Schlammschacht ohne Sieg
08.10.2010 | 11:53 Uhr 2010-10-08T11:53:00+0200
Dortmund.Aus Ideen werden Märkte, steht in dicken Lettern an der Holzwand, die die Vorderbühne (und das Publikum) vor dem schützen, was hinten ist. Doch im Laufe des Abends purzeln die Buchstaben. Ein Unwetter zieht auf die 138 Millionen Euro Schulden-Stadt zu; in Essen hat es bereits Menschenleben und alles Ruhr.2010-Equipment ausgelöscht. Das Unwetter teilt sich im Dortmunder Schauspiel allerdings nur als Lautsprecherdurchsage mit.
„Death Match“ ist eine Theater-Performance mit realen Künstlern, die für Fiktionen verantwortlich sind: zum Beispiel die Regie-Teams „sputnic“ und „kainkollektiv“ (was man natürlich auch „kein Kollektiv“ lesen kann). Ihre zentrale Erfindung ist die Gründung des Ifuk, des Instituts für urbane Krisenintervention.
Das Ifuk ist ein Fake, aber bitter ernst zu nehmen. Es vertritt jene Thesen, mit denen sich Kreativwirtschaftler aller Art in steigendem Maße entweder profilieren oder herumschlagen. Der Projektmanager vertritt in einem (ermüdendem) Dauervortrag Thesen von Richard Florida, dem Entdecker der „creative class“, bis hin zu Statements von Dieter Gorny, unserem Kulturhauptstadt-Theoretiker. Die Thesen werden in Film-Dokumenten bebildert – egal, ob die nun echt sind oder nicht.
Das Theoriegebäude ist etwas wackelig, weil auch erkennbarer Blödsinn Einzug hält. Etwa die Entführung des neuen Schauspieldirektors in die Unterbühnenwelt. Oder die Idee eines Ladenpatenschaften-Netzwerks, das das Schauspiel mit der gleich nebenan entstehenden Thier-Galerie verbinden soll.
Doch auch die „reale Realität“ hält Einzug. Verkäufer der Obdachlosen-Zeitung – und keine Obdachlosen-Schauspieler – werden auf die Bühne gebeten und verkaufen „Bodo“ im Parkett. Die Kulturzentrums-Initiative „UZ“ verliest eine Resolution – auch wider die „Ausbeutung der Kreativen“. „Eine Einordnung von Kultur in die Logik kapitaler Ökonomie zerstört ihren Sinn.“
Theater versucht
sich zu positionieren
Und das Theater selbst, zwischen ökonomischer und kultureller Krise? Das Theater des 21. Jahrhunderts? Es sucht sich zu positionieren, sieht sich als Gastgeber, als Mediator. In der abschließenden Schlammschlacht, dem „Death Match“ zwischen Ökonomen und Kreativen (wie einander ähnlich sie da sind!), verzichtet es auf eine Entscheidung. Unentschieden! Schade. Doch immerhin hat „Stadt ohne Geld“ einem existenten Diskurs viel Öffentlichkeit beschert.
Das Theater (als solches) muss sich um sich nicht sorgen. Es wird bleiben. „Theater heute“ hat uns in seiner aktuellen Ausgabe, Seite 1, gerade vorgerechnet, dass es „mindestens noch 62,5 Jahre ... existieren“ wird - aber „höchstens“ noch 100 000 Jahre. Das beruhigt.
16:27
Mittwoch, den 06.10.2010 hat das UZDO wir die Bühne des Theaters Dortmund gestürmt, um eine Brücke zu schlagen von der Inszenierung des Schauspielhauses hin zum Theater, das sich unser Leben nennt. Im Vorfeld wurde viel um die Echtheit des Ifuk spekuliert (2010lab), aber für uns ist klar, dass es das Ifuk gibt. Es gibt sogar nicht nur ein Ifuk, sondern viele – viel zu viele. Die Stadt ohne Geld ist umso realer.
Das Schauspiel führte gegen 21 Uhr nach “Recht auf Stadt – ohne Geld” Sprechchören zur Eroberung der Bühne. Hier wurden Banner angebracht und das Bühnenbild durch einen Schriftzug ergänzt: „Für eine andere Stadt“, stand hier nun. In der 5-minütigen Rede ging es um die Kritik an der Logik von Instituten wie das Ifuk, die das Gemeinwesen der Stadt unnötig weiter herunterwirtschaften und die Vision, die kommunale Wirtschaft einmal tatsächlich ohne Geld zu denken.
www.uzdo.de