Margaret Atwood: "Kehren wir zum Wesentlichen zurück"
19.03.2010 | 16:43 Uhr 2010-03-19T16:43:00+0100
Dortmund. Sie ist eine engagierte Umweltaktivistin, kämpft in ihren Romanen für die Rolle der Frau und mahnt gesellschaftliche Fehlentwicklungen an: Die kanadische Autorin Margaret Atwood gilt als Nobelpreis-Anwärterin. Am 21. März wird ihr in Dortmund der Nelly-Sachs-Preis verliehen.
Nadine Albach und Franz Luthe (Foto) trafen Margaret Atwood in Köln im Rahmen der Lit.cologne, bevor die Schriftstellerin am Sonntag in Dortmund den mit 15 000 Euro dotierten Nelly-Sachs-Preis verliehen bekommt.
Nelly Sachs ist eine besondere Schriftstellerin gewesen, die als Mahnerin gesellschaftliche Fehlentwicklungen anprangerte. Sehen Sie Parallelen zu sich?
Das ist eine der Sachen, die Schriftsteller machen können. Und über viele, viele Jahren haben sie es auch getan. Tatsächlich funktioniert einiges in der Bibel als Mahnung. Das ist sicherlich eine der Rollen, die Autoren annehmen können. Wenn ich etwa jungen Menschen schreiben beibringe, bitte ich sie, eine Lobpreisung und eine Anprangerung zu verfassen. Das Lob schreiben sie ohne Probleme. Aber andere anzugreifen - das wollen sie nicht. Sie empfinden es als unhöflich.
Haben Sie ein Problem damit?
Nein. Ich habe nur ein Problem damit, gemein zu Menschen im echten Leben zu sein - es sei denn, sie sind zuerst gemein zu mir.
"Es ist viel härter, etwas entgegenzutreten"
Der Nelly-Sachs-Preis wird an Menschen vergeben, die sich für Toleranz und Völkerverständigung einsetzen. Glauben Sie, dass Worte diese Macht haben?
Sie haben große Macht in die entgegengesetze Richtung. Man kann Hass provozieren. Man weiß aus neurologischen Studien, dass es viel einfacher ist, Angst anzustacheln als Vertrauen. Vertrauen braucht länger; Angst ist augenblicklich da. Einen hexenverbrennenden Mob zu provozieren, ist einfach. Dagegen anzustehen und zu sagen: „Das könnt ihr nicht machen” - das ist hart. Es ist viel härter, etwas entgegenzutreten.
In ihren Büchern vermitteln Sie aber den Eindruck, dass es noch Hoffnung gibt.
Sicher. Das ist nur viel schwieriger.
In „Payback“ bezeichnen Sie Geschichten als Erweiterung des menschlichen Gedächtnisses. Was sollen Menschen von ihren Texten erinnern?
Das kann man nicht diktieren. Jeder Lesevorgang ist eine einzigartige Begegnung von einem Leser und einem Text. Jeder Leser ist einzigartig. Man kann Wünsche haben, aber nicht bestimmen. Man kann es noch nicht mal vorhersehen. Es ist wie im echten Leben, wo man ein Gespräch führt und der andere einen völlig missversteht. Sie können sich vorstellen, was dann mit einem mehrschichtigen Text passiert.
"Zeichen sind eingefrorene Stimmen"
Was wünschen Sie sich denn, welche Beziehung Leser zu Ihren Texten haben sollen?
Ich wünsche mir dasselbe wie Beethoven. Er wollte, dass seine Musik auf Menschen trifft, die wissen, wie man sie spielt. Die Verbindung von Lesern zu Texten ist wie die von Musikern zu Notenblättern - sie übersetzen die Zeichen auf dem Papier zurück in Stimmen. Zeichen sind eingefrorene Stimmen. Wenn der Leser liest, werden sie zu echten Stimmen - wenn auch nicht zwangsläufig zu der des Autors. Sondern zu etwas Neuem.
Oft geben Sie Umweltthemen eine Stimme: Gab es eine Initialzündung?
Diese Themen bestimmen unsere heutige Welt. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Der Klimawandel wurde mir erst 1972 bewusst, als der Club of Rome seine Ergebnisse veröffentlichte. Aber die Verschlechterung der Umwelt konnte man schon lange sehen. Im Norden von Ontario ist ein Ort namens Sudbury. Dort wuchs nichts - es gab nur Felsen. Vor einigen Jahren sollte das verändert werden, weil niemand mehr dort leben wollte. Sie haben es geschafft, das Gebiet wiederzubeleben. Dieser Kreislauf des Negativen und Positiven begleitet mich schon lange. Man kann Umweltverschmutzung an vielen Orten sehen - genauso, wie Renaturierungen. Wenn man den Dingen erlaubt, sich zu erholen, wird die Natur wieder einziehen. Einer der besten Orte für die Tierwelt ist die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea - dort gibt es keine Menschen.
In ihren Texten kommen die Menschen ohnehin nicht sonderlich gut weg.
Wir sind wie eine gemischte Tüte: Es gibt einige sehr gute Dinge an uns - aber wir sind keine Engel. Wenn man sich in der Weltgeschichte umschaut, wird das sehr schnell deutlich.
Aber Sie sehen Hoffnung auf eine Wende im Umgang mit unserer Umwelt?
Das ist ein Problem, das sich auf die eine oder andere Weise löst. Entweder ändern wir unser Verhalten oder es wird für uns geändert. Ich bevorzuge den ersten Weg - der zweite wäre sehr unangenehm.
"Heute weiß jeder, dass wir Probleme haben"
Sie waren beim „World Economic Forum“ in Davos und sagten Sie hätten das Gefühl, es gäbe ein gewachsenes Bewusstsein unter den politischen Führungspersönlichkeiten…
Wenn ich da vor 15 Jahren gewesen wäre, wäre es etwas ganz anderes gewesen. Heute weiß jeder, dass wir Probleme haben. Das ist kein Geheimnis mehr. Ich war in der Klimawandel-Gruppe, die sehr intensiv über grüne Energie debattierte. Das hätte vor 15 Jahren niemand getan.
In ihrem aktuellen Buch „Jahr der Flut“ übernimmt die Privatwirtschaft die Macht. Ist das außer ihrer Perspektive realistisch?
Ja. Wo ist die Kutsche und wo das Pferd – wer steuert heute? Die Regierungen oder die Unternehmen? Diese Menschen sind nicht völlig verdummt und wissen, dass es Aufstände in der Bevölkerung gäbe, wenn das Gleichgewicht zu sehr gestört wäre. Aber es ist sehr interessant, das Handlungsschema zum Beispiel von Pharmaunternehmen zu beobachten. Sie geben Studien in Auftrag – wie objektiv können die sein? Und von den anderen, unabhängigen Studien hört man einfach nichts. Das wird an dem Punkt gefährlich, wo man stirbt, weil einem Informationen vorenthalten wurden.
"Es gibt nie nur einen Spieler"
Was für eine Chance sehen Sie für die Menschheit, diese Entwicklung aufzuhalten?
Es gibt nie nur einen Spieler in solchen Situationen. So lange wir demokratische Regierungsformen haben, mit gewählten Vertretern und einer unabhängigen Judikative, gibt es die Möglichkeit zum Beispiel Gemeinschaftsklagen einzureichen. Auch die Presse ist wichtig. Es wäre sehr traurig, wenn eine unabhängige Presse verschwände – dann würde man über nichts informiert. Und auch das Internet ist eine Chance, etwas herauszufinden – aber es ist sehr unzuverlässig, weil man nicht immer weiß, was wahr ist. Es gibt so etwas wie ein kollektives Bewusstsein, aber auch das hat gute und schlechte Seiten. Die Bauernaufstände im Mittelalter – waren die gut oder schlecht? Von beidem etwas. Und die Pest? Natürlich würde man sagen, dass sie schrecklich war. Aber für die, die überlebten, hatte sich die Situation deutlich verbessert. Es gibt also unerwartete gute wie schlechte Effekte. Lassen Sie uns einfach sagen, dass die menschliche Geschichte weitergeht und wir den Plot nicht vorhersagen können. Wir wissen, dass wir uns in einer Krise befinden und viele Menschen über Lösungen nachdenken. Der Punkt, an dem es keine Chance mehr gibt, ist erreicht, wenn wir die Atmosphäre so ruiniert haben, dass wir nicht mehr atmen können. Die Kakerlaken würden überleben.
In „Jahr der Flut“ gibt es viele religiöse Verweise wie die Gärtner Gottes und ihren Anführer Adam Eins. Welche Rolle wird die Religion in Zukunft Ihrer Ansicht nach spielen?
Die großen Religionen müssen verstehen, dass sie eine Position zur Umwelt haben müssen. Manche haben sie nie verloren, wie Buddhismus, Hinduismus oder Shinto in Japan. Das Christentum hat seine grünen Wurzeln im späten 17., 18. Jahrhundert verloren und wechselte zu einem mechanistischen Modell des Universums. Tiere wurden als Maschinen betrachtet, ohne Bewusstsein. Manche Menschen sprachen ihnen ab, dass sie Schmerz empfinden. Heute bewegen wir uns zu einer ganzheitlichen Sicht zurück. Was in den letzten 20 Jahren über tierische Intelligenz herausgefunden wurde, ist erstaunlich. Menschen erkennen, wie schlau Tiere eigentlich sind. Unsere Verbindung zum Rest der Natur wird mehr akzeptiert als noch vor 100 Jahren. Wenn die Religion das nicht erkennt, wird sie sehr schnell irrelevant sein.
Sie sind also nicht religiös?
Nicht in einem konventionellen Sinne. Aber man wäre dumm zu denken, dass man das schlaueste und größte Lebewesen auf dem Planeten ist.
"Schriftsteller werden einfach vorgeschoben"
Werden Sie jemals müde zu kämpfen?
Ich denke, ich habe nie gekämpft. Ich glaube, Schriftsteller werden einfach vorgeschoben, weil sie keine Jobs haben. Sie sagen Dinge lauter, die andere denken, aber nicht aussprechen, weil sie Angst haben, ihre Jobs zu verlieren. Aber ich habe das Gefühl, überarbeitet zu sein. Als hätte ich fünf verschiedene Jobs. Viele Menschen wollen, dass ich noch mehr tue und ich muss sehr oft ablehnen.
Sie führen zwei Leben - in Toronto und, jeden Sommer, in einer Hütte ohne Strom und fließendes Wasser. Warum ist Ihnen diese Balance wichtig?
Warum sollte es irgendwem wichtig sein, Kontakt zur Natur zu haben? Weil das der Ort ist, wo wir wirklich leben. Die Menschen haben sich nicht in Hotelzimmern entwickelt. Solche Zimmer, elektrisches Licht, Hühnchen aus dem Supermarkt sind relativ neu für uns. Das, was für uns essentiell ist, die Dinge, die wir zum Überleben brauchen, stecken in keinem Hotelzimmer. Es ist wichtig zu verstehen, dass alles was wir essen, trinken und atmen, nicht wirklich von uns gemacht wurde. Kehren wir zum Wesentlichen zurück.
Fotos: Franz Luthe
Der Nelly-Sachs-Preis wird am Sonntag, 21. März, im Dortmunder Rathaus verliehen. Die Verleihung ist öffentlich.
- Margaret Atwood: Das Jahr der Flut. ISBN-13: 9783827008848. 22 Euro. Berlin Verlag
- Margaret Atwood: Payback. ISBN-13: 9783833306570. 8.95 Euro. Berlin Verlag.
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