Gipfeltreffen endet mit Patt
07.06.2011 | 19:43 Uhr 2011-06-07T19:43:00+0200
Es war ein bislang nie dagewesenes Gipfeltreffen zwischen Theater und Politik. Die Podiumsdiskussion der Theater- und Konzertfreunde zum Sparzwang am Theater zeigte deutlich: Alle Seiten lieben das Dortmunder Theater, die Künstler sogar so, dass sie sich dafür ausbeuten – aber mehr Geld wird es nicht geben.
„Unter den zehn größten Städten Deutschlands gibt es kein anderes Haus, das mit ähnlich geringen Mitteln arbeitet.“ Kulturdezernent Jörg Stüdemann räumte im Schauspiel ein, dass von den 30,138 Millionen Euro städtischem Zuschuss (10 Millionen weniger als Essen, wo jedoch auch Kürzungen drohen) zu wenig für die Kunst bliebe. Die Situation sei „an der einen oder anderen Stelle eine Zumutung“ für die Künstler. Die Fixkosten für Technik, Werkstätten und Administration mit 40 bis 45 Prozent des Etats seien hoch aber unabdingbar, wie auch Bettina Pesch, die geschäftsführende Direktorin, bestätigte. Unmissverständlich machte Stüdemann aber klar, dass die Stadt nicht mehr zahlen kann: „Wir müssen den Haushalt genehmigungsfähig halten.“
Immerhin sprachen sich alle Vertreter der fünf Ratsfraktionen einhellig gegen weitere Kürzungen am Theater aus: Carla Neumann-Lieven (SPD), Dr. Jürgen Eigenbrod (CDU), Ulrike Märkel (Grüne), Heinz Dingerdissen (FDP/Bürgerliste) und Thomas Nueckel (Linke) unterstrichen die unverzichtbare Kulturarbeit des Hauses. Dingerdissen bezeichnete die 4,1 Prozent (circa 72 Millionen), die der Kulturetat insgesamt im städtischen Haushalt ausmache, als „lächerlich“ – die Stadt hätte sich kein „U“ mehr leisten sollen.
Die Spartenleiter Kay Voges (Schauspiel), Jens-Daniel Herzog (Oper), Andreas Gruhn (Kinder- und Jugendtheater), Xin Peng Wang (Ballett) und Jac van Steen (Philharmoniker) unterstrichen eindrucksvoll, welche Selbstausbeutung die Künstler teils betreiben und unter welchen erschreckenden Umständen sie arbeiten müssen. Noch könne man Sänger oder Schauspieler trotz geringer Gagen mit der Aufbruchstimmung locken, so die beiden Neustarter Voges und Herzog. „Aber auf Dauer geht sowas nicht gut“, sagte der Schauspieldirektor. „Da ist es fast wie ins Gesicht gespuckt, wenn jemand sagt, arbeitet doch mal effektiver.“ Ein Gefühl, das KJT-Leiter Gruhn schon länger verspüren dürfte angesichts der widrigen Umstände an der Sckellstraße – sowohl personell als auch technisch und baulich. Im Juli soll die Entscheidung für einen Neubau in der Innenstadt fallen.
Kurzum: Eine „Pattsituation“, wie es Moderator Bodo Harenberg zusammenfasste. „Die Politik ist mit ihren Zuschüssen am Ende. Und die Spartenleiter sind in einer Grenzsituation, die nicht über längere Zeit fortgesetzt werden kann.“
Mögliche Lösungen aus dem Dilemma funktionieren nach dem Prinzip Hoffnung: Stüdemann setzt auf eine Erhöhung des Landeszuschusses für Kultur, der in NRW mit 3,5 Prozent so niedrig wie in keinem anderen Land sei – in Süddeutschland würden 40-45 Prozent gezahlt. „Beschämend für NRW“, fand Ulrike Märkel.
Das Ballett hingegen hat kreative Einnahmequellen erschlossen und erwirtschaftet auch dank Unterstützung der Ballettfreunde über die Hälfte seines Etats selbst: Die Tänzer schulen Mitarbeiter großer Unternehmen und Profi-Fußballer – im Bereich Körperwirkung.
13:16
Kathy van Breun hat in ihrer Dissertation mit dem Titel „Kunst und öffentliche Subvention“ folgende Merkmale herausgestellt.
A. Wenn Kunst subventioniert wird, ist der Mut zur Kreativität beschädigt.
B. Die Abhängigkeit der Kunst zu den öffentlichen Fördertöpfen, beflügelt auch das Anspruchdenken der Förderer.
C. Das Geben und Nehmen in der Sache auch zu Abhängigkeiten führt,
zu Abhängigkeiten der gegenseitigen Rücksichtnahme!
D. Was ist Freiheit der Kunst?
Nach was für Kriterien, soll ein Spielplan für Theater und Oper aufgestellt werden?
E. Welches Publikum soll erreicht werden?
Welches Publikum kann erreicht werden?
F. Aus der Dissertation - ZITAT: Heiner Müller: Kann es das Ziel sein,
eines Intendanten, ein Programm zu spielen, was politische Mehrheiten widerspiegelt?
G. Welche Abhängigkeiten gelten Kunst und öffentliche Geldgeber ein? Welchen Preis zahlt die Kunst für ihre Freiheit? Will die Kunst für Freiheit überhaupt bezahlen?
VAN Breun schließt ihre Dissertation mit einem Zitat von Ernst Hilpert ab:
Es geht nicht um die Käuflichkeit der Kunst, es geht um die Käuflichkeit des Publikums.