KOMMENTAR
Dortmund, vernagelt
29.01.2010 | 21:00 Uhr 2010-01-29T21:00:00+0100
Was für eine Posse, die sich da am Donnerstag in der Bezirksvertretung Innenstadt-West abgespielt hat. Die Benennung der Straßen und Plätze rund um den U-Turm stand auf der Tagesordnung.
Und damit doch eigentlich ein schönes, erquickliches Thema, eines, bei dem die Stadt hätte beweisen könne, welche kreativen Geister dieses Pflaster hervorgebracht hat.
Der berühmte Schriftsteller Max von der Grün aber war schon nicht mehr in der Wertung. Emil Schumacher, der an der Dortmunder Kunstgewerbeschule studierte, wurde abgeschmettert. Und Martin Kippenberger in die Schäm-Dich-Ecke geschickt. Anders lässt der Flecken Erde sich jedenfalls nicht bezeichnen, der nicht einmal direkt am U-Turm liegt und von den Besuchern, die vom Hauptbahnhof zum Kreativzentrum marschieren, höchstwahrscheinlich nie entdeckt werden wird. Noch nicht einmal eine Straße, nur einen Weg gönnt Dortmund wohl einem der berühmtesten Künstler, den es je hervorgebracht hat.
Ein Künstler wohlgemerkt, dem die Tate Modern, K 21 in Düsseldorf und das Museum of Modern Art in New York eine große Retrospektive widmeten. Ein Künstler, dessen Werke heute Millionenwerte erzielen. Und den heutige Studierende als Neuen Wilden verehren.
Dortmund aber will nicht zu viel Kippenberger. Erst recht nicht „an exponierter Stelle”, wie es in der Bezirksvertretung hieß. Auslöser ist ein Brief von Propst Andreas Coersmeier. Er wirft Kippenberger vor, mit seiner Werk-serie gekreuzigter Frösche „die religiösen Gefühle vieler Menschen verletzt zu haben”. Vielleicht ist ihm nicht bewusst, dass Kippenberger mit viel Ironie arbeitete und sich kritisch mit Künstlermythos und Kunstbetrieb auseinandersetzte. Und dass der Frosch in Fachkreisen als Selbstportrait in einer persönlichen Krise, nicht als Religionskritik oder Gotteslästerung gilt.
Tatsächlich aber geht es doch um die Freiheit der Kunst. Die muss auch gewährleistet sein, wenn sie mal provoziert und schmerzt – oder wollen wir ernsthaft Künstler haben, die wohlgefällige, linientreue, blinde, absolut unkritische Kunst machen? Die Einstellung zur Kultur, die sich hier offenbart, ist altbacken und provinziell. Sicherlich haben Leonie Reygers und Emil Moog die Würdigung am U verdient. Auswärtigen Besuchern aber hätte man zusätzlich auch bekanntere Namen gönnen können, um das Konzept zu verstehen.
Der U-Turm soll zu einem modernen Kreativ- und Kunstzentrum werden. Diese Posse aber lässt Böses ahnen. Und Martin Kippenberger lacht sich im Himmel wahrscheinlich kaputt.
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