Interview
Gunter Gabriel: "Johnny Cash war mein Navigator"
12.01.2010 | 06:22 Uhr 2010-01-12T06:22:00+0100
Dortmund. Sein Song „Hey Boss, ich brauch' mehr Geld” machte ihn vor vielen Jahren bekannt: Gunter Gabriel. Nach Alkoholproblemen hat er ein beeindruckendes Comeback hingelegt. Vor seinem Konzert am Sonntag, 17. Januar, in Dortmunds „Piano” sprach Redakteur Andreas Winkelsträter mit ihm.
Nach ihrem Maschinenbau-Studium Studium haben Sie sich der Musik verschrieben. Warum?
Gunter Gabriel: Musik wollte ich immer machen. Aber ich wusste den Weg dahin nicht. Das fängt ja alles als junger Bengel, mit zwölf, dreizehn Jahren mit einem Traum an. Wie das läuft, wie man dahin kommt, das weiß man nicht. Es ist ja auch ein langer Weg des Erfahrungensammels, der Abweisung, des Wiederzuschlagens, Hinten-Wieder-rein-Gehen. Musik hat mein Leben immer beeinflusst. In den dunklen Stunden nach dem Krieg in unserer Arbeiterfamilie. Da war Musik für mich immer ein Ventil. Das ich das professionell machen werde, hab ich nicht gedacht. Heute hab ich ja Selbstbewusstsein, aber nicht als ich anfing. Und ich wusste auch gar nicht, wie man einen Song schriebt. Denn ich war ja immer mehr am Songschreiben interessiert. Und die Leute haben mich auch immer mehr interessiert als die Sänger. Also, ,Wer hat Blue Suede Shoes für Elvis geschrieben?' ,Oder wer hat That's Allright Mama’ geschrieben. Mich haben immer die Macher interessiert. Bei Filmen ist das genauso. Wer hat das Drehbuch geschrieben. Das war die Kraft, etwas zu machen, das meins ist. Durch Elvis kam das alles. Denn das war was anderes als der angesagte Schnulzenkram in Deutschland. Selbst eine Gitarre zu haben, nachzusingen. Dann hat man gemerkt, was Musik bedeuten kann.
Sie sagten, das Hinten-Wieder-Rein-Gehen”. Zeichnet Sie Beharrlichkeit aus?
Gabriel: Unbedingt. Das zeichnet auch Sportler aus. Immer wieder von vorne anfangen. Das ganze Leben ist im Grunde genommen so. Du bekommst ja nichts mehr geschenkt. Oder besser gesagt: Du hast noch nie was geschenkt bekommen.
Musikalisch ist die Country-Musik Ihr Zuhause...
Gabriel: Das war nicht immer so. Wenn ich heute so mein Tagebuch durchblätter, dann war da früher auch der französische Einfluss, obwohl ich kein Französisch konnte. Charles Aznavour, Gilbert Becot, Edith Piaf oder Jaques Brell. Freunde sagen immer, es kann doch nicht sein, dass Du die ganzen Haudegen kennst. Doch als Student hat mich das alles interessiert. Das globale Musikalische hat mich interessiert. Ich war nicht von Anfang an auf Country. Das kam durch einen Zufall durch meinen Job bei der CBS als Pressemann Anfang 70er Jahre. Da kam ich in Berührung mit Promotorn, die mit dne echten Musikern zu tun hatten. Und natürlich war auch Johnny Cash bei CBS da. Den hab ich da kennengelernt, oder Carlos Santana. Da kam die Nähe zu den Leuten zustande. Da war mein Glück. Der Reiz der Countrymusik ist die Story, Country ist eine Storymusik. Es ist nicht so wie beim Rock. Die Geschichten haben mich immer interessiert.
Welche Bedeutung hat Johnny Cash für Sie?
Gabriel: Ja, die wichtigste im Überblick gesehen. Er war ein Inspirator und hat mir gezeigt, wie man mit drei Harmonien eine gute Geschichte erzählen kann. Das entscheiden war, dass ich mit ihm auch die beste Verbindung hatte, mehr als mit Willie Nelson oder Kristoffersen. Die engste Beziehung hatte ich zu Cash, eher durch Zufall. Die engere Beziehung hatte ich eigentlich zu seiner Frau, June Carter. Die haben die Bekanntschaft zu mir gepflegt, haben sich immer bei mir gemeldet, wenn sie in Deutschland waren. Und sie hat das immer gefördert, bis zum Schluss. Ich bin bei ihnen zu hause gewesen, bin aufgenommen worden wie ein Sohn. Und das, obwohl ich kaum Englisch sprechen konnte. Dise Beziehung mündete in das Höchste, dass ich kurz vor seinem Tod noch ins einem Studio war. Die Initiative kam von ihm. Er hat mir immer gesagt: ,Mach mehr Songs von mir in Deutsch, damit die Leute verstehen, um was es geht’. Ich war damals jedoch in einer psychisch so schlechten Verfassung, dass ich das gar nicht machen konnte. Dabei hab ich 2003 gar nicht realisiert, dass das Ende für ihn so nahe gekommen war. Als ich ihn sah, das war erschreckend. Johnny Cash war mein Pfadfinder, mein Navigator im wahrsten Sinne des Wortes. Ich wollte ihn nie imitieren. Ich hab von ihm einfach nur gelernt.
Wenn Sie an die Zeiten von „Hey Boss, ich brauch' mehr Geld” zurückdenken. Was war der große Unterschied zu heute?
Gabriel: Damals gab es nur drei Fernsehsender. Das war gut. Mit „Hey Boss” hab ich übrigens nie geglaubt, dass der mal so aktuell sein könnte wie heute. Ein Phänomen der Countrymusik. Es gab die Hitparade, die Disco, für die Beatleute den Beatclub. Wenn Du in den Sendungen drin warst, der Song gut war, dann ratterte am Montag die Kasse, riefen die Veranstalter an. Wenn ich damals auftrat, passierte sofort was. Heute, durch die Vielfalt, verplätschert das alles. Zudem werden Platten nachgebrannt. Das ist das Tragische.
Sie sind ja nicht nur als Sänger bekannt, sondern auch als Songschreiber. Hätten Sie einen Song im Nachhinein lieber für sich als für andere geschrieben?
Gabriel: Ne, eigentlich nicht. Es gibt ein paar Sachen, die ich heute auch selber singe. Aber damals war ich eher ein Mädchen-Schreiber. In dem Verlag Meise war ich als Auftragsschreiber tätig, wie damals Ralph Siegel, da hat übrigens auch Bohlen angefangen. Und die hatten mehr Mädchen unter Vertrag. Juliane Werding, die war mir ähnlich, emanzipiert. Wencke Myhre. Weniger Jungs. Klar, ich hab auch für meinen damaligen Gitarristen Frank Zander geschrieben. Sie Songs waren aber immer direkt auf den Leib der Künstler geschrieben. Und keiner war so ähnlich wie ich. Ich hab die nur deshalb gesungen, weil es keinen anderen Sänger dafür gab. Ich wollte ja gar nicht mehr als Sänger auf die Bühne. Meine Ehe war kaputt. Ich wollte ein ganz normales, scheiß spießiges Leben leben. Meine Ehe wollte ich retten, nur noch im Studio arbeiten. Und plötzlich hatte ich die Songs an den Hacken ,Ich werd gesucht in Bremerhaven', ,Me and Bobby McGee' und andere. Aber wir hatten keinen Sänger dafür. Mein Geschäftspartner Meise hat dann gesagt: Sing' sie selber. Ich hab nie gedacht, dass das so losgehen wird.
Wie ist es zu dem neuen Album „German Recordings - Ein Sohn des Volkes” gekommen?
Gabriel: Zufall. Zufall. Ich wäre da nie drauf gekommen. Nebenbei gesagt: Ich habe immer Coverversionen gesungen. Es war durch die bekloppte Wohnzimmertour. Dadurch, dass ich im Fernsehen sagte, ich hab 500 000 Miese, Steuerschulden. Ich mach euch jetzt mal vor, wie man die wegbekommt. Total bescheuert. Das sah die Chefin von Warner Brothers Rita Flügge-Timm und es sah Werner von Moltke, Chef der Bravo. Die beiden hatten die Idee. von Moltke hab ich dann ein halbes Jahr später in der Autobahnraststätte Geiselwind an der A 3 beim Frühstück getroffen. Natürlich hab ich das nicht ernst genommen, als er sagte: Hallo, ich weiß was. Durch seine Beharrlichkeit hat er so rumgenervt, dass ich gesagt habe: OK, ich mache das. Nun haben wir mehr aufgenommen als auf dem ersten Album zu hören ist.
Also wird es noch ein zweites Album geben?
Gabriel: Es wird eins geben. Das ist jetzt schon klar.
Gibt es ein Lieblingsstück?
Gabriel: Mehrere. Mit der Zeit gefallen mir die Songs mehr und mehr. anfangs war mir das alles fremd. Mein Lieblingsstück ist „Ich bin ein Nichts” von Radiohead. „Haus am See” finde ich auch in der Bluesversion supergut, vor allem auch wegen der Texte. Und dann „Nie wieder warte ich so lang”, dass man seine Träume nicht werweiß wohin schieben soll, sondern sie jetzt verwirklichen soll. Es sind viele philosophische Songs dabei.
In Dortmund wird es aber ein Best of Gunter Gabriel geben?
Gabriel: Ja, auf jeden Fall. Das aktuelle Album ist der Grundstock. Der neue Songs, aber ich lebe auch von den alten Songs. Wir habe ne tolle Band. Alles Musiker, die 40 Jahre jünger sind als ich. Könnten alles meine Söhne sein (lacht herzhaft). Nein, das ist wirklich eine wundervolle Band. Das macht den Zuhörern sicher Spaß.
13:07
Gilbert Bécaud schreibt der sich ... sind die Zeitungsschreiber von heute nicht mal mehr in der Lage in der Wikipedia nachzuschauen?
Die anderen Rechtschreibfehler könnt Ihr behalten. Das tut echt weh.
07:48
Schlimm, diesen albernen versoffenen Clown, der Frauen schlägt und sich für keine Bierzeltparty zu schade ist, mit Johnny Cash zu vergleichen, der dürfte sich gerade im Grabe umdrehen.