus der von euch so bewunderten Zeit stammen dürfte:
Kinder (was eure geistigen Fähigkeiten betrifft) die was wollen, kriehn was auf die Bol....
14:01
Benno, zeig doch mal ein bißken Verständnis für PvL alias Dr. Oberschlau!
Der ist bestimmt eine P& R-Runde zuviel gelaufen und jeder, der sich mal länger im Kreis gedreht hat, der weiss, was da passiert...
13:56
@die Benno/Peter von Lustig-Identität: Irgendwie schaffts man ja jedes Thema, wenn man nur genug will, in den braunen Schlamm zu ziehen.
13:01
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12:40
Das Drama, daß hier spektakulär in Szene gesetzt wird und mittlerweilr internationale Beachtung findet, hat den Arbeitstitel: Der Leuchtturm des Königs L.
Obwohl mit sehr provinzieller Besetzung, überzeugt das Stück durch die Integration und Neuauflage vieler Elemente klassischer Dramen, die in aktuellen Zeitbezug gesetzt werden.
Zum Inhalt: Da ist der Ort der Handlung, eine alte Brauereiruine, mit bisher 78 Millionen Euro recht preiswert in Szene gesetzt, die von den Dämonen der Bauphysik als alter Brauerreikühlturm mit ewiger Feuchtigkeit verflucht ist. Die Physik, die der neue König Sierau nicht mag - und auch nicht deren Vertreter, wenn sie ihn auf Verkehrsplanung ansprechen -, die aber auch mit Ratsbeschlüssen und Unterdrückung nicht zu bezwingen ist.
Der alte König L hatte die verfluchte Brauereiruine als Standort für das neue Kunstmuseum auserkoren und dem Projekt den Leuchtturmstatus verliehen. Das hiess, daß niemand mehr Fragen durfte und jede Kritik verstummen sollte. König L deckelte die Kosten auf 50 Milionen Euro, was hiess: Es wird auf jeden Fall teurer aber darum kümmern wir uns dann später. Ein schwerer Sündenfall des Königs L.
Das wiederum erzürnte die Götter des Problemos. Während die Protagonisten sich der rauen Realität verschliessen, warnen die Götter mit immer neuen Problemen und Kostenfallen, die aber weder von König L noch vom damaligen Kronprinz und Stadtplaner Sierau gehört werden wollen.
Während die Hofschranzen die Mär vom zu feuchten alten Ostwallmuseum verbreiten und sich ein schönes neues Museum erträumen, gehen die Günstlinge an König Ls Hofe , der Archtitekt Gerber und der Projektmanager Assmann ans Werk. Sie versprechen gegen hohe Bezahlung die Ruine, deren Tücken fast alle kennen, mit - einerseits viel, andererseits wenig - Geld in kurzer Zeit in ein prunkvolles Gebäude zu verwandeln. Dabei wissen alle - der Zauberzwerg Gerber kann gut entwerfen - aber er kann nicht bauen. Der Magier Weidlich kann den Dämonen, die pausenlos die Probleme schleudern, nichts entgegensetzen. Die Macht der Realität ist einfach zu groß.
König Sierau sieht am ererbten Hofe König Ls, daß die Schatzkammern leer sind. Er gibt den Göttern die Schuld. Alle wissen: Er war selbst an dem Finazdebakel beteiligt- will es aber nicht wahrhaben und leugnet, was das Zeug hält.
Die Probleme wachsen unaufhörlich. Die Rache eines braunen Dämonen trifft zusätzlich. Der hatte in den Bauauflagen eine Sprinkleranlage für das Museum versteckt, was die Dämonen erfreut, da nun bedarfsweise für zusätzliche Feuchtigkeit gesorgt werden kann.
Auch droht König Sierau vor dem Kulturschamanen Pleitgen in Ungnade zu fallen und öffentlich das Gesicht zu verlieren, wenn nicht im Jahr des Kulturschamanen 2010 noch eine Eröffnung im Dortmunder U stattfindet. So opferte man viel Geld, um im Mai eine Rohbau-Eröffnung zu zelebrieren. Die Hofschranzen spielten brav mit, nur ein Schweizer Reporter sagte die Wahrheit: Was soll ich in dem Rohbau hier - sprich, haltet für einen Dummen ihr mich? Herrlich, wie hier an die Klasiker angeknüpft wird.
Das fulminante Ende des Dramas naht. An König Sieraus Hof fallen nun die Günstlinge und die Hofschranzen alle übereinander her und der König weiss nicht, wie er den Fluch der Dämonen, die ewige Feuchtigkeit, und die Rache der Götter, Kostenexplosion und hohe Betriebskosten, erklären soll, während er trotz aller Anstrengungen sein Gesicht verliert. Das Vok vor dem Palast - sehr gut gespielt von realen Dortmundern - staunt und wundert sich und begehrt auf, als es von dem Fluch der Dämonen und der Rache der Götter erfährt.
Ein solches Drama hier, wer hätte das gedacht. Von wegen Kulturwüste Dortmund. Wir leben die Dramen und scheuen zur realistischen Inszenierung keine Kosten, keine Dämonen und keine Götter.
11:16
Wer brauch denn da noch eine Oper oder ein Konzerthaus. Jetzt fehlt nur noch der Dom und der Karneval und wir sind in Kölle.