Ein Grenzgänger zwischen Gedanken
12.08.2010 | 18:40 Uhr 2010-08-12T18:40:00+0200
Dortmund.Er ist ein Grenzgänger. Zwischen Theorie und Praxis. Freier Szene und städtischer Institution. Künstlerischen Genres. Und all dem, was ein Theater zu bieten hat, auch wenn er jetzt als Dramaturg am Schauspiel engagiert ist. Alexander Kerlin wandert gern - zwischen Gedanken.
Alexander Kerlin sitzt auf einem Hocker vor dem Eingang des Schauspiels und soll - lächeln. Doch die Situation, diese so von außen gesteuerte Inszenierung, behagt dem 30-Jährigen nicht. Schon ohne Worte unterstreicht er, was er später ausspricht: Alexander Kerlin mag keine Schubladen und Klischees. „Für mich gibt es nur gutes oder schlechtes Theater“, erklärt er, dass er die Unterscheidung zwischen freier Szene und städtischer Bühne für irrelevant hält. Und auch für sich selbst beansprucht, Rollen zu wechseln - Dramaturg, Regisseur, Autor, Theaterwissenschaftler, eher weniger Schauspieler („Das muss die Welt nicht sehen“), obwohl er sie sehr liebt. „Ich möchte keine institutionelle Rolle wie ein Korsett tragen, aus dem ich nicht mehr rauskann.“ Frei im Denken bleiben und Gegebenes kritisch hinterfragen - das sind seine Grundsätze. So, wie er auch vom Theater das Experiment verlangt, „sonst ist es tot.“
Für das Experiment
Alexander Kerlin hat sich selbst in vielen Kontexten ausprobiert: Seinen Zivildienst absolvierte er bei einem Projekt mit Autisten in Jerusalem - zur Zeit der zweiten Intifada zwischen Israeliten und Palästinensern. Er hat Momente miterlebt, in denen sein Leben bedroht war. „Ich glaube, dass man durch solche Erlebnisse politischer wird“, sagt er. Und meint damit, dass Alltag, der Umgang mit Mitmenschen, die Gestaltung von sozialen Beziehungen, dass all das politisch ist - auch im Theater.
Der inszenierten Kunst ist Alexander Kerlin verfallen, als er israelische Filmstudenten begleitete. Theaterwissenschaft, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften hat er in Erlangen und Bochum studiert. Und als Experimentierplattform das „Kainkollektiv“ gegründet, das Theater, Musik, Tanz, Kunst und Neue Medien zusammenbringt. Der 30-Jährige arbeitete mit namhaften Regisseuren wie Roberto Ciulli, Paolo Magelli, Laurent Chétouane und René Pollesch. Und sagt trotzdem von Kay Voges, den er aus Moers kennt: „ Er ist mit Abstand derjenige, der am wärmsten arbeitet, der eine Gruppe einschwören kann auf ein Ziel.“ Voges könne integrieren, einen Prozess offen gestalten.
Und das ist Kerlin wichtig. Ebenso wie ein Theater, das Zuschauer berührt, unterhält, irritiert. Eine Bühne, die Widersprüche und Konflikte lebt - wie die greifbare soziale Ungerechtigkeit in Dortmund. „Aber ohne erhobenen Zeigefinger. Wenn wir meinen, wir wissen etwas besser, können wir es auch lassen.“ Wieder horcht er, wie so oft im Gespräch, seinen Worten nach, prüft sie auf ihren Sinn, ihre Gültigkeit, ihre Grenzen.
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