Milchbart und moderne Kunst
18.06.2009 | 18:28 Uhr 2009-06-18T18:28:00+0200
Der Countdown läuft: Nur noch zehn Tage wird das Museum am Ostwall (MO) ebendort sein - am Ostwall. Der Umzug in den „U"-Turm will es so. Damit enden sechs Jahrzehnte moderner Kunst an diesem Ort.
Auf also zur Zeitreise: Wir lassen Kreativcoups, Kunstsinnige und Katastrophen wieder aufleben, orientiert an den vier Direktoren des Hauses. Der Auftakt gehört einer Dame: Dr. Leonie Reygers.
Dortmund, nach dem Zweiten Weltkrieg. Leonie Reygers steht vor dem Nichts. Sie hat nur den Beschluss des Rates, der 1947 die Gründung des MO beschließt. Keine Sammlung. Kein intaktes Gebäude. Das ehemalige Oberbergamt am Ostwall ist 1944 in den Bombardements bis auf die Grundmauern zerstört worden. Reygers darf es wieder aufbauen - wenn sie Material und Arbeitskräfte organisiert. Als stellvertretende Leiterin des Museums für Kunst und Kulturgeschichte geschult, zeigt sie ihre resolute Durchsetzungskraft. Schon 1949 eröffnet das MO mit einer Ausstellung des Dortmunder Künstlerbundes - die Förderung regionaler Künstler liegt der Gründungsdirektorin am Herzen.
Fönwelle und schwarzumrandete Brille
Die unerschütterliche Frau mit der Fönwelle und der schwarzumrandeten Brille aber hat vor allem eine Mission: Die moderne Kunst - unter den Nazis als „entartet" diffamiert - wieder nach oben zu bringen. Da es aber an Geld fehlt, investiert Reygers in Grafik. 1957 gelingt ihr ein Coup, der das MO auf einen Schlag international bekannt macht: Reygers kauft mit Hilfe des des Dortmunder Bankiers Hermann Brökelschen die Sammlung des Industriellen Karl Gröppel. 187 überwiegend expressionistische Werke - darunter die „Brücke"-Künstler. „Sie hat die Basis für das Haus geliefert. Die expressionistische Sammlung ist heute noch Ausgangspunkt", sagt MO-Mitarbeiterin Regina Selter. „In den 50ern wurde Dortmund zu einem wichtigen Zentrum der klassichen Moderne", ergänzt Nicole Grothe. Reygers selbst, beseelt von den Ideen des Bauhaus, will mit der Kunst auch das Alltagsleben beeinflussen: „Denn die Kunst trifft nicht nur ästhetische, sie trifft auch sittliche und soziale Entscheidungen. Hier mit Nachdruck einzusetzen, ist eine der wichtigen Aufgaben."
Reygers will guten Geschmack fördern - und macht es wohnlich im Museum: Topfpflanzen, bequeme Stühle, Weihnachtsbäume lassen das Haus zum Heim werden. An Nierentischen, mit Likörchen und Zigarette, wird munter über die „Glaubwürdigkeit der modernen Kunst" zwischen den Werken debattiert - die heutigen Kuratoren würden sich die Haare raufen.
Kunst und Kinder wollte Leonie Reygers unbedingt zusammenbringen: 1962 kam es zur Gründung der ersten Kindermalstube Deutschlands.
In ihre Zeit fällt auch die Gründung der Vereinigung „Freunde Neuer Kunst” 1951, die das Museum ideell und materiell unterstützen. Angeregt vom Vorstand, kommt 1960 die „Stiftergesellschaft zur Förderung des Museums am Ostwall in Dortmund” hinzu. Die „Freunde” lösen sich später auf, die Stifter gehen 2001 in dem Verein „Freunde des Museums am Ostwall e.V.” auf.
Welche Bedeutung Reygers hatte, wird daran deutlich, dass sie vom Auswärtigen Amt beauftragt wird, die erste Ausstellung deutscher Expressionisten zu kuratieren. Diese reist mit 100 Werken von 1955 bis 1957 durch die USA.
Das MO verabschiedet sich mit einem großen Umzugsfest am 27. Juni von 16 bis 2 Uhr vom Ostwall.
Selbst eine Sammlung „Industrieller Formgebung" mit schicken Haushaltsgeräten und Mobiliar legt Reygers an - heute im MKK zu sehen. „Bildungslust und Neugier" will sie wecken und plant Pavillons als „lebendiges Schaufenster" für die Inneneinrichtung - mitsamt Milchbar. Doch die Stätte, an der Dortmunder schlürfend und mit Milchbart über Kunst diskutieren, wird nie gebaut. Dennoch: Reygers hat Großes geleistet - und ihre Fans hat sie heute noch. Max Pechstein „Dame in Grün" (1918) ist ein Beispiel für die bedeutenden Werke, die Dr. Leonie Reygers mit der Sammlung Gröppel ankaufen konnte. Reproduktionen: Franz Luthe Dr. Leonie Reygers war die Gründungsdirektorin.
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