Das Kreativwirtschaftsmassaker
22.10.2010 | 18:49 Uhr 2010-10-22T18:49:00+0200
Dortmund.Sie sollen die Schönen, Klugen, Begehrenswerten unserer Gesellschaft sein, die für wenig Geld und bei maximaler Selbstausbeutung die Ideen zur Rettung unserer Wirtschaft und überhaupt der Zukunft liefern: die Kreativen!
Alexander Kerlin aber hat mit „Zero Tolerance: Tötet die Kreativen!“ im Rahmen des Schauspiel-Projekts „Stadt ohne Geld“ ein Stück geschrieben und inszeniert, in dem die Hipster zu Zombies mutieren – eine rasant witzige Uraufführung mit Trash-Faktor.
Zum Gewehr!
Es ist wieder einer dieser eintönigen Abende: Shaun, Liz und Ed kippen die Langeweile mit Bier in ihrer Stammkneipe Winchester runter. Doch etwas ist anders: Draußen rottet sich ein vom Kapitalismus infizierter Mob kreativer Zombies zusammen, der nicht mehr Selbstverwirklichung, sondern Blut will. Shaun, Liz und Ed sind verzweifelt: Bei Polizei und Feuerwehr ist besetzt – und die Stadtverwaltung ist im Urlaub! Da hilft nur eins: Selbst zum Gewehr greifen...
Alexander Kerlin hat ein Stück verfasst, das auf theatraler Ebene das Zeug zu dem hat, was das Buch „Generation Golf“ für eine Generation zuvor war – wenn auch deutlich böser im Humor: Die Generation Praktikum, in der Apple-Produkte zur quasi Religion geworden und Ideen, Kreativität, Action ein Muss sind, gute Bezahlung aber nur ein ferner Traum ist, wird sich hier bestens wiederfinden – und dabei eine Menge Spaß haben.
Caroline Hanke, Sebastian Kuschmann und Matthias Breitenbach stürzen sich mit großer Lust an Trash und schwarzhumoriger Satire in diesen einstündigen Parforce-Ritt. Zimperlich geht es dabei nicht zu: Wie in schlechten Horrorfilmen gibt es grelles Licht, schrille Musik, lautes Gekreisch. In Anlehnung an Splatter-Streifen wie „Braindead“ oder die Zombiekomödie „Shawn of the dead“ spritzen Blut und Körperteile um die Wette, wird Bier umgekippt und auf die Theke gesabbert. Eine ältere Dame kann gar nicht hinsehen, als Matthias Breitenbach Zähne spuckt.
Die Bedrohung von außen bringt Nils Voges als Radiosprecher von „Bash FM“ ein – und damit auch Lokalkolorit, der Anbiederung widersteht: Da kriechen Zombies aus dem Phoenix-See, wandert die „Horde nach Hörde“, schreit Caroline Hanke: „Was wollen all die Leute am U?“ Auch aus der Doppeldeutigkeit des Begriffs Wirtschaft ergibt sich mancher Lacher.
Subtil ist das nicht, aber den Künstlergruppen „kainkollektiv“ und „sputnic“ gelingt ein kraft- und humorvoller Kommentar zu einem höchst modernen Dilemma – dem kreativen Prekariat. Am Ende geht dem Ganzen ein wenig die Luft aus, scheint die zündende Idee passenderweise gefehlt zu haben – geschenkt! Dieses Stück hat das Zeug zum Kult.
23:53
hey, frau albach. Ja. Mir hat´s auch genau so gefallen. feine kritik. und das auch noch online für einen auswärtigen...