"Die Bühne ist auch Teil der Realität"
07.12.2009 | 18:31 Uhr 2009-12-07T18:31:00+0100
Dortmund. Die Nachricht kam überraschend: Bettina Milz, die Theaterzwang 2008 leitete, dem Festival das Anhängsel „Favoriten” verpasste und es in die Kulturhauptstadt führen sollte, arbeitet in der Kulturabteilung der NRW-Staatskanzlei. Und Dortmunds Traditionsfestival hat eine neue Leiterin.
Aenne Quiñones. Die Berlinerin will vor allem eins: Dass die Leistungsschau der freien Szene vom 28. Oktober bis 6. November 2010 noch mehr in der Stadt ankommt.
Aenne Quiñones kennt das Ruhrgebiet. Sie hat 2004 im Team der Ruhrfestspiele Recklinghausen unter Frank Castorf mitgewirkt, arbeitete auch an Rene´ Polleschs Ruhrtrilogie in Mülheim. Und doch dachte sie bei ihrem ersten Besuch in Dortmund: „Was soll ich hier mit Theater machen? Wer interessiert sich denn dafür?” Aenne Quiñones weicht nicht aus, sie benennt - freundlich, aber bestimmt, während ihre Augen lachen. „Wenn ich das mal zugespitzt formulieren würde, interessiert sich niemand dafür. Außer, für ein kleines bürgerliches Publikum, ist Theater irrelevant.”
Ein harter Brocken. Unter dem sich Aenne Quiñones nicht begraben lassen will. Im Gegenteil: Sie will, dass das Theaterfestival noch mehr in Dortmund verankert wird, dass es umfassender in der Stadt ankommt. Ein erster Schritt ist der Abschied von dem merkwürdigen Doppelnamen, der noch im letzten Jahr kein wirkliches Glück verströmte: „Theaterfestival Favoriten 2010” heißt es jetzt. Der zweite Schritt: Begeisterung entfachen.
Aenne Quiñones kann verstehen, dass Jugendliche teils wenig mit Theater anfangen können. „Da ist eine viel zu große Entfernung, ein musealer Effekt.” Also wird Tänzer Samir Akika mit Jugendlichen aus der Nordstadt ein Projekt im Dietrich-Keuning-Haus realisieren. Sicher trägt das Festival 2010 auch noch die Handschrift von Bettina Milz. Zum Beispiel bei der Werkschau von Choreograf und Künstler VA Wölfl mit seiner Compagnie NEUERTANZ, ein Ruhr.2010-Projekt.
»Wenn das nicht ankommt, ist es halb so wichtig«
Aenne Quiñones ist aber besonders die Verankerung in der sozialen und gesellschaftspolitischen Realität Dortmunds wichtig, die Auseinandersetzung mit Menschen und ihrem Alltag. „Für mich ist es die Voraussetzung künstlerischer Arbeit, sich als Teil dieser Konflikte zu definieren.” Die Stadt, der Pott, seine Entwicklung: „Wie durch einen Brennspiegel sieht man, was in anderen Städten in spätestens 20 Jahren auch sein wird.”
Sicher - sie will mit dem Festival die freie Szene fördern, aktuelle Strömungen aufzeigen und unterstützen. „Aber wenn das hier nicht ankommt, ist es halb so wichtig.” Theater, findet Aenne Quiñones, muss Teil der Realität sein. So, wie bei der Arbeit in Mülheim, als plötzlich der Kioskbesitzer dem Theaterteam ein Bier ausgegeben hat...
Fotos: Knut Vahlensieck
0mitdiskutieren