Das aktuelle Wetter Dortmund 14°C
Ruhr.2010

Jochen Gerz und sein Projekt "2-3 Straßen"

09.10.2009 | 06:45 Uhr
Jochen Gerz und sein Projekt "2-3 Straßen"

Dortmund. Drei Städte, drei Straßen und 70 bis 80 Menschen, die für ein Jahr mietfrei wohnen - das sind die Zutaten, aus denen Jochen Gerz 2010 für die Kulturhauptstadt ein Kunstwerk schaffen will, das jeden Rahmen sprengt. „2-3 Straßen” heißt das Projekt. Dortmund ist mit dabei.

Der Künstler Jochen Gerz besucht den Borsigplatz, um für sein Projekt "2 - 3 Straßen" Wohnungen zu suchen, in denen Kunstinteressierte für ein Jahr Wohnen und ihre Eindrücke in einer Art Tagebuch dokumentieren. Foto: Franz Luthe

Eine Straße am Borsigplatz in Dortmund wird im Kulturhauptstadtjahr 2010 zur Kunst. Jochen Gerz will viel und sagt es kurz: Mit möglichst wenig Einfluss möchte er das Klima und die Identität einer Straße verändern. Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr tragen diese Vision mit und stellen leerstehende Wohnungen bereit. In Duisburg und Mülheim stehen die bereits fest, sind auch schon die ersten Räume bezogen - in Dortmund aber dauerte allein die Straßenauswahl. Nicht sonderlich spektakulär oder sehenswürdig sollte sie sein. Rheinische Straße und Brückstraße waren im Gespräch - jetzt hat sich die Stadt auf den Bereich zwischen Borsig- und Oesterholzstraße festgelegt.

Ein Jahr mietfrei

Info
Kultur

-Trotz der Finanzmisere Dortmunds ist Gerz nicht beunruhigt was die Beteiligung der Stadt angeht.

- Circa 1,3 Millionen Euro koste das Gesamtprojekt. Dortmund soll sich nach Informationen unserer Zeitung mit 150 000 Euro beteiligen.

- 2-3Straßen ist ein Ruhr.2010-Projekt, das in NRW von der Staatskanzlei, dem Ministerium für Bau und Verkehr, Wirtschaftsministerium, Kultursekretariat und Kunststiftung unterstützt wird.

- 18-20 Mitarbeiter engagieren sich. Info gibt es hier.

Dort leben die Kulturfreunde ein Jahr mietfrei und erschaffen ein interaktives Werk; Texte, die schlicht nach Zeitpunkt der Entstehung aneinander gesetzt werden zu einem Unendlichen, an dem auch die Besucher der Straßen mitwirken können. Die neuen Bewohner der 2-3 Straßen kommen aus verschiedenen sozialen Hintergründen, Generationen, auch Ländern: Mitmachen darf, wer sich schnell gemeldet hat und die größte Motivation gezeigt hat.

Gerz, der in Dortmund mit dem „Geschenk” für Furore sorgte, will ein riesiges, lebendes Kunstwerk schaffen: Er fragt, ob die Realität durch geistige, inhaltliche Einflüsse verändert werden kann, ob Menschen - „und zwar nicht der Kunstspezialist” - aktiv an einem solchen Prozess mitwirken können. „Ist das, was, wir als Kultur oder Kunst betrachten, etwas was in einer direkten Auseinandersetzung in der Wirklichkeit stattfinden kann oder brauchen wir dazu die Vermittlung des Museums?”

Begriff der Kunst in Frage stellen

Mit „2-3Straßen” stellt Gerz den Begriff der Kunst selbst in Frage: Er will weg von „Tafelbild, Zeichnung, Skulptur”, will die Menschen aus der Rolle des Betrachters reißen und ermutigen, in ihrem „eigenen Leben kreativ zu sein”. Hinter seiner Arbeit steckt letztlich eine zutiefst demokratische Überzeugung: „Ich glaube, dass die Leute sich gern engagieren würden und dass die Kunst dafür ein Terrain sein kann.” Mehr Risiko, Eigenverantwortung, Engagement sind seine Stichworte. Er als Künstler tritt aus dem Rampenlicht- „ohne die Menschen kann die Arbeit nicht entstehen.

„2-3 Straßen” ist im Grunde ein idealistisches Stadtentwicklungsprojekt: Inspiriert von der „Besucherschule” 1972 auf der documenta will Gerz eine andere, aktivere Wahrnehmung der Wirklichkeit schulen. Die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen ist der Motor: „Im Paradies würden nicht sehr viele Bilder gemalt.” Ein Scheitern nimmt Gerz in Kauf: „Das finde ich das beste an der Kunst, dass sie dadurch nicht schlechter wird, dass sie scheitert.”

Nadine Albach

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/11168/create

UMFRAGE

Sollen Stehplätze in Fußballstadien abgeschafft werden?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Layla Zoe in Dortmund
Bildgalerie
Piano
1Live-Nacht in Dortmund
Bildgalerie
Party
Kraftklub im Piano
Bildgalerie
1Live-Nacht
Gossip im FZW Dortmund
Bildgalerie
1Live-Nacht
Aus dem Ressort
Kulturaktivisten von UZDO gründen Netzwerk X
Kulturpolitik
Sie sind mit einem Paukenschlag auf der Bildfläche aufgetaucht – mit der Besetzung der Kronenbrauerei. Danach wurde es ruhig um die Aktivisten von UZDO. Bis heute: die Kulturkämpfer sind zurück und wollen in dem neuen „Netzwerk X“ erneut Alarm schlagen.
Lange Extraschicht in Dortmund an acht Orten
Industriekultur
Mit acht Spielorten stellt Dortmund den größten Programmteil zur Extraschicht, der Nacht der Industriekultur. Rund 200 000 Besucher werden sich am Samstag, 30. Juni, zur Entdeckungsreise durch die Industriekultur des Ruhrgebietes aufmachen.
Foto