Harte Worte eines Theater-Freunds
09.09.2010 | 19:32 Uhr 2010-09-09T19:32:00+0200
Dortmund.„Dortmund hat genug Geld für Kultur. Es wird nur falsch ausgegeben“ - das ist das Fazit eines aufrüttelnden Vortrags, den Prof. Michael Hoffmann vor dem Lions-Club Rothe Erde hielt. Seine Analyse: Zwischen Theater und Konzerthaus fehle die Absprache, die Personalkosten im Theater seien zu hoch und die Kartenpreise zu niedrig.
Um die Brisanz von Thesen zu beurteilen, spielt nicht nur ihr Inhalt eine Rolle - sondern auch, wer sie vorträgt. Prof. Michael Hoffmann ist Vorsitzender der Theater- und Konzertfreunde, wollte seinen Vortrag aber als den einer interessierten Privatperson verstanden wissen. Trotzdem gewinnen seine Vorschläge natürlich auch Brisanz durch seine Position, die sich nicht einfach ausblenden lässt.
Hoffmann ließ Zahlen sprechen, die er aus Ratsunterlagen und Gesprächen mit Konzerthaus- und Theaterführung gewonnen hat. Vier Millionen Umsatz mache das Theater in einer Spielzelt mit zu 100 Prozent eigenen Veranstaltungen, die 220 000 Besucher anschauten. Es erwirtschafte einen Fehlbetrag von 25,8 Millionen Euro. Der liegt im Konzerthaus nur bei 5,1 Millionen - bei einem Umsatz von 3,6 Millionen Euro und 195 000 Zuschauern, allerdings nur mit 60 Prozent Eigenveranstaltungen.
Um den Fehlbetrag auf Null zu bringen, müsste das Konzerthaus nach Hoffmanns Berechnungen den Preis pro Karte um 26 Euro im Schnitt erhöhen, das Theater um satte 111 Euro. Das findet auch Hoffmann zu viel, schlug aber angesichts der geringen Eintrittspreise im Theater eine moderate Erhöhung vor.
Zweiter Kritikpunkt: Die Personalkosten am Theater (circa 30 Mio.), die nur zu einem geringen Teil (8 Mio.) in die Kunst flössen. Zudem würden die künstlerischen Etats seit Jahren um drei Prozent gekürzt, während die Tarifgehälter stiegen. Hoffmann sieht „Rationalisierungspotential beim Personal“ etwa in der Verwaltung und durch den Ausstieg aus dem Tarifgefüge. Viel mehr könne man Ehrenamt nutzen und Bezieher von Transferleistungen (etwa Hartz IV) für die Arbeit an der Kultur bewegen.
Hoffmann fordert einen Generalintendanten, der einen langfristigen Plan für das Theater entwickelt: Während Opernintendantin Christine Mielitz drei bis vier Inszenierungen machte, habe sich Nachfolger Jens-Daniel Herzog nur zu zweien verpflichtet. Hoffmann stellt in Frage, ob dies genug sei für die Formung eines Ensembles. Kritik äußerte er auch an der mangelnden Absprache zwischen Konzerthaus und Theater, die teils zu identischen Angeboten führe. Auch die vorhandenen Ressourcen müssten besser genutzt werden - zum Beispiel durch eine stärkere Einbindung der Philharmoniker bei Klangvokal,
Harsch ging er auch die Politik an, die nicht nach dem Stellenwert der Kultur handele: „Offenbar kann die Mehrheit der Ratsmitglieder weder mit Geld noch mit Kultur umgehen.“
23:27
Die Gegendarstellung der Kollegen vom Theater Dortmund zeigt, dass es schnell zu Missverständnissen führen kann, wenn man über Kommentarfunktionen im web kommuniziert. So sehr wir, ich und mein Kollege Herr Feldkamp, das demokratische Mittel solcher Kommentare als bürgernahe Meinungsäußerung begrüßen, so problematisch kann es verlaufen, wenn ernsthafte und komplexe Debatten über dieses Medium transportiert werden. Das erlebt man ja immer wieder, dass dann Missverständnisse entstehen. Daher möchten wir konstatieren, dass unsere Äußerungen nicht dazu gedacht waren, zu Konflikten herauszufordern. Der Rahmen unserer gemeinsamen Projektreihe bietet genug Zeit und Raum, an den gestellten Fragen gemeinsam und produktiv zu forschen - für die Zukunft des Theaters und die Zukunft der Stadt Dortmund. Und nur in dieser Weise waren unsere Anmerkungen gemeint, doch fehlt der Raum, die Argumentation hier näher nachzuvollziehen. Daher werden wir die Diskussion gerne in einem anderen Medium fortführen. Dies nur in Kürze als Antwort an dieser Stelle.
P.S. Ausführlicher im Netz gerne auf meinem blog unter http://briegwitz.ifuk.org/
17:28
STELLUNGNAHME bezüglich der Koproduktion zwischen Schauspiel Dortmund und dem Institut für urbane Krisenintervention im Rahmen der Projektreihe „Stadt ohne Geld“: Die von unseren Projektpartnern Marcel Briegwitz und Hendrik Feldkamp an dieser Stelle vertretenen Positionen bezüglich der Zukunft des Theaters werden weder von der Dramaturgie und künstlerischen Leitung des Schauspiel Dortmund, noch von den Künstlergruppen kainkollektiv und sputnic geteilt. Wir bekennen uns zum Theater als Ort künstlerischer Praxis, deren Freiheit – ähnlich der Freiheit von Forschung und Lehre an den Universitäten – grundgesetzlich geschützt ist. Die Forderungen des IfuK bedeuten in nuce die Umwandlung des Stadttheaters in einen Durchlauferhitzer für ökonomische und standortpolitische Interessen. Gegen diese Entwicklung möchten wir uns nachdrücklich aussprechen. Wir sprechen uns auch dagegen aus, die Zielsetzungen im Kontext einer solchen wichtigen und komplexen Theaterdebatte, welche u.a. auch das Forschungsprojekt „Stadt ohne Geld“ betrifft, nicht auf Schlagworte und Kurzkommentare zu reduzieren. Damit wird man weder dem Theater der Gegenwart, noch der Erforschung von Modellen für ein „Theater der Zukunft“ gerecht.
17:17
Ich möchte im Rahmen dieser Disskusion mal erwähnen, dass das Theater sehr wohl darum bemüht ist alle Sozialschichten an zusprechen, ich erinnere nur an die Operazzi-Projekte. Ich für meinen Teil bin Studentin und gehe sehr gerne in das Dortmunder Theater, wenn man aber nun die Kartenpreise nochmals hochstetzt, dann werde ich mir diesen Luxus wohl nicht mehr leisten können. Man sollte bei einer Preiserhöhung immer daran denken, welche Zielgruppe man damit ansprechen möchte. Macht es Sinn die Preise an zuheben und damit einen Teil des Publikums zu verlieren oder macht es mehr Sinn die Preise bei zubehalten (oder sogar zu senken) und mehr Werbung zu betreiben um weitere Zielgruppen in das Theater zu bekommen? Meiner Meinung nach ist das Theater sehr sinnvoll!
12:39
Ich möchte meinem Kollegen Herrn Feldkamp beipflichten - Hoffmanns Argumentation ist zwar ehrenwert, aber leider etwas altbacken. Man muss ganz neue Ansatzpunkte im Verhältnis von Kultur und Wirtschaft entwickeln, neue Modelle kreieren, die weit über die konventionellen Spar-, Umverteilungs- und Personaldebatten hinaus reichen. Nicht die Überlegung, Hartz IV-Empfänger als Billigkräfte einzuwerben ist zukunftsweisend - das bewegt sich viel zu sehr in den Konventionen des alten Sozialstaatsdenkens. Sondern wie aus Hartz IV-Empfängern qua Kreativ- und Kulturwirtschaftlicher Ansätze ein erfolgreicher Kleinunternehmer werden kann, der nicht vor allem wenig kostet, sondern der vielmehr Rentabilität steigert und Gewinn erzielt, das ist die Frage. Die eigene Kreativität - ein Potential, über das jede/r verfügt, was wir spätestens seit Beuys sprichwörtlicher Wendung Jeder Mensch ist ein Künstler wissen - zu einer zukunftsfähigen und gewinnbringenden Ressource zu mobilisieren, wird nicht nur den Einzelnen zu einem souveränen Zukunftsakteur machen, sondern auch die Städte in neuem Maße florieren lassen. Darüber muss nachgedacht werden. Herr Hoffmann sollte sich in dieser Richtung neuen Denk- und Forschungsansätzen öffnen. Seine Überlegungen greifen zu kurz.
09:33
Herr Hoffmanns Thesen gehen nicht weit genug. Man muss zusehen, dass wir die Theater wieder auf ihren konkreten Nutzen befragen. Wie können sie der lokalen Wirtschaft konkret helfen? Wie können sie effizienter und vor allem für die Gesellschaft sinnvoller werden? Brauchen wir diese alten Texte überhaupt noch? Wem nützt das? Brauchen wir nicht vielmehr große, intellektuell und kulturell gestützte Thinktanks, die wie ein Marktplatz der Ideen mitten in der Stadt funktionieren? Besuchen Sie uns auch auf unser Homepage: www.ifuk.org.
09:27
Jack Daniels: Ein Theater ist nicht einfach für den Spass einer Elite da, sondern ein Theater, wie ich es verstehe, ist für alle da und dafür, gerade den herrschenden Klassen ihre Abgründe aufzuzeigen. Alles in allem ist das Geld, was für Kultur ausgegeben wird, so gering (ca. 2% des Bruttosozialprodukts bundesweit), dass durch Einsparungen in der Kultur nichts gewonnen werden kann. Das wäre bloss als wenn ein Mann, der mit 800.000 Euro verschuldet ist, sein Zeitungsabo kündigen würde. Wir dürfen nicht Kultur gegen Soziales ausspielen sondern müssen sehen, wo die wirklichen Verbrecher sitzen: in den Führungsetagen der großen Banken z.B.
08:12
Vier Millionen Euro Umsatz und knapp 26 Millionen Verlust dabei! Und dann sollen auch noch Hartz-4 Empfänger dort kostenlos arbeiten, damit eine kleine Elite weiterhin zu günstigen Preisen ihren Spass haben kenn??? Mein Gott wo leben wir eigentlich??
01:06
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22:26
@ #1
Man sollte den Satz umstellen: Wir haben einen Kämmerer, der gleichzeitig meint, er verstünde was von Kunst.
20:30
Na - wengistens haben wir eine Kulturdezernenten, der gleichzeitig auch Kämmerer ist....