Satzfetzen aus der Nordstadt
15.02.2012 | 16:58 Uhr 2012-02-15T16:58:00+0100
Dortmund. „Student Samson F. in Dortmund-Nord im Monat Juni des vergangenen Jahres“: Artur Krutschs preisgekrönter Beitrag zur Ruhrgebietsliteratur wurde als „bester Pop seit langem“ bewertet.
„Student Samson F. in Dortmund-Nord im Monat Juni des vergangenen Jahres“. Vielleicht ist der Titel fast der längste Satz in Artur Krutschs preisgekröntem Beitrag zur Ruhrgebietsliteratur. Mit seiner Kurzprosa – in Augen der Jury „bester Pop seit langem und erster Dortmunder Pop“ – kam er auf Platz 2.
„Ich kann mich an das meiste aus meinem Leben nicht erinnern. (...) Ich weiß schon am Montag nicht mehr, was ich am Wochenende gemacht habe. Wenn man nie in alten Erinnerungen schwelgt oder anderen von ihnen erzählt, verliert man sie.“ Schon wird klar, dass Samson F. und Artur Krutsch nur bedingt etwas gemein haben. Krutsch nämlich notiert. Banale Beobachtungen, Momentaufnahmen. Listet Augenblicke in Satzfetzen. Dem Spontanen ein literarisch konstruiertes Gerüst: Er streicht hier, erfindet da etwas dazu. Sein Antiheld „ist nicht unbedingt ein Sympath“, sagt Krutsch selbst von Samson F. – „eher ein schmutziger Typ“. Der kurvt durch die Dortmunder Nordstadt – meistens unterirdisch – und kommentiert Stadt und Leute. Das hat mal pubertäre Züge, mal fast poetische, liest sich hier platt, dort hintergründig. „(...) Ich mag es, wenn die Häute glänzen, die Schminke leicht verläuft und einzelne Strähnchen an der Stirn kleben. Dann kann ich ihre Seelen durch die Oberfläche aus Kunststoffen schimmern sehen“.
Er habe lachen müssen, als er hörte, dass die Jury seinen fotografischen Blick gelobt habe, ohne zu wissen, dass der 24-Jährige Fotografiestudent im 7. Semester ist. Krutsch lebt seit 2007 in der Nordstadt. Die findet er sympathisch. Aber eben auch „nicht ganz schön“. So wie Druckstellen auf Fallobst. Und eben das war der Wettbewerbstitel.
Dass er jetzt dem Wort vor dem Bild Vorrang geben will? Krutsch wechselt nach dem Bachelor ans Literaturinstitut Leipzig, widmet sich einer möglichen schriftstellerischen Karriere und der Prosa. „Das eine so brotlos wie das andere“, zuckt er die Achseln zur künstlerischen Symbiose von Fotografie und Literatur, hat aber den ersten fotografischen Roman durchaus schon zusammengefügt. Die Neugier treibt ihn an. Krutsch: „Ich probiere gerne Dinge aus“. Und sich selbst.
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