Nur die Toten tragen keine Masken
01.03.2010 | 18:52 Uhr 2010-03-01T18:52:00+0100Sechs Ruhrgebiets-Theater, sechs Mal eine neue Sicht auf Homers „Odyssee” - beim Uraufführungsreigen der Odyssee Europa zelebrierte die Kulturhauptstadt am Wochenende die Vielfalt der Theater im Ruhrgebiet. Die von „raumlaborberlin” organisierte Reise machte zum Schluss lange Station in Dortmund
Sturmgeschüttelt kommen die Odyssanten im Depot an, dürfen nach viel geistigem Futter jetzt ihr Heldenmahl einnehmen. 400 Menschen, bei warmem Licht an zwei Tischen - die Odyssee verbindet.
Kurze Zeit später ist wieder Warten angesagt, bei stürmischem Regen, auf die U-Bahn, die ausgerechnet hier oberirdisch fährt. Die Odyssanten müssen echten Willen beweisen, ihre Reise zu Ende zu führen. Als die Bahn kommt, wird sie mit einem „Aaah” begrüßt. Und innen, da kann die Dame aus Düsseldorf ihrer Euphorie über die Kulturhauptstadt Ausdruck verleihen. Kann Steven Sloane, künstlerischer Direktor der Ruhr.2010, charmant den Damen um ihn herum einen Platz anbieten. Und kann eine Odyssantin frohgemut sagen: „Wir machen alles Verrückte mit!”
Aussteigen am Stadtgarten. Die Polizei hat die Straße gesperrt, für diese Demonstration von Theaterlust. Die modernen Reisenden haben es eben ein bisschen bequemer als Odysseus.
Die Vorlage „Odysseus, Verbrecher” des österreichischen Autoren Christoph Ransmayr hat Schauspieldirektor Michael Gruner glänzend inszeniert: Odysseus (großartig: Jakob Schneider), nach 20 Jahren voller Sehnsucht nach Frieden, hat keine Chance auf eine Heimkehr. Er trägt den Krieg in sich, ist nicht mehr derselbe. „Du hast mich allein alt werden lassen und Dich in der Ferne nach meiner Jugend gesehnt”, wirft ihm seine geliebte Penelope (Monika Bujinski) entgegen. An ein Puppenspiel erinnert die mobile, innen grell weiß leuchtende Bühne, in der die Darsteller mit fetzenartigen Papiermasken auf Plateausohlen oder Stelzen agieren, die Mimik nahezu ausgeschaltet. Sie sprechen schrill verzerrt, verfallen bisweilen in hölzerne Gesten, am Rande der Groteske. Kaum noch lebendige Wesen, die längst nicht mehr die Erde berühren. Nur die Toten, verkörpert in dem vielstimmigen Chor der Krüppel und Gefallenen, tragen keine Masken.
Odysseus wird die Stimmen derer, die er mordete, nicht los. Und muss schließlich weiter morden, das Blut fließen lassen. Dass er dabei seinen Sohn mitmorden lässt, diesen völlig naiven, krächzenden Knaben, der daraufhin dem Wahnsinn anheim fällt - das ist ein unverzeihliches Verbrechen.
Dass das Ensemble selbst unter Masken eine solche emotionale Dichte erzeugt, zeigt die Güte der Darsteller, der Inszenierung, auch des Textes.
Fotos: Matthias Horn
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