Lieber Qualität
19.01.2012 | 18:58 Uhr 2012-01-19T18:58:00+0100
Dortmund. Kritiker haben ihr das Zeug zur Weltkarriere attestiert. Aber Eleonore Marguerre will nicht den kurzen Kick – sondern die Chance, ihre Stimme zu entwickeln wie in „Cosi fan tutte“.
Kritiker haben ihr das Zeug zur Weltkarriere attestiert. Und tatsächlich hat Eleonore Marguerre schon an der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala oder der Semperoper Dresden gesungen. Aber sie will nicht den kurzen Kick – sondern die Chance, ihre Stimme zu entwickeln. Die bietet Opernintendant Jens-Daniel Herzog ihr in Dortmund, ab Samstag als Fiordiligi in „Cosi fan tutte“.
Knallrot leuchtet Eleonore Marguerres Pullover an gegen die Tristesse draußen. Ihr Lächeln ist strahlend, ihr Blick offen, aufmerksam. Sie wirkt im besten Sinne bodenständig. Und doch hat sie schon an berühmten Häusern als Königin der Nacht geglänzt, in Genf den Höhepunkt ihrer Karriere erlebt. „Die Stationen habe ich schon alle abgefrühstückt“, kommentiert die 34-Jährige lapidar die Aufzählung all ihrer Auftrittsorte. „Aber, wenn man sich nicht verändert, bleibt man irgendwann an diesen Rollen kleben.“ Eleonore Marguerre will sinnbildlich heruntersteigen von den ganz hohen Tönen, sich zumindest als dramatischer Koloratur-Sopran oder lyrischer Sopran etablieren.
Hartes Geschäft
Das Operngeschäft aber ist hart: Wer einmal in einem Bereich Erfolg hatte, darf sich nur schwer auf dem gleichen Niveau verändern. „Der Markt ist brutaler geworden“, bestätigt Marguerre, die auch von einem „Zirkus“ spricht. Der Glanz, der Glamour, der sei nur ganz an der Spitze, wo Menschen wie Anna Netrebko sich tummeln. „Aber da ist auch der Druck riesig. Das wollte ich nicht haben.“
Eleonore Marguerre hingegen will Zeit bekommen, sich zu beweisen, sich den Zuschauern in ihrer stimmlichen Bandbreite zu präsentieren. „Außerdem ist die Maske in Dortmund viel besser als die in der Mailänder Scala“, sagt sie und lacht herzlich.
Möglich, dass Marguerres Hintergrund ihr so viel Bodenhaftung schenkt: Die Mutter hat als Schauspielerin gearbeitet, zahlreiche Verwandte sind als Musiker unterwegs. Und Eleonore soll schon als Kind verkündet haben, dass sie Opernsängerin werden wolle. Was vielleicht sogar eine Trotzreaktion war: „Ich musste in so viele Kammerkonzerte gehen, dass ich mehr Beethoven Streichquartette gehört habe, als mir lieb ist.“ Trotzdem, als es ernst wurde, konnte sie sich zunächst nicht entscheiden zwischen Schauspiel und Gesang, hatte sich gar zur Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule angemeldet – fuhr dann aber nicht hin.
Spielfreudig und stimmstark
Zum Glück für die Zuschauer von „Cosi fan tutte“, die nun erleben können, wie wandlungsfähig und spielfreudig, vor allem aber stimmstark Marguerre ist. „Das ist eine sehr umfangreiche Partie. Ich bin fast durchgehend auf der Bühne“, sagt die Sängerin, die eine der Frauen spielt, die von ihrem Verlobten auf ihre Treue geprüft wird. „Jens-DanielHerzog hat viele gute, spritzige Ideen“, findet Marguerre, die mit dem Opernintendanten vereinbart hat, mindestens eine Produktion pro Spielzeit in Dortmund zu spielen – einige Zuschauer kennen sie schon aus Eliogabalo.
Ihr Auftritt in Cosi fan tutte derweil hat schon den härtesten Kritikertest bestanden: Ihr vierjähriger Sohn hat die Probe gesehen und für gut befunden – nur die Männer, die sollten seine Mama doch in Ruhe lassen.
0mitdiskutieren