Deutschland zwischen Freiheit und Überwachung
06.05.2010 | 18:45 Uhr 2010-05-06T18:45:00+0200
Dortmund. Innerdeutsche Geschichte, die sich außerhalb der deutschen Grenzen abspielte - es ist ein ungewöhnliches Kapitel in der Historie unseres Landes, das die Ausstellung „Deutsche Einheit am Balaton” in Dortmunds Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) beleuchtet.
Während des Kalten Krieges trafen sich Ost- und Westdeutsche im Urlaub in Ungarn - und nahmen sozusagen die Wiedervereinigung vorweg.
„Viele haben sich da getroffen. Das war ja günstig. Eine Begegnungsstätte.” Der Mann schluckt und weint. „Das war eben klasse.” Emotionale, sehr persönliche Geschichten sind es, die den Besucher in der Ausstellung erwarten. Geschichten einzelner Menschen - und zugleich Menschheitsgeschichte. „Vielen Zeitzeugen war gar nicht bewusst, dass sie etwas Besonderes miterlebt haben”, berichtet Projektkoordinatorin Anna-Lena Nowicki. Etwas Besonderes aber waren sie, die Begegnungen der Ost- und Westdeutschen am Plattensee: Die besondere Stellung Ungarns als liberalisiertes Ostblockland erlaubte dort zwischen den 60er und 70er Jahren zwischenmenschliche Begegnungen, die sonst unmöglich waren. In der Schau übrigens treffend symbolisiert durch einen alten Mercedes und einen Trabi in trauter Zweisamkeit.
Die Spurensuche nach den friedlichen Revolutionären initiierte das in Berlin ansässige Collegium Hungaricum vor zwei Jahren und beauftragte Regisseur Péter Forgács und Medienkünstler Gusztáv Hámos: 70 Zeitzeugen besuchten sie und sammelten über 50 Stunden privates Filmmaterial. Neun Interviews auf Leinwand verdichten die Ereignisse.
Carola Schacht etwa wurde zu Unrecht wegen eines vermeintlichen Fluchtversuchs aus der DDR inhaftiert und von der BRD freigekauft - getrennt von ihrer Familie, die sie nur am Balaton wiedersehen konnte. Lutz Hildisch hingegen verblieb nach der Trennung seiner Eltern in der DDR, hoffte aber immer auf die Rettung durch seinen Vater 'drüben'. Eine Sehnsucht, die bei einem Treffen in Ungarn kulminierte - und nie erfüllt wurde.
Tragische Schicksale wie diese stehen neben den unbeschwerten Bildern von badenden Familien, Gitarre spielenden Jugendlichen, knutschenden Pärchen. Balaton war auch Urlaub.
Und doch nie eine unbeschwerte Idylle, wie Kurator David Szauder deutlich macht: Dass es eine „Balaton-Brigade” gab, eine Heerschar von ungarischen und DDR-Geheimdienstlern, unterstreicht ein eigener Raum, der einer Stasi-Überwachungszentrale gleicht. Ergänzt durch das Interview von Stasi Spitzel „G”, der selbst seiner eigenen Familie verheimlichte, warum er wirklich an den Plattensee fuhr...
Fotos: Knut Vahlensieck
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